Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 20 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 beträchtlich stärker ist als die Begabung mitzuhassen, blieb ich seitdem von allen antisemitischen Anwandlungen geheilt. Ich kam ja bald darauf nach Wien zurück und lernte Schnitzler und Beer- Hoffmann, diese hohen Beispiele reiner Menschlichkeit, kennen, achten und lieben. In den neunziger Jahren sprach Theodor Herzl, aus Paris heimgekehrt, auf dem Heimweg von seiner Redaktion gern bei mir in der Günthergasse vor, und wir gingen dann oft noch eine Stunde lang im Maienabendsonnenschein um die Votivkirche herum, das unerschöpfliche Thema des Zionismus unermüdlich behandelnd. Ich fand ja den Zionismus zur Stärkung des jüdischen Selbstbewußtseins ganz probat, ohne mir aber recht vorstellen zu können, daß es den Juden mit der Auswanderung jemals ernst werden könnte, worauf er mir immer von neuem wieder beteuerte, daß zum Wesen, ja schon zum bloßen Begriffe der Nation ein Vaterland gehört. Ich erwiderte dann stets von neuem: Sie sind doch nicht bloß Jude, Sie dichten deutsch und beweisen sich dadurch als Deutscher. Oder war die Rahe] L e v i n, die Freundin Alexanders von der Marwitz, der Karoline Humboldt und des Fürsten von Ligne, keine Deutsche? Worauf er stets prompt erwiderte: Sie mag sich als Deutsche gefühlt haben, und von ihren Freunden mag dieses Gefühl auch anerkannt worden sein, aber damit ist noch nichts entschieden, denn wenn ihr irgend jemand das Recht bestritt, sich eine Deutsche zu nennen, 'hätte sie verstummen müssen. Wer aber erst schön um Erlaubnis bitten muß, von den Deutschen aus Gnade zugelassen zu werden, stets gewärtig, daß ihm das Recht dazu bestritten werden kann, ist kein Deutscher! Und kann denn überhaupt irgendein Mensch zwei Vaterländer haben? Der embarras de richesse ist zu groß! Wer wählen kann und sich erst für das eine der beiden entscheiden soll, wird uns immer suspekt sein, keinem anzugehören! Und mein Einwand, er selber sei doch ein lebendiger Beweis dafür, ließ ihn so heftig ergrimmen, daß ich zuletzt beschwichtigend immer wieder vorschlug, die Entscheidung jedem einzelnen anheimzustellen: der eine hat inneren Raum genug, um darin zwei Vaterländer unterzubringen, der andere kann in seiner Enge bloß eins behausen, er muß also wählen, welches ihm unentbehrlich ist. Herzl versicherte dann stets, er sei kein Kautschukmann, und so gingen wir lachend in der Abendsonne heim. Ich bin heute noch nicht klüger daraus geworden. Ich kenne Zionisten, deren Leidenschaft, Kühnheit und Opferfreudigkeit mir Bewunderung abzwingt und ich kenne so treu deutsch gesinnte und diese Gesinnung mit solcher Opferfreudigkeit bewährende Juden, daß jeder Zweifei an ihrer Echtheit verstummen muß. Die Blut frage bleibt noch offen. Wird das Denken und Handeln, ja das ganze Dasein eines Menschen durch das Blut bestimmt, wird es durch das Blut entscheidend bestimmt oder können wir die Herrschaft des Bluts über unser Wesen durch unseren Geist, durch unseren Willen schwächen, bändigen oder gar überwältigen? Wer an die Freiheit unseres Willens, wer an eine Kraft, den Stimmen unseres Bluts gebieten und sie den Forderungen der Vernunft und des Gewissens gehorchen lehren zu können, glaubt, der wird auch den Juden das Recht, Deutsche zu werden und sich durch ihr Sein und Tun als Deutsche zu bekennen, nicht absprechen können. Aber solange die Judenschaft Deutschlands sich selbst nicht einigen kann, ob sie sich in Deutschland daheim oder bloß zu Gaste fühlt, darf sie sich nicht wundern, wenn es nicht bloß Feinden, sondern auch sie schätzenden, ja vieles an ihnen bewundernden Deutschen schwer wird, sich vorzustellen, daß jemand zwei Vaterländer haben soll: wir sind diesen Plural nicht gewohnt. Aufruf der bürgerlich-demokratischen Partei. Die bürgerlich-demokratische Partei erläßt folgenden Aufruf: „Mitbürger und Mitbürgerinnen! Der neugewählte Nationalrat wird über das Schicksal Oesterreichs, über die wirtschaftliche Zukunft, über die geistigen und kulturellen Güter des Landes und jedes einzelnen von uns zu entscheiden haben. Entgegen den Absichten unserer Verfassung werden aber jene breiten Schichten in dieser Körperschaft nicht vertreten sein, die unser Volk und unser Land auf den Wegen demokratischer Entfaltung sehen wollen. Eben jetzt bedenken in Genf alle Staaten die Mittel, um auf dem Boden der privatwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung und des privaten Eigentums den verlorenen Wohlstand wieder zu gewinnen und selbst teilzunehmen an dem kraftvollen Aufstieg zu einer neuen Blüte der Welt. Kein Land muß von schmerzlicherem Absturz aufsteigen als Oesterreich. Allein die Pflege der Wirtschaft, überall erfüllt von neuen großen Impulsen, ist gerade in Oesterreich in die Hand agrarischer und sozialdemokratischer Vertreter gegeben. In ihrem Kreise wird aber nicht gewürdigt, wie innig die produktive Entfaltung, die uns allein retten kann,, damit zusammenhängt, daß wir der vorwärtsstürmenden Welt auch in der geistigen Entwicklung folgen, daß aber der Bestand aller kulturellen und sozialen Leistungen eine blühende Wirtschaft voraussetzt, wie sie innerhalb unserer historischen Erfahrung bisher nur auf dem Boden der privatwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung und des Privateigentums erwachsen ist. In diesem Zwiespalt sind die demokratischen, die bürgerlichen, die im wahrsten Wortsinn liberalen Wähler mundtot gemacht worden. Wir rufen darum alle, die so denken, auf, sich zu sammeln, um die Stimme der geistigen Freiheit, der wirtschaftlichen Vernunft und der sozialen Gerechtigkeit vernehmlich zu machen. Die bürgerlich-demokratische Partei eröffnet den Kampf gegen das bestehende Wahlrecht. Die beiden großen Parteien haben sich in der Abwehr jeder Reform gefunden. Wir rufen daher Euch auf, mit aller Kraft in den Kampf gegen dieses Unrecht einzutreten. Demokratie ist Erziehung zur Freiheit. Sie widerstrebt allen aufgezwungenen Lehrmeinungen. Deshalb dürfen wir unsere Jugend dem Zugriff machtgieriger Parteigruppen nicht länger ausliefern. Wir kämpfen für die Freiheit der Schule, für die Ausdehnung des Reichsvolksschulgesetzes auf den ganzen Bund, wir verwerfen die Versuche parteimäßiger Schulung und alle suggestiven Organisationen unreifer Kinder. Wir wollen Oesterreich auch in den Fragen der Erziehung und der Schule nicht zu einem abseitigen Winkel im entwickelten Weltgebäude werden lassen. Aus dem gleichen Grunde tritt die bürgerlich-demokratische Partei für die Reform des Eherechtes nachdrücklichst ein. Es ist dringend notwendig, endlich einen Zustand zu beseitigen, der unser Land rückständig, unsere Rechtsprechung widersinnig, unzählige Existenzen unglücklich macht. Die bürgerlich-demokratische Partei steht auf dem Boden der Privatwirtschaft und des Privateigentums. Sie erblickt nur in dieser Gesellschaftsordnung die Bürgschaft für die allgemeine Wohlfahrt, nur in ihr die Möglichkeit umfassender und dauernder sozialer Reform. Die direkten und indirekten Methoden der Enteignung, die Abtötung der Unter-