Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 20 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite <- DIE WAHRHEIT sind, alle als Semiten gelten läßt. Einstein ist deutscher Gelehrter, Bergson Franzose, Brandes Däne usf. Erfindungen wie Semitentum, Blutrasse, jüdischer Bolschewismus u. dgl. sind nur ebenso viele Köpfe der einen Hydra, die sich gegen den Juden, als fremden, wendet, als Haß bald einer nationalen, bald einer wirtschaftlichen Gruppenbildung. Kann man ihn besiegen? Soli man ihn bekämpfen? Es ist die Frage um Sein oder Nichtsein des Hasses und seines Erstgeborenen: des Krieges, — ein Menschheitsproblem, die Frage der Menschlichkeit. Alles Unheil, das über die Menschheit kommt, ist zum großen Teil selbst verschuldet, aus Menschenhaß geboren. Sein Sinnbild ist das goldene Kalb. Den Haß abzubauen, nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben, sind wir Juden in die Welt gesandt. Daß wir in unserer eigenen Sache, als die Meist- und Bestgehaßten, zugleich die der Menschheit führen, kann nur unseren Mut stärken und unseren Kampf adeln. Die Waffen sind das aufklärende Wort und die vorbildliche Tat. Der Kampf hat uns Wunden geschlagen. Manchen machte der unaufhörliche Vorwurf der Minderwertigkeit wirklich minderwertig. Er wurde zum Ueberläufer. Andere wurden von dem Gift dies Gruppenhasses angesteckt. Sie tragen ihn ins eigene Lager hinein, scheuen sich nicht als jüdische Antisemiten, unter den Brüdern zu scheiden nach religiösen, biologischen, lokalpatriotischen Ideologien, erinnernd an die Kirchturmpolitik der ehemaligen kleinen und kleinsten deutschen „Vaterländer". Aber auch jene zeigen die schädliche Wirkung des Kampfes, die als 150prozentige Patrioten im Chauvinismus die Umgebung zu übertrumpfen suchen. Doch der Kampf hatte auch sein Gutes. Er hat die geistigen und sittlichen jüdischen Energien aufs Höchste gesteigert, er hat das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der Zugehörigkeit zur alten Fahne wachgehalten. „Zu mir, wer für den Ewigen ist!" rief Mose im Anblick des goldenen Kalbes. Der Ruf gilt auch uns, noch heut. Das gesamte Judentum aus dem Galuth auszuschalten und damit dem Judenhaß den Boden einzuschränken ist unmöglich. Auch wäre damit nicht der Haß aus der Welt geschafft. Hüten wir uns nur vor einem: Bereiten wir uns nicht noch selbst im Galuth der Völker ein jüdisches Galuth mit all den Schrekken des Bruderkampfes! Bekämpfen wir den Kampf im eigenen Lager! Eine geschlossene Einheitsfront gegen den gemeinsamen Feind der Menschheit: den Haß! Unter der Devise: „Haben wir nicht alle einen Vater^ hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" (Mal. 2,10.)__ n DasRecht,sichalsDeutsche zu fühlen. Von Hermann Bahr, München. (Schluß.) Ich ging dann nach Berlin, um Nationalökonomie bei Adolf Wagner und Gustav Schmoller zu hören. Es war ein großer Augenblick: Bismarck war eben daran, die kaiserliche Botschaft von 1881 auszudeuten und auszudehnen durch die Forderung einiger Tropfen sozialen Oels, wovon er sich einen leichteren Gang der Staatsmaschine versprach. Er mahnte den Bürger an die Drohung Friedrichs des Großen: „Je serai le roi des gueux". Das war. das Stichwort für die neue Jugend, die, dem Bürgertum entstammend, bürgerlicher Gesinnung nun immer mehr entwuchs. Sie sammelte sich im Verein deutscher Studenten, und ein junger Referendar, der Leiter ihrer Zeitschrift „Kyrfhäuser", gab der neuen Gesinnung den Namen „Nationalsozial". Der Referendar hieß Wolfgang Heine, wir lernten einander bald kennen und wurden Freunde fürs ganze Leben. Jener Verein deutscher Studenten hatte zunächst einen antisemitischen Beisatz, wir versäumten selten eine Rede Stöckers, zu dem sich ja auch mein verehrter Lehrer Adolf Wagner eine Zeitlang hielt, aber als dann Nationalsozial in Auflösung geriet, indem es sich immer mehr vom Sozialen schied und dafür das Nationale, vom Sozialen losgelöst, ins Nationalistische steigerte, schlugen wir uns zur Gegenseite, wir bewahrten nicht bloß unseren Sozialismus, wir wurden, wie Jugend immer gern nach extremen Entscheidungen drängt, Sozialdemokraten. So waren wir genötigt, auch auf den Rest antisemitischer Stimmungen im Gemüt zu verzichten, wir schwuren ja fortan auf Karl Marx. Ich mußte dann von Berlin fort, um daheim mein Freiwilligenjahr abzudienen, ging nach diesem zunächst auf ein Jahr nach Paris, dann nach Spanien und Marokko, bis mich Arno Holz in die Redaktion der von ihm mit B r a h m und S. Fischer begründeten „Freien Bühne für modernes Leben", die jetzt die „Neue Rundschau" heißt, berief. Am 1. Mai 1890 traf ich wieder in Berlin ein, anderthalb Monate, nachdem der neue Herr den lästigen Bismarck in den Sachsenwald heimgeschickt hatte. Ich erkannte mein Berlin nicht wieder. Es war nicht mehr das alte. Nicht, daß es sich verändert hatte, wunderte mich, sondern daß es von seinem angestammten Wesen nichts mehr wissen, allen Sinn der Ueberlieferung nun durchaus verleugnen zu x^pllen schien. Mit der Zeit fand ich freilich mein geliebtes altes Berlin schon wieder, aber gerade dort wo es zu suchen mir am wenigsten eingefallen wäre: bei Juden, besonders aber bei Jüdinnen. Ich wurde gewahr, daß Juden, richtige Juden, ihrer Ueberlieferung getreue Juden ein durchaus konservatives Element sind; gewohnt, die Bräuche der Väter treu zu hüten, immer auf der Hut vor Veränderungen, von denen sie nie wissen können, ob es nicht Bedrohungen sind, halten sie gern am gesicherten Alten beharrlich fest. Ich fand das von Fontane bestätigt, einem unverdächtigen Zeugen, der, wenn er auch fand, „daß eine rein nationale Entwicklung, wie sie sich in manchen feilen Skandinaviens findet, das Schönere wäre", sich dennoch der „Tatsache" nicht verschloß, „daß uns alle Freiheit und feinere Kultur hier in Berlin vorwiegend durch die reiche Judenschaft vermittelt wird", ja, daß „das gesellschaftlich höher potenzierte Berliner Leben immer nur ein Juden-, will sagen Jüdinnenleben gewesen ist". Ja, Fontane ging so weit, an den Juden einen „eigentümlichen Idealzug" zu finden! Der . Kreis vornehmer Jüdinnen, in dem ich damals verkehrte, hat mir das bestätigt. Und wie denn überhaupt in mir die Begabung mitzulieben