Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 19 (6.5.1927)
- Date
- 1927-05-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 «lillH^ irniniiHniHiinisuniiiniiniununuirMiK die Wahrheit Eine gelungene Feststellung. Der Zeitschrift „Deutsche Republik" entnehmen wir folgende Ausführungen von Glenn Frank, Rektor der Universität Wisconsin, die für sich selbst sprechen: „Vor einigen Jahren unternahm ich ein ziemlich umfangreiches Studium der verschiedenen Arten von Rassenhaß, die sich nach dem Kriege in den Vereinigten Staaten breitmachten, und als ich den antijüdischen Teil der Literatur der Rassenintoleranz durcharbeitete, machte es einen tiefen Eindruck auf mich, daß den antijüdischen Propagandisten jede klare Idee fehlt, was nun eigentlich jüdisch ist. Ich fand, daß man den Juden schmähte und verfluchte für Dutzende von Charaktereigenschaften und Arten seines Auftretens, die miteinander im krassesten Widerspruch standen. Hier folgen einige der Eigenschaften, die man dem Juden zuschrieb: Der Jude ist ein Nationalist Der Jude ist ein Internationalist. Der Jude ist ein Materialist Der Jude ist ein Idealist Der Jude ist ein Reaktionär. Der Jude ist ein Radikaler. Der Jude ist ein Agent der Wall Street Der Jude ist ein Agent von Moskau. Der Jude ist ein Kriejtsschürer. Der Jude ist ein Pazifist Der Jude ist ein Händler. Der Jude ist ein Kommunist Der Jude ist uberall ein Ausländer. Der Jude ist nirgendwo ein Fremder. Der Jude ist ein unverschämter Großtuer. Der Jude ist ein hinterlistiger Ränkeschmied. Es ist klar, daß antisemitische Unduldsamkeit etwas anklagt, was sie niemals imstande war, klar zu kennzeichnen. Der Jude, der sowohl Judas wie Jesus ist, ist sichtlich ein verwirrendes Rätsel — wie alle anderen Menschenkinder. Es ist möglich, wie M. E. Ravage einmal meinte, daß der Psychoanalist finden würde, daß uns von der westlichen Zivilisation unbewußt der Jude unbequem ist, weil aus seinem Stamm eine Religion hervorging — das Christentum —, deren Verpflichtungen wir anerkennen, die wir aber zu umgehen eifrigst bestrebt sind. Falls wir in unserem Herzen materialistisch und militaristisch sind, ist es nicht möglich, daß wir ohne unser Wissen einen Groll hegen gegen die Rasse, die eine Religion hervorbrachte, die uns im Augenblick des Zuschlagenwollens daran erinnert, daß die Menschen Brüder sind und die Armen gesegnet, eine Religion, die uns zur Zeit unserer Bereitwilligkeit zur Schlacht verpflichtet, vor dem Altar dessen niederzuknien, der gesagt hat: „Gesegnet sind die Friedfertigen." Eine seltsame Idee! Aber nicht unwirklicher als das Mischmasch von Begründungen, die jeder Art von Rassenhaß beigegeben werden." Ferienkolonie Vöslau. Wie alljährlich beabsichtigt die Ferienkolonie Vöslau auch dieses Jahr in ihrem Ferienheime drei Erholungsturnusse für schulpflichtige Kinder (beginnend am 14. Juni, endend am 14. September) einzurichten. Es wird angezeigt sein, für Reservierung des Platzes rechtzeitig Vorsorge zu treffen. Anfragen sind an das Sekretariat des Vereines. Wien. VI., Gumpendorferstraße Nr. 92, Telephon 70-54. zu richten. Unentgeltliche Arbeitsvermittlungsstelle des Jüdischen Hochschulausschusses. Hofmeister, Hauslehrer mit Kenntnissen fremder Sprachen, auch für Nachhilfsunterricht in allen Mittelschulfächern (Philosophen, Pädagogen), erstklassige Kräfte für kommerzielle Unternehmungen (Handelshochschüler, Juristen) und Privatsekretäre vermittelt prompt und unentgeltlich der jüdische Hochschulausschuß, Wien IX., Zimmermannsplatz 8. Tel. 25-2-28. Telephonischer Aufruf oder Postkarte genügt. amMI«^ 1 1*1 AMrUP« Wiens elegantester I I „DLi/\ni\^rill Schönheitspflege- I Ig ——^——... salon - - - Damen- und Herrenfriseure I ML. PralersiraOe 9 (Mezzanin) § BIWMHWIIHHII^ iiiiiihhiiihhhiihui im um iinni it.............----........—--„ W VonWodke Worte )g Ein Traum. In einen dichtgefüllten Saal führt mich die Phantasie hinein. Drin sitzen Frauen reich an Zahl, in schimmernden und langen Reih'n. Doch oben, hoch auf der Tribüne, im schwarzen, wallenden Talar. Berät mit feierlicher Miene, den ernsten Spruch — die Richterschar. Und von dem Marmor, den umfängt der Lichter rötlich warmer Glanz, Der Menge sichtbar niederhängt ein golddurchwirkter Lorbeerkranz. Auf schwerem Seidengrund gemalt, in prächt'gen Farben anzuschauen, Geheimnisvoll die Inschrift strahlt: „Der Würdigsten von allen Frauen". Und Schweigen lastet rings im Kreis. Die Herzen banger, rascher schlagen. Wer wird des Sieges hohen Preis beim Urteil wohl von hinnen tragen? Da, in die Stille dringt ein Ton, der alle Herzen läßt erbeben. Der Lorbeerkranz herniedersinkt, die Richter ruhvoll sich erheben. Ein Schauer durch die Seele rinnt und setzt sich fort in hohen Wellen, Wie nun der Aelteste beginnt mit lauter Stimm4 den Spruch zu fällen. „Wir sind von Gott selbst eingesetzt, des Wortes tiefen Sinn zu lösen. Vernehmt, was ich euch künde jetzt: Die Mutter ist das höchste Wesen. In ihr die reinste Liebe wohnt, sie zwingt die Mühen und Beschwerden. Kein Efdensohn die Treue lohnt. Drum soll der Lorbeerkranz ihr werden." Und von den Stufen niedersteigt der Richter. Geigen singen leise. Und vor der Mutter er sich neigt und schmückt sie mit dem edlen Reise. Und eine Sehnsucht mich erfüllt. Die Töne Glück und Leid/ umfassen, Da deckt ein Schleier mir das Bild. Und Menschen, Saal und Licht verblassen. Die Morgenluft mich kühl durchzieht, den Himmel seh' ich wieder blauen. Und tiefbewegt weih' ich dies Lied der Würdigsten von allen Frauen. Beate Baumgarten. Zum Muttertage (8. Mai 1927). Zum Tag der Mutter. Am zweiten Sonntag im Monate Mai ist Muttertag. An diesem Tage werden in fast allen Staaten Europas und auch in unserer Republik die Mütter geehrt werden. Ist der erste Mai ein Tag der Freiheit, an dem von Millionen die Befreiung aus den Fesseln politischer und wirtschaftlicher Knechtschaft festlich begangen wird, so ist der achte Tag des Wonnemonates ein Tag der Liebe, jener heiligsten, erhaben-