Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 19 (6.5.1927)
- Date
- 1927-05-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT WUH^^ Seite 11 y llllltlllMHIIItllt*HI*HtlH*MMIItlUHHIIi •»••«•••»•••••* Wahrheiten vom (fa^e Pazifismus und Antisemitismus. In der gesamten Lebensarbeit Paul Nathans steht gewiß die pazifistische Betätigung nicht gerade im Vordergrund. Seine dauernde Bedeutung liegt in dem, was er als Mitherausgeber der „Nation" für die Durchdringung des politischen Lebens in Deutschland mit freiheitlicher, geistiger Kultur geleistet hat, und in der unermüdlichen, von echtester Humanität beseelten Arbeit für seine Glaubensgenossen und alle Bedrückten. Aber zugleich war er, ohne als solcher stark hervorzutreten, ein überzeugter Pazifist, seit Jahren Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft und seit Gründung der Deutschen Liga für den Völkerbund tätig in deren Präsidium (ursprünglich „Arbeitsausschuß" genannt). Er fehlte dort selten in einer Sitzung und gehörte, bei voller Würdigung der Gründe, die dafür sprachen, die Grundlagen der Liga nach rechts hin zu erweitern, zum entschieden pazifistischen Flügel. Als Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft habe ich mich wohl niemals vergebens an ihn gewandt, wenn es sich um moralische oder materielle Unterstützung der Bewegung handelte. Er war sicher, in den Pazifisten Gesinungsgenosisen im Kampfe gegen das Gift des Antisemitismus zu finden. Aber so sehr sein ganzes Leben darauf eingestellt war, den unglücklichen Opfern der antisemitischen Bewegung zu helfen, und so tief gerade ihn, den geistig und sittlich so hochstehenden Juden, das neuerliche Anwachsen dieser Bewegung in Deutschland berühren mußte, hat er niemals auch nur den leisesten Versuch gemacht, die pazifistischen Organisationen, denen er angehörte, für die Bekämpfung des Antisemitismus zu gewinnen. Er legte sich darin vollkommene Zurückhaltung auf, obschon er uns ja nur etwas zugemutet hätte, wozu pazifistische Grundsätze ohnehin jeden von uns verpflichten. Wir stehen als Pazifisten im unablässigen Kampf gegen Völkerverhetzung und deshalb auch gegen den Antisemitismus, die schlimmste aller Völkerverhetzungen, die schlimmste, da sie zugleich Volksverhetzung ist, die Glieder eines Volkes, getrennt durch Abstammung oder Glauben, gegeneinander aufhetzt. Die schlimmste, da sie nicht etwa nur, wie sonst im Verhältnis unter verschiedenen Völkern, eine Stimmung schaffen hilft, die bei Gelegenheit besonders schwerer Konflikte die Gefahr bewaffneter Zusammenstöße in sich birgt und in solchen Krisen jedes besonnene Urteil ausschließt, sondern da sie unaufhörlich mit dem schwersten Geschütz von Beschimpfungen die Gefühle von Haß und Verachtung verbreitet und die Aussicht auf gewalttätige Ausschreitungen zu einer beständigen Gefahr des öffentlichen Lebens macht. Die schlimmste, da unter ihr in vielen Fällen harmlose und anständige Mitbürger ihr ganzes Leben lang immer wieder seelisch zu leiden haben. Im deutschen Pazifismus hat sich, wie in früheren Zeiten schon, so ganz besonders nach dem Kriege, das Bedürfnis, gegen den Antisemitismus scharf aufzutreten, durchaus selbständig, ohne irgendeine Einflußnahme der Vereinsleitung, gerührt. Ich erinnere nur an eine Flugschrift des Herrn Filstedt, „Die neue Heilsbotschaft", und an ein Flugblatt von Auguste Kirchhoff, beide schon bald nach Friedensschluß erschienen, Seit vorigem Jahre ist die Bekämpfung des Antisemitismus den deutschen Pazifisten durch besondere Beschlüsse zur Pflicht gemacht. Auf dem 25. Internationalen Friedenskongreß, der im September 1926 in Genf stattfand, wurde eine Resolution, die den Kampf gegen den Antisemitismus proklamierte, einstimmig angenommen. Die Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft, die im Oktober in Mannheim dem Genfer Kongreß folgte, lenkte in einer gleichfalls einstimmig angenommenen Entschließung die Aufmerksamkeit der deutschen Oeffentlichkeit auf diesen Beschluß und forderte die Ortsgruppen der Gesellschaft auf, „den Kampf gegen den Antisemitismus als einen unerläßlichen Bestandteil ihres Aufgabenkreises anzusehen." *) Aus der von uns noch näher zu würdigenden Paul Nathan-Gedenknummer der „C. V.-Zeitung". Werbet Iboinrcitn für „Bis WaMmf! Deutsche Pazifisten sollen diesen Kampf führen im Geiste Paul Nathans, nicht blind für die Schwierigkeiten, die sich aus dem Nebeneinander verschiedener Abstammung und verschiedener Ueberlieferung innerhalb einer nationalen Gemeinschaft, wie aus dem Nebeneinander der Völker und Rassen innerhalb der internationalen Gemeinschaft der Menschheit ergeben, auch gefaßt darauf, daß sich aus diesem Nebeneinander Gegensätze entwickeln können, die auszugleichen und zu einem Miteinander zu veredeln, viel Duldsamkeit erforderlich sein kann, aber überzeugt, daß eben auf diesem Neben- und Miteinander, ja auch auf den Gegensätzen der Reichtum menschlicher Entwicklung beruht, und bis aufs äußerste entschlossen, denen zu wehren, die dieses Nebeneinander durch Gehässigkeiten vergiften und gewissenlos gefährliche Spannungen herbeiführen. Dr. L. Quidde, M. d. R. Höflichkeit und Rassenverhetzuog. Dr. Hugo S p i e g 1 e r schreibt in der Berliner „Jüdisch-Liberalen Zeitung": Eine neue Ullstein-Wochenschrift, „Die grüne Post", tritt in ihrer ersten Nummer für die Höflichkeit in der Politik ein und läßt zu diesem Thema Politiker aller Parteien zu Worte kommen. Nur die Mitglieder der „Völkischen Freiheitspartei" haben ihre Mitarbeit an einem „jüdischen" Verlagserzeugnis abgelehnt, dagegen hat der ehemalige Führer dieser Partei, der kürzlich ins Hitler-Lager abgeschwenkte Graf Reventlow das Unternehmen begrüßt und sich gegen das Schimpfen in der Politik, gegen persönliche üble Nachrede und Schnüffelei, gleichzeitig aber für den Rassenkampf erklärt, von dem er wünscht, daß er „mehr und mehr in den Mittelpunkt aller öffentlichen Fragen und bis zu einem gewissen Grade auch des gesellschaftlichen Lebens trete." Nun schließen Kampf und Höflichkeit einander durchaus nicht aus. Man kennt ja die berühmte historische Schlachtszene, in der die englischen Ritter den feindlichen Franzosen zuriefen: „Schießen Sie zuerst, meine Herren!" Es bleibt abzuwarten, ob sich, wenn erst der Reventlowsche Geist die Hitlerschen Jungmannen durchdrungen hat, Ueberfälle auf jüdische Passanten des Kurfürstendammes nach dem Vorbild der erwähnten Schlachtszene abspielen werden. Die schwergeplagte Polizei würde es wahrscheinlich sehr begrüßen, wenn schon am bevorstehenden Stahlhelmtag bei etwaigen Zusammenstößen die Gegner einander durch — Liebenswürdigkeit entwaffnen wollten. Leider erscheint solcher Optimismus nicht allzuberechtigt. Denn die wirkliche Höflichkeit, nämlich die, die auch in kritischen Situationen nicht Farbe läßt, ist der letzte äußere Anstrich einer auf stolzem Gipfel ragenden Kultur. Nach dem berufenen Urteil des Literarhistorikers Scherer hat aber die deutsche Kultur nur ganz vorübergehend solche Gipfelpositionen gehalten, und ihr Niedergang war in allen Jahrhunderten durch das Auftreten der konfessionellen und nationalistischen Hetzer gekennzeichnet. Rassenhetze bedeutet daher Abkehr von der Kultur und deren Symptomen, also auch von der Höflichkeit. Uebrigens hat gerade in einer Zeit deutscher Höchstkultur ein Dichter konstatiert: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." In kulturellen Verfallszeiten lassen konsequenterweise jene Herren, die Scherer als Symptome des Niederganges wertet, auch dann die Höflichkeit vermissen, wenn sie mit der Wahrheit auf Kriegsfuß stehen. Die Rassenhetzer wären sonst wahre Ausbünde von Höflichkeit . . . 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