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Die Wahrheit · 1927-05-06 · Heft 19 (6.5.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 19 (6.5.1927)
Date
1927-05-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT HIHiniUllllinilllH Seite 5 Oeffentliche Plenarsitzung der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mittwoch, den 27. April, fand im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt, deren äußeres Bild. bereits auf die Bedeutung derselben hinwies. Das fast vollständige Erscheinen der Vorstandsmitglieder, im Zuschauerräume zahlreiche Vertreter der Presse und der jüdischen Oeffentlichkeit sowie viele Beamte und Beamtinnen der Gemeinde, die in fieberhafter Erwartung der Verabschiedung des für sie so bedeutungsvollen Pensionsnormales, das den Hauptgegenstand der Sitzung bilden sollte, entgegensahen, schließlich die Anwesenheit einer Anzahl von „Werktätigen Juden", die voll Aufregung der Dinge harrten, die aus dem offenen Schreiben des Oberbaurates Robert Stricker in -der »Wiener Morgenzeitung", in welchem er ihren Vertreter in der Gemeinde Dr. Edwin Bade-r einen „Lügner und Verleumder" geheißen hatte, herauswachsen würden; all dies schuf eine gewitterschwüle Atmosphäre und der Moment der höchsten Spannung war gekommen, als Präsident Prof. Dr. A. Pick um 8 Uhr die Sitzung eröffnete. Nachdem er die ordnungsmäßige Einberufung der Sitzung und die Beschlußfähigkeit derselben festgestellt hatte, hielt der Präsident dem verstorbenen Oberkantor des Stadttempels M. B. Kaufmann einen Nachruf. Er sagte: „Am 5. April 1927 ist Oberkantor Kaufmann an einer Herzlähmung plötzlich verschieden. Der Verstorbene stand seit dem Jahre 1911 im Dienste der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, war zunächst durch sieben Jahre als erster Kantor im Ottakringer Gemeindetempel und sodann als Oberkantor im Stadttempel tätig. Er war ein Sänger von hoher Kultur, aber auch als Mensch mit hervorragenden Charaktereigenschaften ausgestattet. Oberkantor Kaufmann hat immer auch außerhalb seines Tätigkeitsgebietes die Würde seines Standes zu wahren gewußt. Er brachte unserer Gemeinde eine besondere Anhänglichkeit, hervorragenden Pflichteifer und unermüdliche Treue entgegen und hat sich bei allen, die ihn kannten, der größten Hochachtung und Verehrung erfreut. Unsere Gemeinde wird diesem hervorragenden Funktionär, dessen tragisches Ende uns alle tief berührte, ein stets ehrendes Gedenken bewahren. Möge sein Wirken ein Vorbild für seine Nachfolger sein. Das Vertreterkollegium hat als wohlverdiente Ehrung für den Dahingeschiedenen demselben ein Ehrengrab auf dem neuen israelitischen Friedhofe bewilligt, und die am 10. April d. J. stattgehabte Beerdigungsfeier gab ein beredtes Zeugnis dafür, welch großer Beliebtheit und Wertschätzung sich Oberkantor Kaufmann erfreute." Die herzlichen Worte, die Präsident Prof. Dr. Pick dem verstorbenen Oberkantor gewidmet hat, wurden von allen Anwesenden zum Zeichen der Trauer stehend angehört. Als ersten Punkt der Tagesordnung brachte Amtsdirektor Regierungsrat Guido Fuchsgelb den Einlauf zur Verlesung, dem wir folgendes entnehmen: Ein Dankschreiben des Herrn Rabbiners Dr. Samson Weisse in Berlin für die Gratulation anläßlich seines 70. Geburtstages. Ein Dankschreiben der evangelischen Pfarrgemeinde für die Anteilnahme anläßlich des Ablebens des Pfarrers Professor Dr. Zimmermann. Ein Dankschreiben der Frau Baronin Charlotte Königsv/ a r t e r für die Kondolenz anläßlich des Ablebens ihres Sohnes. Ein Dankschreiben des portugiesischen Marannen-Komitees in London für den seitens der Kultusgemeinde gewidmeten Beitrag von 10 Pfund Sterling für die Aktion dieses Komitees. Das Diplom der Keren Kajemeth-Zentrale über die Eintragung der israelitischen Kultusgemeinde Wien in das Goldene Buch. Ein aus Anlaß des 250. Todestages Spinozas erschienener, von der Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde herausgegebener Katalog über die gesamte innerhalb der Gemeindebibliothek vorhandene Spinozaliteratur. Eine Dankeskundgebung des „Jüdisch-akademischen Philosophenvereines" dafür, daß die israelitische Kultusgemeinde durch ihre finanzielle Unterstützung den Festvortrag des Spinoza-Forschers Dr. Gebhardt aus Frankfurt a. M., welcher am 12. März d. J. im Kleinen Festsaale der Universität stattfand, ermöglicht hat. Eine Entscheidung des Bundesministeriums für Finanzen, durch welche die Vorschreibung von Gebühren aus dem Titel des Pensionsfonds per S 8711.—, die von der Finanzlandesdirektion und dem Zentral-Taxamte erflossen war, zur Gänze aufgelassen wird. Dem Referenten in dieser Angelegenheit, Sekretärstellvertreter H o 1 z e r, wurde vom Präsidium der Dank und die Anerkennung ausgesprochen. Der Bericht der Amtsdirektion, daß gemäß den Bestimmungen des § 92 des Kultusgemeinde-Statuts der Rechnungsabschluß für das Verwaltungsjahr 1926 vom Vertreterkollegium zur Einsichtnahme der Gemeindemitglieder durch 14 Tage aufgelegen ist, daß diese Auflegung durch Einschaltung in der „Wiener Zeitung", überdies aber durch Verlautbarung in den jüdischen Blättern kundgemacht wurde, daß jedoch weder eine Einsichtnahme erfolgt ist, noch auch Erinnerungen von Gemeindemitgliedern darüber einlangten. Die Verlautbarung hat am 13. Februar 1927 stattgefunden. Am zweiten Tage des Passahfestes hat im Leopoldstädter Tempel die Einbringung einer Thorarolle in der üblichen feierlichen Weise stattgefunden. Dieses Sefer Thora ließ das Mitglied des Bethaus vor Standes Herr Sigmund Ernst aus eigenen Mitteln und mit der Widmung für das genannte Gotteshaus anfertigen. Das Präsidium und der Kultusvorstand sowie der Bethausvorstand, die an der Feier teilgenommen haben, brachten dem Spender den Dank der Gemeinde zum Ausdruck. Am achten Tage des Passahfestes wurde ein von Herrn Michael G o 111 i e b dem Leopoldstädter Tempel gewidmetes Zierstück für die Bundeslade der Bestimmung zugeführt. Auch diesem Spender wurde der Dank des Kultusvorstandes bekundet. Seitens der Gemeinde Wien sind in der letzten Zeit vielfach Ansuchen der Kultusgemeinde um Verpflegskostenvergütungen für nach Wien zuständige Insassen der israelitischen Versorgungsanstalt trotz der erhobenen Bedürftigkeit und Würdigkeit der Einschreiter aus dem Grund abgelehnt worden, weil die betreffenden Patienten zwischenzeitig in die Anstalt aufgenommen worden waren, ohne daß die Kultusgemeinde erst die oft viele Monate ausständige Entscheidung des Magistrates über die Kostenfrage abgewartet hätte. Durch diese Maßnahme, aber auch durch eine Gebühren vorschreib u n g bezüglich der allgemeinen Verwaltungsauslagen des Zentralfriedhofes, welche in extensivster Auslegung eines im Jahre 1877 zwischen der Gemeinde Wien und der Kultusgemeinde geschlossenen Vertrages erflossen ist, erscheinen die Finanzen der Kultusgemeinde empfindlich berührt. Das Präsidium fand sich daher veranlaßt, bei Herrn Stadtrat Breitner unter ausführlicher Darlegung der obwaltenden Verhältnisse und besonders unter Geltendmachung der in Betracht kommenden Billigkeitsgründe vorstellig zu werden, und es ist nach dem Verlaufe dieser Verhandlungen zu gewärtigen, daß in beiden Belangen seitens der Gemeinde Wien das erbetene Entgegenkommen geübt werden wird. Das Präsidium hat sich veranlaßt gesehen, beim Herrn Bürgermeister S e i t z dagegen vorstellig zu werden, daß seitens des Plakatierungsinstitutes „W i p a g", auf welches die Gemeinde Wien hervorragenden Einfluß hat, die Plakatierung der bekannten „V o 1 k s k a m p f" - P1 a k a t e, die in unerhörter Weise Aufreizungen gegen die Angehörigen der israelitischen Religionsgemeinschaft enthalten, nicht mehT vorgenommen wird. Amtsdirektor Fuchsgelb bringt nun ein Schreiben der Masistratsdirektion im Auftrage des Bürgermeisters zur Verlesung. In diesem wird der Kultusgemeinde zur Kenntnis gebracht, daß der Bürgermeister die Hetzplakate ebenfalls verurteile, jedoch außerstande sei, eine Zensur der „Wipag'VPlakate vorzunehmen. Die genannte Plakatierungsgesellschaft sei ein auf Gewinn berechnetes Unternehmen, das mit der Gemeinde Wien einen Vertrag geschlossen habe, durch welchen eine Zensurmöglichkeit der von ihr abgenommenen Plakate durch die Gemeinde nicht gegeben erscheine und nur die zuständige Gerichtsbehörde die „Wipag" zur Einstellung der Plakatierung der in Rede stehenden Plakate veranlassen könnte. Der Referent bringt dem Plenum in der gleichen Angelegenheit zur Kenntnis, daß sich der Präsident der Kultusgemeinde Prof. Dr. A. Pick und Vizepräsident Dr. J. 0rnstein auch zum Bundeskanzler begeben haben, um wegen der „Volkskampf'-Plakate Beschwerde zu führen, und von diesem das Versprechen erhalten haben, daß

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