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Die Wahrheit · 1927-05-06 · Heft 19 (6.5.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 19 (6.5.1927)
Date
1927-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite <i iiillM^ DIE WAHRHEIT & H Die Erregung, welche die Wahlen hervorgerufen haben, flaut allmählich wieder ab, der Schmutz und Schlamm, der da aufgewirbelt wurde, sinkt wieder zu Boden und die politische Oberfläche klärt sich wieder. „Aber der Antisemitismus!?'' Er hat eine schwere politische Niederlage erlitten, von der er sich nicht so bald wieder erholen wird. Doch wir Juden dürfen deshalb die Hände nicht in den Schoß legen, wir müssen weiter auf der Hut sein und alle Abwehrkräfte bereit halten, um sowohl den gemäßigten, als auch den maßlosen Antisemiten jederzeit entgegentreten zu können. Die Reden, welche von Dr. S e i p e 1 und Dr. Riehl gehalten wurden, verlieren deshalb auch nach den Wahlen nichts an Bedeutung. DasRecht,sichalsDeutsche zu fühlen. Von Hermann Bahr, München. Vorwort der Schriftleitung. Wir veröffentlichen mit besonderer Freude die so lebensfrisch geschriebenen Gedanken und Erinnerungen einer Persönlichkeit vom Range Hermann Bahrs über Juden und Judentum, die wir der Berliner „C. V.-Zeitung" entnehmen. Es ist für unseren Leserkreis überaus wertvoll, zu ersehen, wie sich einem Beobachter wie Hermann Bahr die jüdischen Fragen, insbesondere die innerjüdischen Gegensätze, darstellen. Es wäre dringend erwünscht, daß die deutliche und bitterernste Anklage Hermann Bahrs gegen die Jahre hindurch so häufig propagierte „Zweivaterländer-Theorie" in jenen Kreisen Beachtung fände, die allzuoft die von uns längst erkannten, unvermeidlichen Wirkungen einer solchen Selbstentwurzlung verständnislos ablehnten. In meiner Vaterstadt, dem freundlichen Linz an der Donau, gab es, als ich ein Kind war, einen einzigen Juden. Er hatte die Brückenmaut in Pacht und überdies noch einen roten Bart, und wen es verdroß, beim Passieren über den Strom in die Tasche nach dem schuldigen Obolus greifen zu müssen, der rächte sich, über den roten Judas murrend. Doch mein Vater verwies mir das, er war ein eifriger Liberaler, und zu den Grundsätzen des österreichischen Altliberalismus gehörte die Duldsamkeit gegen alle Bekenntnisse, die sich bisweilen fast zu einer gewissen Vorliebe für die Juden steigerte, zumal in Orten, wo es keine gab. Dieser österreichische Liberalismus meinte sich überdies vor allem zum Kampfe gegen die „Klerikalen" berufen, und die paar Juden in den Landstädten schienen ihm willkommene Bundesgenossen, sie galten als Muster freier Gesinnung und nachahmenswerter Betriebsamkeit. Auf dem Linzer Gymnasium hatten wir in meiner Klasse einen einzigen jüdischen Kameraden, er fiel nicht auf, er war uns gleichgültig. Im Obergymnasium zu Salzburg hatten wir keinen jüdischen Mitschüler, aber dafür einen getauften Juden zum Direktor, einen milden, gütigen, wenn auch etwas überängstlichen Herrn. Von allem Antisemitismus unberührt, ja, nicht einmal ahnend, daß es derlei gab, kam ich an die Wiener Universität und trat, von Jugend auf sehr deutsch gesinnt und nun noch von der nationalen Erregung aller österreichischen Deutschen, die sich eben damals von den Slawen bedroht zu fühlen begannen, erfaßt, einer Burschenschaft bei, die sich bald darauf, dem Beispiele der anderen folgend, für antisemitisch erklärte. Wir jungen Füchse wurden gar nicht erst befragt, wir saßen noch nicht im Konvent, wir hatten nicht mitzustimmen, wir hätten übrigens natürlich zugestimmt, denn es gehörte damals eben dazu. Das erste Opfer war Theodor HerzI, der, bisher wohlgelitten, ja schon durch seine hohe Gestalt, seinen Geist und die Kühnheit seines gern etwas diktatorischen Wesens hervorragend, nun eines Tages lakonisch verständigt wurde, sich als entlassen zu betrachten. Dieser Beschluß des Konvents war auf Antrag eines Juden erfolgt, eines hinreißend begabten, aber fast dämonisch von einem wilden Drange, stets in allen Dingen unaufhaltsam bis zum Aeußersten zu gehen und unerbittlich alle Folgen bis ans Ende zu ziehen, gedrängten, von allen Kameraden mit solcher Ehrfurcht bewunderten, so herzlich geliebten Jünglings, daß sie seiner Forderung, sich antisemitisch zu erklären, nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalt zustimmten, ihn selbst von den Wirkungen auszuschließen, denn er habe Proben genug abgelegt, kein Jude zu sein; er gab nach, aus Liebe zur Burschenschaft, und erschoß sich bald darauf; das schien ihm offenbar die einzige Lösung seiner inneren Bedrängnis. Indessen war ich wegen einer auf dem Trauerkommers der Wiener Studentenschaft zum Andenken Richard Wagners gehaltenen, angeblich/' unpatriotischen Rede von der Wiener Universität relegiert worden und ging zur Fortsetzung meiner Studien nach Czernowitz. Es gehörte damals dort zu den Bräuchen der nicht eben zahlreichen deutschen Studenten, beim Heimweg von der Kneipe Juden anzurempeln. An dieser Sitte nahm auch ich zuweilen teil, und von einem meiner Opfer wurde mir einst mit dem Wunderrabbi von Sadagora gedroht. Ich wußte gar nicht, wer das war, ich hatte nie von ihm gehört. Was man mir nun über ihn erzählte, reizte mich, und als wir wieder einmal beim Frühschoppen saßen und irgendwie das Gespräch auf ihn kam, fiel mir ein, einmal mit eigenen Augen zu sehen, was für Wunder denn so ein Wunderrabbi eigentlich kann. Und schon war ein Wagen besorgt, den wir reichlich mit Weinflaschen versahen, und lachend, zechend, mit Peitschen knallend, jagten wir durch den klaren Wintertag dahin. Es dämmerte schon, als wir beim Wunderrabbi vorfuhren und, ein durch unser Geheul aufgeschrecktes, blasses Jüngl wegschiebend, in die dunkle Stube drangen. Ein alter Mann erhob sich, höflich fragend, was die Herren Studenten wünschten. „Den Wunderrabbi sehen!", gab ich zur Antwort. Er erwiderte, sich leise mit offenen Armen neigend: „Bitte!" Und es begann ein tiefes Schweigen. Mir war, als stände das Alte Testament in Person vor mir. Er schwieg. Auch meine Gefährten schwiegen. Und es verdroß mich, daß auch ich schwieg. Der Nebel unserer Trunkenheit war auf einmal weg. Ich dankte höflich, wir legten eine Gabe hin, er neigte das Haupt, und am liebsten hätte ich ihm die Hand geküßt. Es verdroß mich sehr, und auf der Heimfahrt tobten wir wie die wilde Jagd dahin. Ich war ins Herz getroffen, der Rabbi hatte meinen Lebensnerv berührt: meinGefühlfürgroßeForm. Seitdem gelang es mir, wie oft ich es auch noch versuchte, nie wieder, ein richtiger Antisemit zu sein; Erinnerung an den Wunderrabbi kommt mir immer dazwischen. (Schluß folgt.)

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