Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 19 (6.5.1927)
- Date
- 1927-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT antisemitischen Gesinnung Dr. Walter Riehl ursprünglich aufgestellt war, bzw. versetzt werden mußte? Ueberhaupt hat sich die ganze Spekulation mit der Einheitsfront als vollkommen verfehlt erwiesen, da sich weder die Demokraten, noch auch die national-chauvinistischen Extremisten mit dem so „gemäßigten" Antisemitismus des Bundeskanzlers abfinden wollten, und die Christlichsozialen ziehen geschwächt um neun Mandate, die sie. teils an die Sozialdemokraten, teils an den Landbund, aber auch an ihre schlauen Bundesgenossen, die Großdeutschen, abgeben mußten, in den Nationalrat ein. Wie suchte nun Dr. Seipel über den leidigen Judenpunkt, der ihm offenbar recht viel Kopfzerbrechen machte, doch hinweg zu kommen? Er spaltet sein Ich einfach in zwei Teile, einen antisemitischen und einen nicht antisemitischen Teil. Der eine sagt: „Daß ich selbst als christlichsozialer Parteimann zum christlichsozialen Programm (dem Programm Luegers und des Antisemitismus) stehe, weiß alle Welt." Der andere aber sagt: „Für mich als Bundeskanzler und Führer der Einheitsfront gibt es eine Judenfrage nicht." Zwei Seelen kämpfen, ach, in der Brust Dr. Seipels. Welche wird den Sieg davontragen, die antisemitische Parteiseele oder die nicht antisemitische Bundeskanzlerseele? Diesen Gewissenskonflikt möge Dr. Seipel nur mit sich selbst auskämpfen, er, als Moraltheologe, wird doch sicher in Gewissensangelegenheiten genügend kompetent sein, um zu wissen, ob man zugleich für und gegen etwas kämpfen kann. * Viel weniger „gemäßigt" als der Antisemitismus Seipels ist natürlich der des Hakenkreuzlers Riehl, welcher, da er eine günstige Konjunktur zu wittern glaubte, ebenfalls unter die Einheitsfrontkämpfer gegangen ist. Auch er hat über die „Judenfrage" gesprochen und die Rede, Pf.. Feuilleton Der Fluch des Religionsstreites. Von Dr. V. K u r r e in. „Der Sohn einer Israelitin, der da war dir Sohn eines ägyptischen Mannes, ging hinaus unter die Israeliten und sie stritten im Lager — der Sohn der Israelitin und ein israelitischer Mann". III, 24, 10 Ein israelitischer Mann, der aus der Mischehe einer Israelitin mit einem Aegypter stammte, stritt mit einem Israeliten und lästerte dabei den Namen Gottes. Daß Menschen miteinander streiten, ist nichts Seltenes; daß sie sich im Streite zu Ungebührlichkeiten hinreißen lassen, ist ebensowenig überraschend als neu. Es ist daher sehr naheliegend, wenn unsere Weisen in diesem Falle, in dem die Thora einen Streit zweier Männer, die so wenig bedeutend waren, daß nicht einmal ihre Namen genannt werden, verewigt hat, nach Grund und Ursache des Streites fragen. R. Lewi sagte, jener Mann habe sich über den Glauben an ein Jenseits hinweggesetzt. R. Berechja meinte, er habe höhnisch wegen des Gebotes der Schaubrote gesagt: „Wie? Ein König genießt täglich frisches Brot, und Gott, der Herr, sollte neun Tage altes Brot bekommen?" Eine letzte Ansicht geht dahin, daß jener Mann seinen Wohnsitz im Stamme Dan aufschlagen wollte, und gefragt, mit welchem Rechte er solches beanspruche, sich die er vor der Wahl gehalten hat, dürfte wohl der Grund dafür sein, daß er dieselbe nach der Wahl nicht im Nationalrat halten wird. Ja, es scheint sogar, daß diese Rede weniger den so verhaßten Juden gegolten hat als Herrn Dr. Seipel selbst als Revanche für die Versetzung an eine weniger aussichtsreiche Stelle. Man wird zugeben müssen, daß Dr. Riehl diesen Zweck vollauf erreicht hat. Immerhin lohnt es sich, auch die Rede dieses Gefallenen und von der öffentlichen Meinung Hinweggefegten festzuhalten, weil sie uns zeigt, wie weit sich die glücklicherweise verschwindend kleine Anzahl Juden erniedrigt hat, welche die Einheitsliste durch Geld oder ihre Stimmen unterstützt haben, und uns beweist, welchen Grades von Selbstentäußerung „demokratische Organe" und „freie Pressen" fähig waren, die für diese Liste wohl erfolglos Stimmung zu machen versuchten. Daß sowohl diesen, als auch jenen von Dr. Riehl der gebührende Fußtritt erteilt wurde, darüber sich aufzuregen, haben die anständigen Juden sicherlich nicht den geringsten Grund. Dr. Riehl begann besagte Wahlrede mit einer Drohung: „Wenn mir ein Jude in die Hand fällt, dann webe ihm!" und er setzte sodann fort: „Wenn wir schon bei der letzten Wahl eine geschlossene christlichnationale Einheitsfront gehabt hätten, dann wäre das ganze Judengesindel niemals so frech geworden in Oesterreich. Lesen Sie nur die dreckigen Judenblätter, Sie werden dann erstaunt sein über das, was sich diese frechen Juden hier leisten. Die „Freie Presse" des Benedikt, das „S c h o r n a 1" des L i p p o w i t z und alle anderen Zeitungshebräer sollen von mir aus tausendmal zerspringen, wenn ich hier erkläre, daß wir in Oesterreich genau so eine christlichnationale Regierung darauf berufen habe, daß er mütterlicherseits von diesem Stamme abstamme. Da er aber bei dem Gerichtshofe Moses mit der Begründung abgewiesen wurde, der Wohnsitz richte sich nur nach dem Heimatsrechte des Vaters, ging er hin und fluchte Gott. Diese drei scheinbar in keinem besonderen Zusammenhange stehenden Ansichten wollen nicht nur die Art der Gotteslästerung angeben, sondern vielmehr Werdegang und Verlauf eines Streites über Religion und religiöse Anschauungen kennzeichnen. Was R. Lewi sagte, daß sich jener Mann über den Glauben an ein Jenseits hinwegsetzte, bedeutet jene geistige Einstellung, die nur an das glauben will, wovon man sich mit den Sinnen überzeugen kann, aber alles leugnet, was Erbteil eines gläubigen Herzens ist. Seit jeher gab es in der Frage nach dem Jenseits Streit und Meinungsverschiedenheit. Was R. Berechja anführte, die Verhöhnung der Einrichtungen im Heiligtume, bedeutet den zweiten Schritt im Religionsstreite. Denn alle jene von Zweifel und Unglauben erfüllten Naturen genügen sich mit dem eigenen Zusammenbruche ihres Glaubensgebäudes nicht. Sie suchen Genossen, denen sie in gleicher Weise den Glauben in Trümmer schlagen können, werden Agitatoren ihrer eigenen zerstörten und zerstörerischen Anschauungen; sie müssen bei anderen denselben Schaden — sie nennen es Aufklärung — stiften, den sie an sich erleben, eher ruhen sie nicht. Da aber ihre Weisheit und ihre Beweise sehr schnell zu Ende gehen und verbraucht sind, muß Hohn und Verhöhnung dessen, was anderen heilig ist, ihr Kampfmittel, ihre Angriffs- und Verteidigungswaffe abgeben. Ihre Waffen sind stumpf und schartig, erreichen nicht das Ziel, den Gegner zu bezwingen, dafür aber, daß man sie verläßt, ihnen ausweicht und aus dem Wege geht. Sie haben nicht gesiegt, nur fruchtlos gekämpft, nun kommt der letzte Schritt, den die dritte Ansicht treffend kennzeichnet, Sie suchen ihren Wohnsitz im Stamme