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Die Wahrheit · 1927-05-06 · Heft 19 (6.5.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 19 (6.5.1927)
Date
1927-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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€*sdkeinf Jedem STreifag 3feeis dieses üfiimmct: 50 Swoselfeen Ü/E WAHRHEIT Cesterreiifiiscfke Wodkenscfkvift für Jüdische JTnfeircssen Veröffentficnungen der „Union deuts&österr. Juden'* Redaktion und Administration: Wien II., JVeinesfroJSe JZw. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 6. Mai 1927 Nummer 19 „Aber der Antisemitismus!" Zwei Wahlreden. Bundeskanzler Prälat Dr. S e i p e 1 ist gewiß ein routinierter Politiker, der nicht nur die widerstrebendsten Strömungen und verschiedenartigsten Interessen in seiner eigenen, der christlichsozialen Partei, immer wieder auszugleichen versuchte, sondern es auch verstanden hat, Parteien und Gruppen unter einen Hut zu bringen, die sowohl in politischer, als auch in kultureller Beziehung, in ihrer Weltanschauung, wie in ihrer wirtschaftlichen Einstellung voneinander abweichen. Er ist der Schöpfer der „Einheitsfront", die es der durch zahlreiche Geschehnisse der letzten Zeit schwer kompromittierten und von der Opposition aufs heftigste bekämpften christlichsozialen Partei ermöglichen sollte, mit Hilfe nicht christlichsozialer Wähler die eigene politische Stellung zu behaupten und womöglich zu erweitern. Nicht staatspolitische Notwendigkeiten, wie dies von den Anhängern der „Einheitsfront" betont wurde, sondern durchaus parteipolitische Zweckmäßigkeiten waren es, welche Seipel veranlaßt haben, nicht als „C h r i s 11 i c h s o z i a 1 e r'\ sondern als „Einheitsfrontkämpfer" und „A n t i m a r x i s t" in den Wahlkampf zu ziehen. Die „Einheitsfront" sollte nämlich die schützende Hülle sein, hinter welcher sich die Christlichsozialen hätten verbergen können, damit sie nicht der Mißstimmung der in und außer der Partei stehenden bürgerlichen Wähler zum Opfer fallen. So sehr auch alle marxistischen und klassenkämpferischen Tendenzen in Staat und Gemeinde im Interesse der Wiederaufrichtung unserer Wirtschaft bekämpft werden müssen — „Antimarxismus" ist kein Programm, sondern höchstens der Mangel eines solchen, das Eingeständnis, es müsse weiter so „fortgewurstelt" werden wie bisher. Dr. Seipel versuchte zwar, die inneren Widersprüche der Einheitsfront zu überbrücken und den von ihm aus lauter alten Ziegeln errichteten Notbau mit einem einheitlichen Grau übermalen, damit die Risse und Sprünge des Gebäudes nicht äußerlich zutage treten. Dieses Streben kam vor allem in seinen Wahlreden zum Ausdrucke, in denen er viel gesprochen und vor allem auch versprochen hat, ohne etwas gesagt zu haben. Wie er sich in diesen Reden auch drehen und winden mochte, wie groß auch seine oratorischen Leistungen, die auch der Gegner anerkennen muß, gewesen sein mögen, darüber konnte er niemanden hinwegtäuschen, daß die Christlichsozialen viel weitgehendere Zwecke mit der Einheitsfront verfolgt haben als die „Bannung der roten Gefahr". „Denn," so sagte er selbst in einer vielbeachteten Rede, die er in einer Wählerversammlung ausgerechnet in Klosterneuburg gehalten hat: „Volkswirtschaft und Staatspolitik, Staatspolitik und Volkskultur sind keine getrennten Gebiete, die unabhängig voneinander gepflegt werden und gedeihen können." Sehr richtig, Herr Bundeskanzler! „Aber der Antisemitismus!" Diesen dort, wo von Kultur die Rede ist, sehr naheliegenden Einwurf machen nicht etwa wir Dr. Seipel, sondern den machte er sich selbst: „Die christlichsoziale Partei hat sich in ihrem Programm vom heurigen Neujahrstage neuerlich als antisemitisch bekannt. Die großdeutsche Partei, die mit nationalsozialistischen Gruppen enge Beziehungen unterhält, hat noch weniger ein Hehl aus ihrem Antisemitismus gemacht. Diese Parteien aber wollen eine Einheitsfront auch mit Liberalen und Demokraten bilden, denen der Antisemitismus ein Greuel ist! Ja, sie wollen es und sie glauben, es tun zu können." Wir glauben es Herrn Seipel gerne, daß diese Parteien ihre antisemitische Gesinnung — die zwar eine Gesinnungslosigkeit ist — im Interesse des Wahlerfolges sowreit verleugnen wollten,daß sie „auch" mitL i b e r a 1 e n und Demokraten, „denen der Antisemitismus ein Greuel ist", eine Einheitsfront zu bilden versuchten; doch das eine können wir nie und nimmer glauben, daß sich auch nur e i n aufrechter Demokrat, e i n wahrhaft Liberaler, sei es auch nur vorübergehend und zu einem bestimmten Zwecke, mit Menschen hätte verbinden können, deren Gesinnung ihm „ein Greuel" ist. Aber nicht nur aufrechten Demokraten und wahrhaft liberal gesinnten Bürgern war der von Dr. Seipel in das christlichsoziale Parteiprogramm aufgenommene Antisemitismus „ein Greuel", sondern er hat auch viele derjenigen, die ehemals den Christlichsozialen Gefolgschaft geleistet haben, abgestoßen, und zwar so weit abgestoßen, daß sie geradewegs im Lager der Klassengegner gelandet sind; denn wie ließe es sich sonst erklären, daß die Einheitsliste gerade dort die schwersten Verluste zu verzeichnen hatte, wo der Exponent der schärfsten

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