Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 18 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 den Etui aus Filigransilber. Durch ein dichtes Spalier fuhr sodann der Präsident in Begleitung des Obersten Kisch, dem Leiter der Zionistischen Exekutive in Jerusalem, und des tschechoslowakischen Konsuls in die Große Synagoge Jerusalems, wo er ebenfalls mit Gesängen und Gebeten begrüßt wurde. In der Synagoge wurden dem Präsidenten der Oberrabbiner Kook und führende zionistische Persönlichkeiten vorgestellt. Drei jüdische Selbstmorde an einem Tage. Neben dem großen Ringen, das sich Sonntag abgespielt hat und die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit im höchsten Maße fesselte, haben sich ganz in der Stille andere Ringen zugetragen, deren erschütternde Tragik jedes Menschenherz ergreifen muß. Die qualvollsten Seelenkämpfe mußten sich in den Herzen der Unglücklichen abgespielt haben, die an diesem Tage, von Not und Elend getrieben, ihrem Leben ein vorzeitiges Ende bereitet und, verzweifelt an der Welt und ihrer Zukunft, Hand an sich selbst gelegt haben. Es ist gewiß nur ein trauriger Zufall, daß 'die drei Unglücklichen, die am nämlichen Tage Selbstmord begangen haben, Juden waren, dennoch aber verdient die Häufung der jüdischen Sell'Stmorde in jüngster Zeit ernste Beachtung als Zeichen grenzenloser jüdischer Not und furchtbarsten jüdischen Elends. Diese Not ist jedoch keine, die sich zur Schau stellt, die Bittgesuche schreibt und sich an die öffentlichen und privaten Fürsorgeinstitutionen herandrängt, dieses Elend ist kein solches, das in Fetzen herumgeht und schon von weitem erkennbar ist, sondern hier handelt es sich um Menschen, die einst bessere Tage gesehen haben und äußerlich noch immer den Schein der Wohlhabenheit bewahren, während Hunger und Entbehrung ihren Körper zermürbt und ihre Seele zur Verzweiflung treibt. Die Frau, die sich und ihr Kind mit Leuchtgas vergiftete, während ihr Mann bei der Seelenandacht im Tempel verweilte, der alte Mann, der nach einem Leben voll Mühe und Arbeit sich erhängte, weil er zu schwach war, um sein Brot zu verdienen und ganz allein in der Welt stand, der Angestellte, der nirgends Arbeil und Verdienst finden konnte, sie alle haben aus Not gehandelt und aus Angst vor Not; denn, so sagt Popper- Lynkeus, der weise Menschenfreund, noch furchtbarer als die Not selbst ist die Angst vor der Not. Es wäre Aufgabe der jüdischen Wohltätigkeitsvereine, sich gerade verschämter jüdischer Armer, jener in der Stille hungernden Glaubensbrüder, anzunehmen und sie, wenn schon nicht durch ausreichende Gaben, so doch wenigstens durch werktätige Unterstützung und Trostspendung wieder aufzurichten, ihnen zu zeigen, daß sie nicht ganz verlassen sind auf dieser Erde, solange es noch jüdische Herzen gibt, die warm für ihre notleidenden Glaubensbrüder schlagen. Drei jüdische Selbstmorde an einem Tage! Sie sprechen eine deutliche Sprache, sie klagen an und sie verurteilen zugleich! Mussolinis Nachruf für Luzzatti. Ministerpräsident Mussolini hielt kürzlich in der Kammer Sitzung einen Nachruf für Luigi Luzzatti, in welchem er sagte: Luzzattis Werk ist mit der italienischen Geschichte des letzten halben Jahrhunderts innig verknüpft. Er war vielleicht die hervorragendste und repräsentativste Persönlichkeit der Gegenwart. Der hohe Rang, den Italien auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung unter den Nationen einnimmt, ist zum großen Teil dem Werke Luzzattis zu danken. Mussolini sagte, er habe in den letzten Jahren oft Gelegenheit gehabt, die weisen Ratschläge Luzzattis einzuholen, so insbesondere bei der Schaffung der kooperativen Organisation durch die faschistische Regierung. Mussolini schloß: Luigi Luzzatti war einer der großen, weisen und reinen Männer, die nie an sich denken, sondern stets an das Vaterland, die dem Vaterland zur Ehre gereichen und es verdienen, daß man über sie trauert und sie ehrt. Ritualmordhetze in Griechenland. Wie in den Jahren 1925/26, war die Stadt Florina auch in diesem Jahre in Verbindung mit den nahenden Pessachtagen der Schauplatz einer gefährlichen Ritualmordhetze. Zwei griechische Kinder im Alter von fünf und sieben Jähren wurden vermißt. Agitatoren streuten das Gerücht aus, die Kinder seien von den Juden zu rituellen ZVecken getötet worden. Die Menge wallte durch die Straßen und rief: „Tötet die Juden!" Der P^olizeipräfekt forderte den Rabbiner von Florina auf, die Kinder den Eltern zurückzugeben (!!). Die Stimmung war sehr gefährlich. Der griechische Metropolit intervenierte zugunsten der Juden. Militär sperrte das jüdische Viertel gegen den wütenden Pöbel. Schließlich wurden die vermißten Kinder unversehrt aufgefunden. Eine Untersuchung gegen die Hetzer wurde eingeleitet. Eine Szene im königlichen Palais in Bukarest Die rumänische Regierung, die sich wieder einmal in schweren Geldnöten befindet, sucht die Sympathien gewisser kapitalistischer Kreise insbesondere in Amerika, die sie sich durch ihren Antisemitismus verscherzt hat, wiederzugewinnen und bemüht sich daher, nicht etwa die judenfeindlichen Exzesse abzustellen, sondern dieselben in harmlose und kaum erwähnenswerte Auseinandersetzungen zwischen Rumänen und Juden umzulügen. Auf die tatsächlichen Zustände, die gegenwärtig in Rumänien herrschen, wirft eine Episode ein bezeichnendes Licht, die sich unlängst im königlichen Palais in Bukarest abgespielt hat und von jüdischen Zeitungen Rumäniens veröffentlicht wird. Im königlichen Palast zu Bukarest wurde unlängst ein Tee mit musikalischem Programm gegeben. Dazu hatte man auch eine stimmbegabte Italienerin eingeladen, die mit einem reichen Bukarester Juden verheiratet ist. Der Herr General, der augenblicklich als Ministerpräsident die Geschicke Rumäniens kommandiert, knüpfte mit der Dame ein Gespräch an und diese benutzte die Gelegenheit, um ihr Herz auszuschütten. Als der Minister die Redewendung gebrauchte, daß er keinerlei Ausschreitungen oder Gewalttätigkeit dulden werde, erwiderte sie geschickt: uIch wage nicht, an den Worten des Generals zu zweifeln, aber als ich vor kurzem bei einer Veranstaltung im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten singen sollte, wurde ich mit der Bemerkung davor gewarnt, daß die Studenten einen Skandal vorbereiten würden. Der Polizeipräfekt N i c o 1 e a n u riet mir ebenfalls, in Bukarest nicht zu singen." Der Herr Polizeipräfekt, der daneben stand, bestätigte die Angaben der Dame und erinnerte; daran, daß sie -und ihr Mann im vorigen Jahre schwer be- ': lästigt worden waren. Darauf erklärte der Ministerpräsident stolz wie ein Spanier: „Für die Vergangenheit, Madame, spreche ich mein Bedauern aus. Von jetzt ab jedoch wird vollendete Ruhe herrschen." Dazu schreibt der Abgeordnete Dr. Mayer Ebner in der Czernowitzer „Ostjüdischen Zeitung": Wir möchten mit der italienischen Dame antworten: Wir wagen es nicht, an den Worten des Ministerpräsidenten zu zweifeln, aber indem wir es sagen, unterdrücken wir die Stimme des Zweifels in unserer Brust. Nicht daß wir an den guten Willen des Generals nicht glauben! Aber es erhebt sich die Frage: Wird er es können? Die Frage ist begründet, denn kaum hatte der General — dies war vor der Szene im königlichen Palaste — seinen Brief an den Unterrichtsminister P e t r o v i c i herausgegeben, als die Mißhandlungen an der medizinischen Fakultät besonders heftig einsetzten. Und seither wird fleißig losgeschlagen auf die Juden. Weiß der Ministerpräsident, daß die exzedierende Studentenschaft ihre Protektoren hat im Minister rate selber? (Gemeint ist Innenminister Goga. D. Red.) Weiß er, daß die Sicherheitsbehörden von oben angefangen bis zum jüngsten Wach- ' * mann, in der Regel nicht eine Hand rühren, um die Exzedenten der strafenden Gerechtigkeit zu überliefern, und daß, wenn es v , schon geschieht, kein Staatsanwalt eine Anklage erhebt, so ** . daß der Richter gar nicht in die Lage kommt, über die Missetäter zu urteilen? Weiß er hingegen, daß Juden die ganze Schwere des Gesetzes trifft, wenn sie von dem natürlichen Rechte jeder Kreatur, dem Rechte der Notwehr, Gebrauch machen? Zum Mutiertag am 8. Mai. Eine Anregung der „Weiblichen Fürsorge". Die „Weibliche Fürsorge" veranstaltet, wie im Vorjahre, mit Hilfe der ihr angeschlossenen Vereine im Rahmen des großen Muttertagkomitees, dem die Vorsitzende der Fürsorge, Regine U11 m a n n, angehört, ihre eigene Aktion für Mütter. Als Zweig dieser Aktion hat Sophie G r ü n f e 1 d angeregt, t daß sämtliche Vorsteherinnen der „Weiblichen Fürsorge" an \ einem Tage ein oder zwei oder mehre reMütter, deren | Kinder gestorben oder unfähig sind, ihnen I eine Freude zu bereiten, bei sich gastlich und I freundschaftlich zu einer Mahlzeit aufnehmen mögen, ihnen | womöglich noch eine kleine Freude (Kinobesuch usw.) bei reiten mögen. Sämtliche Vorsteherinnen haben sich bereit & erklärt, auf diese Art wenigstens einer verlassenen Frau P den Muttertag zu verschönern. Die Fürsorge richtet nun an m die geschätzten Leserinnen der „Wahrheit" die Bitte, 11gleichfalls solche Frauen, deren jede einige kennen dürfte, K bei sich zu bewirten und ihren eigenen Namen und Adresse m 1 der Fürsorge, 1. 'Bez., Schottengasse 10, bekanntzugeben, m damit über diese Aktion dem großen Komitee Bericht erstattet W> werden könne. Im Vorjahre haben die Leistungen der „WeibwL\ liehen Fürsorge" beim Muttertage große Anerkennung gem funden und neuerdings dazu beigetragen, die karitative Beff tätigung der jüdischen Frau der großen Oeffentlichmk e i t, zur Ehre des Judentums, vor Augen zu führen. t