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Die Wahrheit · 1927-04-29 · Heft 18 (29.4.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 18 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 illlliliill!ilili!IIIIItllll[ll!!l!lllll!!i!!ll!illlli]i DIE WAHRHEIT wöchentlich ihre Spalten nur mit Festartikeln anfüllen! So viel bedeutende Juden gibt es in allen Kulturbetätigungen, während sie bevölkerungsmäßig im deutschen Reich doch noch nicht einmal ein Prozent ausmachen! — Seltsam — die meisten Menschengruppen, deren Wiege einst im Orient' stand, neigen zur seelischen Kontempation, zur Passivität. Die Juden hingegen haben im gemäßigten Klima unseres Planeten oft eine geistige Regsamkeit, einen so außerordentlichen Fleiß entfaltet, daß sie — wenn noch Genie hinzukam — unvergängliche Kulturleistungen zustande gebracht haben. Da kam vor Jahrzehnten der geniale Jude G o 1 d b e r g nach Berlin, nahm den Bühnennamen Max Reinhardt an und erneuerte, reformierte das Theater, schuf Millionen unvergeßliche Stunden. Vor kurzem feierte die gesamte deutsche Kulturwelt, und nicht nur diese — alle Parteien und Richtungen beteiligten sich an diesem Fest! — das 25jährige Direktorjubiläum dieses Mannes, der in allen fünf Erdteilen gleichermaßen berühmt ist, und der sich in der Geschichte der menschlichen Theaterkunst für alle Zeiten einen unvergänglichen Ruhmesplatz gesichert hat; man kann über ihn kaum sprechen, ohne Allgemein-Bekanntes und schon oft Gesagtes zu wiederholen. Vor kurzem feierte der Verlag Samuel Fischer In Berlin das Jubiläum seines 40jährigen Bestehens. S. Fischer, ein ungarischer Jude, kam Anfang der 80er-Jahre nach Berlin. Aus der Geschichte der neueren deutschen, schönen Literatur kann der Name dieses Mannes ebensowenig mehr hinweggedacht werden, wie etwa der Name Cotta aus dem Leben der Klassiker Goethe und Schiller. Fischer hat mehr geleistet, als Cotta! — Das Größte an ihm ist nicht sein ungewöhnlicher Fleiß, nicht seine bemerkenswerte, flimmernde Intelligenz, mit der er einst als erster Ibsen, Hauptmann, Mann, Stehr usw. druckte, zu einer Zeit, als diese Dichter noch ganz unbekannt waren, als noch ein erhebliches Risiko dazu gehörte, sie zu propagieren .... „Und hätte der Liebenicht!".... Das Größte an Fischer ist die Liebe, mit der er an vielen seiner Autoren hing, ist die Wärme des Gemütes, mit der er so manchem Dichter half, auch wenn er ihm nur Opfer bringen mußte! Gewiß hat Fischer auch viel Glück gehabt, er hat die Zeichen seiner Zeit verstanden, er hat das Fingerspitzengefühl für die geistigen Bedürfnisse der Jahrhundertwende gehabt und Werke herausgebracht, die in Abertausenden von Exemplaren „gingen". Allein mit bloß äußerem Erfolg und mit bloßer Bankkontopolitik hat sich noch niemand ein dauerndes Denkmal gesetzt! Das Wirken Fischers war bisher ein schöner Beweis, daß der wirklich gute Jude nicht nur ein smarter Geschäftemacher und wirtschaftlicher Organisator ist. Das Judentum hat Ja schließlich doch nur Daseinsberechtigung, solange es „Genies des Herzens" hervorbringt! Hoffentlich wird es auch in Zukunft daran keinen Mangel haben! Samuel Fischer hat aus den zahlreichen Dichtern seines Hauses eine große, sich verbunden fühlende Familie gemacht. Er hat viele gedruckt, sich für viele eingesetzt, von denen er ganz genau wußte, daß sie kein Geld einbringen würden, bei denen es von vornherein ganz sicher war, daß sie lediglich finanzielle Opfer erfordern würden! Einer ganzen Reihe von bedeutenden, deutschen Dichtern hat er, solange sie lebten, geholfen, ja, hat ihr Schaffen durch eine Rente, die sich, weiß Gott! niemals „verzinste", überhaupt erst ermöglicht! In einem der Aufsätze Fischers stehen die ganz ungeschäftlichen Worte: „Die Pflege der Dichtkunst, ,als Zweig des Buchhandels', gehört zu den persönlichsten Aufgaben des Verlegers!" Dieser Grundsatz ist bei Fischer keine bloße Phrase gewesen! Er hat immer nach ihr gehandelt! „Sami, schick* mir Geld!" — Das war der Kehrreim aller Ansichtskarten, die einst der in Italien herumwandernde, damals noch wenig bekannte Dichten Otto Erich H a r 11 e b e n schrieb. Und der gute „Sami" hat immer — oder bleiben wir bei der Wahrheit und sagen fast immer — Geld geschickt, nicht nur dem armen Otto Erich seligen Angedenkens, sondern auch vielen, vielen anderen! — Dann hatte Fischer einen jüdischen Lektor, Moritz H e i m a n n, einen Menschen, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Weltweisheit, Herzensgüte, Hilfsbereitschaft und Intelligenz bestand! .... Ueber die Verdienste Fischers und „seiner Leute" um das deutsche Geistesleben der letzten Jahrzehnte zu reden, ist nicht mehr nötig! — Wozu über Dinge sprechen, die ja jedermann kennt! Dem deutschen Judentum soll dieser Festag, das 40. Verlagsjubiläum des ersten deutschen Literaturverlages eine leuchtende Mahnung sein, Leistungen, und immer wieder große Leistungen hervorzubringen! — Das Ziel ist nichts — wir Menschen kennen es ja doch nie! —, aber der W e g ist allesJ Wenn das deutsche Judentum seinem Vaterland immer wieder Persönlichkeiten wie Max Reinhardt und Samuel Fischer schenken kann, dann wird es der großen Gesamtheit vortrefflich nützen und sich die heimliche Achtung und Liebe aller Geistigen erringen!..... Glossen. Das Wahlfieber ist glücklich vorüber. Werden sich jetzt unsere Verhältnisse normaler gestalten? * * * Mehr als 90 Prozent der Wähler haben ihrer Pflicht als Bürger entsprochen und sind zur Wahlurne geschritten. Es wäre zu wünschen, daß jetzt auch die Gewählten es als ihre Pflicht erkennen würden, wenigstens 90 Prozent ihrer Versprechungen ernst zu nehmen. * * * Am Wahltage kam es, dank dem Alkoholverbot, in Wien zu keinen Ausschreitungen. Vielleicht ziehen manche Parteiführer eine Lehre daraus und schütten auch Wasser in ihren Wein. * * * Herr Dr. Seipel hat mit hundert neuen Reden der Einheitsliste nicht so viel nützen können als eine der alten Reden Dr. Riehls ihr geschadet hat. * * * Die Hoffnung, daß das für unverfälschte Rassenreinheit schwärmende Großdeutschtum in den Herren Wottawa und Wancura ihre siegreiche Vertretung finden würde, ist nur zur Hälfte in Erfüllung gegangen. * . * * Herr Dr. Seipel gilt als ehrlicher Schwarzer. Aber weiß der Himmel, wenn er sich erinnerte, wie manche seiner politischen Bettgenossen sich zum Evangelium verhalten, muß er doch auch rot geworden sein. * , * * Ein Depeschenwechsel: Die freisinnigen Wähler der Leopoldstadt richteten nach Ausgang der Wahlen folgendes Glückwunschtelegramm an die freisinnigen Wähler von Mariahilf, Neubau und Josefstadt: „Wir gratulieren euch, daß ihr es zuwege gebracht, allen, die euch gering schätzten, mit dem Stimmzettel einen — Denkzettel zu geben." Prompt erfolgte folgende Antwort: „Besten Dank für die Glückwünsche. Aber wir dachten wahrhaftig bei der Wahl nicht nur an uns allein: Wir wollten Wien vor einer Schmach bewahren." * * In Baden gab es am Abend nach der Wahl viele eingeschlagene Köpfe. Aber nicht jeder offene Kopf ist ein Beweis für nüchternes politisches Denken. * * * Professor Ude ist nicht gewählt worden. Man wird im Nationalrat diesen katholischen Priester vermissen, der es mit zu den heiligen Pflichten seines Amtes zählt, irregeführte, verhetzte Christen daran zu erinnern, daß schon das — Alte Testament die Lügen und die Verleumdungen, den Haß und die Verfolgungssucht als schwere Sünden verdammt. * .. *

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