Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 17 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT 111^^ Seite 7 zu brechen und jenen an Zahl nicht geringen Schichten der bürgerlichen Bevölkerung, denen ein ungerechtes Wahlsystem fast jeglichen politischen Einfluß geraubt hat, wieder jene Stellung im Staate zukommen zu lassen, die ihnen auf Grund ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung gebührt, da ging ein Aufatmen der Erleichterung durch alle freiheitlichen und demokratisch gesinnten Kreise und die über alles Erwarten gut besuchten Versammlungen, in welchen die Kandidaten der „Demokratischen Liste" sich der Wählerschaft vorstellten und ihr Programm entwickelten, zeigten, daß der Ruf der Freiheit in unzähligen Herzen Widerhall gefunden hat. Zu diesen Männern, welche die Verpflichtung übernommen haben, die Interessen des freisinnigen Bürgertums mit allen Kräften zu schützen und gegen alle Angriffe, von welcher Seite immer sie kommen mögen, mit allen gesetzlichen Mitteln zu verteidigen, habe auch ich die Ehre zu gehören und, da ich ein Mann der Wirtschaft bin, möge es mir gestattet sein, mich in erster Linie mit den wirtschaftlichen Problemen, welche zur Austragung gelangen sollen, zu befassen. Die Parteien, welche unter dem Schlagworte des „Antimarxismus" in den Wahlkampf ziehen, sind durchaus nicht die Vertreter der „bürgerlichen" Interessen, für welche sie sich gerne ausgeben möchten. Die stärkste Partei der „Einheitsfron t", nämlich die Christlichsozi a- 1 en, vertreten in erster Linie agrarische Interessen; gehört doch die Bauernschaft zu den kräftigsten Stützen der Partei. Nur durch das Versprechen weitgehender landwirtschaftlicher Schutzzölle kann sich diese Partei ihren bei der Bauernschaft durch den Bauernbank- und andere Skandale verlorenen Einfluß wiedererringen. Was aber solche Schutzzölle, die eine wesentliche Verteuerung aller Lebensmittel zur Folge hätten, für die städtische Bevölkerung bedeuten würden, kann jeder wirtschaftlich Denkende voraussehen: Steigen aller Arbeitslöhne, der Angestellten- und Beamtengehalte bei Sinken des allgemeinen Lebensstandards, neue heftige soziale Kämpfe, Streiks, Aussperrungen, Zunahme der Arbeitslosigkeit, Repressalien der agrarischen Nachbarstaaten gegen unsere Industrie usw. Das ist das „Wirtschafts" - Programm der Christlichsozialen. Die Großdeutschen, welche ja auch „bürgerliche" Interessen zu vertreten vorgeben, haben sich bisher höchstens durch den Mangel jeglichen wirtschaftlichen Programmes ausgezeichnet, der Nationalismus, den sie vertreten, ist höchstens geeignet, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Völkern zu unterbinden. Und nun zu den Nationalsozialisten. Auch die haben ein Wirtschaftsprogramm aufgestellt, das an revolutionärem, ja geradezu kommunistischem Geiste nichts zu wünschen übrig läßt. Es beginnt mit der Beraubung und Austreibung der Juden. Sind das vielleicht die Vertreter der „bürgerlichen" Interessen? _ _ _ Die Sozialdemokratie steht nach wie vor auf dem Boden des Klassenkampfes. Für sie sind alle, die keine Proletarier sind» mögen sie nun überzeugte Republikaner, Freiheits- und Fortschrittsfreunde sein oder verkappte Monarchisten und Reaktionäre, „Bourgeois", „Ausbeuter" und „Gegner des arbeitenden Volkes". Hierin gibt es für sie keinen Unterschied. Während sich aber die wenigen wirklichen „Kapitalisten" den Nachstellungen eines Breitners zu entziehen verstehen, werden die Gewerbetreibenden und Kaufleute, die selbständigen Unternehmen und Angehörigen der freien Berufe durch die drückenden Steuerlasten und Gemeindeabgaben allmählich aufgerieben und an den Bettelstab gebracht. Die Jüdischnationalen,, welche eine sogenannte „Jüdische Liste" aufgestellt haben, haben von diesem Wahlkampf wohl nichts anderes zu erwarten, als daß sie sich bei vielen Juden, welche ihren Bestrebungen in Palästina Sympathie entgegenbringen, durch ihre die Interessen der Judenschaft schädigende „Landespolitik" auch diesen letzten Rest von Sympathie verscherzen, wiewohl es ungerecht wäre, die schwer um ihre Existenz ringenden Juden des Heiligen Landes die Fehler der um Mandate ringenden jüdischnationalen Parteipolitiker büßen zu lassen. Allein die „Demokratische Liste" vertritt die wahren Interessen des bürgerlichen Freisinns sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Sie zu wählen ist daher vor allem die Pflicht der Juden, die nur durch die Demokratie und in der Demokratie jenen Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung und kultureller Unterdrückung finden können, auf welchen sie als ein wertvoller Bestandteil der Bevölkerung unserer Republik Anspruch haben. Wie sollen Juden demokratischer Staatsauffassung und Weltanschauung wählen? Von Bezirksrat Dr. Koloman Freud er. Die Demokraten jüdischen Bekenntnisses lehnen den Eintritt in die sogenannte Einheitsliste mit aller Entschiedenheit ab. Die Zumutung, mit den unversöhnlichen Feinden des Judentums und den Anhängern rückschrittlicher Ideen einen gemeinsamen Wahlkampf zu führen, ist für jeden ehrenhaften und freiheitlichen Juden unerträglich. Weder die Hoffnung auf Mandate, noch die Aussicht auf die Niederlage der „Marxisten" kann jüdische Demokraten dazu veranlassen, politische Weggenossen jener zu werden, welche die Juden als umstürzlerische und zersetzende Elemente bezeichnen. Gegen den Unfug Am 24. April wählt Die Demokratische ilfte!