Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 17 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Iii iiiliilllllllllliilliliiiiillllliliW IIIIIIIIIIIIIIIIIM DIE WAHRHEIT auch wenn sie die besten Zeugnisse besitzen, zurückgesetzt werden, um den Juden Platz zu machen. Nichtjuden werden fürderhin auch nicht mehr durch die wenn auch nicht ausgesprochene aber nicht zu mißdeutende Zumutung gekränkt werden, durch einen jämmerlichen, verächtlichen Abfall von ihrer Religion den Zugang zur wissenschaftlichen Karriere zu erlangen. Diese nichtjüdischen Väter und Mütter werden fürderhin nicht mehr bei dem Gedanken zittern müssen, daß ihre studierenden Söhne und Töchter beim Betreten der geheiligten Hallen der Hochschulen von Andersgläubigen mit blutigen Schimpfworten und mit Knütteln empfangen werden könnten .... das alles wird aufhören. Der Herr Bundeskanzler hat in feierlicher Stunde es ihnen verbürgt, daß ihnen selbstverständlich die Gewißheit vollen Schutzes zuteil werden muß, der die Wiederholung solch schändlicher Ausschreitungen wirklich ein gründliches Ende machen würde. * * * Wie beunruhigend nicht für wahre Christen, wohl aber für echte Antisemiten mußte dagegen die Programmrede des Dr. Ude wirken, der übrigens auch ein Priester und Professor der Moraltheologie ist. Dr. Ude fordert, abgesehen von der Zustimmung zu seinen wirtschaftlichen Projekten, über die die Meinungen wohl auseinandergehen können, auch hauptsächlich die Moral für die Politik. Da aber weiß er nichts anderes und nichts besseres als die zehn Gebote^ also die alttestamentarische Ethik der Juden als Richtschnur für das öffentliche Leben hinzustellen! Ist das nicht ein Faustschlag in das Antlitz der Antisemiten, deren geistiges Um und Auf in dem Schlagwort der um jeden Preis zu bekämpfenden „Verjudung" der Welt besteht? Und da verkündet ein Priester, der noch dazu ein Professor der Moraltheologie ist, der angeblich ohnehin radikal „verjudeten" Welt, daß in der Rückkehr zur Ethik der zehn Gebote, auf die die Ethik des Christentums aufgebaut ist, einzig und allein das Heil zu suchen sei! Professor Ude hat mit dem Wahrheitsdrang des ganz von Ideen durchglühten Fanatikers am Schlüsse seiner Rede sich zur Mitteilung hinreißen lassen, man habe ihm Geld für seinen Eintritt in die Einheitsfront geboten. Ich wäre nicht erstaunt, wenn nächstens ein weniger von Wahrheitsfanatismus als von Judenhaß beseelter Hetzer mit der Versicherung aufträte, Professor Ude habe die zehn Gebote verherrlicht, nicht bestochen von dem Glanz der ewigen Wahrheit, die aus ihnen leuchtet, sondern bestochen von — jüdischem Gelde. * * * Aus den zehn Geboten schöpfte Professor Ude wohl auch die Anregung, daß er nicht „nach dem Taufschein und der Parteizugehörigkeit", sondern nur nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit fragen wolle. Hm ... Sollte da eventuell ein antisemitischer Hinweis auf das so gewinnende „jüdische" Geld zur Kennzeichnung Udes genügen? Müßte man bei einem Priester, der sich zwar als glühender Bekenner seines katholischen Glaubens vorstellt aber nicht nach dem Taufschein fragen will, nicht auch zumindest die Frage nach dem Taufschein seiner Eltern aufwerfen? Vielleicht standen schon seine Urahnen am Berge Sinai und dann wäre ja sein Faible für die zehn Gebote erklärt. Ego. Gleichberechtigung oder Minderheitsrechte? Von Kultusvorsteher Dr. Josef Ticho. Es kann von keiner Seite bestritten werden, daß von gesetzeswegen die bürgerliche Gleichheit aller Juden in allen europäischen Staaten anerkannt und festgelegt ist. Allein es wird behauptet, daß der Gedanke von der völligen Gleichheit aller Staatsbürger, trotz der Gesetze, sich noch nicht überall durchgerungen hat. Es sei ohne weiteres zugegeben, daß dieser Gedanke die breiten Massen noch nicht derart durchdringt, daß er als in deren Bewußtsein verankert erscheinen könnte. Trotzdem kann uns die Entwicklung der letzten 50 Jahre mit Stolz erfüllen, weil jeder objektive Beurteiler erkennen muß, daß unser Weg, wenn auch hie und da noch verlangsamt und aufgehalten, doch immer stets aufwärts gegangen ist und auch in Hinkunft*stets aufwärts führen muß! Denn kein Staat darf es heute wagen, in seinen Gesetzen Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden festzulegen. Kein Staat darf heute zwischen Staatsbürgern höheren und minderen Rechtes unterscheiden und so erscheinen auch nirgends mehr die Juden als mit minderen Rechten ausgestattete Staatsbürger. Es ist dies eine Errungenschaft des Liberalismus, für welche wir Juden ihm die größte Dankbarkeit bewahren werden. Darum fällt uns die hehre, ja heilige Aufgabe zu, unentwegt auf dem Boden dieses Staates zu stehen und zu erklären: Euer Staat ist unser Staat, eure Gesetze sind unsere Gesetze, euer Vaterland ist unser Vaterland. Und dieser Boden, auf dem wir leben, ist ein gemeinsamer, er ist der Unsere, wie er der Euere ist! Wir wollen und dürfen uns daher nicht auf uns selbst beschränken, auf uns selbst zurückziehen und uns in einen Schmollwinkel begeben. Gleiche Rechte verlangen wir, wie wir gleiche Lasten tragen. Gleichberechtigte Staatsbürger sind wir, wie alle anderen! Wir verlangen daher für uns nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Uebrigen. Mag die Sonne der Freiheit oft und oft uns umwölkt erscheinen, sie muß und wird doch siegreich die Wolken zerteilen und über alle Menschen auf dem ganzen Erdenrunde in gleicher Weise ihre wärmenden, hellen Strahlen senden! Wirtschaft und Mißwirtschaft in Oesterreich. Von Bezirksrat Aurel Engel, Listenführer für den Gemeinderat in der Leopoldstadt. Als die Vereinigten Wirtschafts- und Angestellten-Gruppen sich zu einer „Demokratischen Liste" zusammenschlössen, um anläßlich der bevorstehenden Wahlen in die öffentlichen Körperschaften das Zwei-Parteien-System, das in Oesterreich gründlich abgewirtschaftet hat,