Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 annBM^ DIE WAHRHEIT OberkantorM. B. Kaufmann Wie eiii Blitz aus heiterem Himmel hat der grausame Tod einen Mann in der Blüte seiner Jahre dahingerafft und mitten aus einem arbeitsreichen Leben herausgerissen. Mit Oberkantor M. B. Kaufmann, der Dienstag, den 5. d. M. einem Herzschlag erlegen ist, ist ein Mann von uns gegangen, der sich und seine Kunst in den Dienst einer heiligen und erhabenen Sache gestellt hat, ein großer Künstler, der zur Ehre Gottes gesungen und zur Ehre des Judentums gewirkt hat. Selbst in die profane Kunst, von welcher Oberkantor Kaufmann zu uns gekommen ist und in der er einen nicht geringeren Grad von Meisterschaft erlangt hatte, wurde von ihm, dem auf höchster Stufe sittlich-religiösen Empfindens stehenden Sänger, ein Hauch des Göttlichen getragen und die Lieder und Gesänge, welche seiner begnadeten Kehle entströmten, waren eingehüllt in jene tiefe Inbrunst und restlose Hingabe an die Kunst, welche selbst schon an schönste und edelste Religiosität grenzt. Jene gewaltige Wendung vom Ethischen in das Aesthetische, die allen großen Künstlern eigen ist, hat auch Oberkantor Kaufmann in seiner Kunst vollzogen und darin liegt der tiefe Grund, warum er ein so hervorragender Interpret jener ganz großen, mit sich selbst und dem Unendlichen ringenden Tonschöpfer gewesen ist. Jeder, der wie ich das Glück hatte, mit dem Verstorbenen zu musizieren, war hingerissen von der Art, wie er den Geist Schuberts und Br ahms, um nur seine Lieblings-Tondichter anzuführen, in ihren Liedern zu neuem Leben erweckte. Die tiefe Schwermut und den erschütternden Weltschmerz, der in vielen Liedern gerade dieser Komponisten gelegen ist und die ganz seiner Wesensart entsprachen, hat er wie selten jemand zum Ausdrucke gebracht. Das letzte Lied, zu dem ich meinen Freund Kaufmann auf dem Klavier begleitet habe, und das sein Schwanengesang werden sollte, war „Trockene Blumen" von Schubert: „Ihr Blümlein alle, die sie mir gab, Euch soll man legen mit mir ins Grab. Wie seht Ihr alle mich an so weh Als ob Ihr wüßtet, wie mir gescheh' . . ." Die Tage der Jugend Oberkantor Kaufmanns waren hart und schmerzvoll. Er teilte das Schicksal mancher großen Meister seines Faches, die wie er eine Jugend voll Not und Entbehrungen durchmachen mußten und sich erst in unermüdlicher Arbeit und schwerem Ringen zur Höhe ihrer Meisterschaft durchkämpfen konnten. Und nun, nachdem er angelangt war auf dem Gipfelpunkt seines Könnens, hat ihn ein tragisches Geschick dahingerafft! Im Alter von 13 Jahren hatte er seinen Vater verloren und mußte, kaum selbst den Kinderschuhen entwachsen, danach trachten, möglichst bald seiner vielköpfigen Familie den Ernährer zu ersetzen. Er besuchte das Konservatorium in Lemberg, doch zog es den musikbegeisterten Jüngling alsbald nach Wien, dem Zentrum des Musiklebens. Er besuchte hier das Konservatorium und erhielt nach Absolvierung seiner Studien sogar den Mahler-Prcis. Die folgenden Jahre waren ausgefüllt mit Engagements in den Operntheatern von Dresden, Berlin, Königsberg und Prag, woselbst er unter der starken Hand Angelo Neumanns, der den aufstrebenden Künstler hoch einschätzte, große Erfolge errang. Doch die profane Kunst allein bot der gottsuchenden Seele dieses edlen Menschen keine dauernde Befriedigung und mit immer stärkerer Kraft zog es ihn hin zu jener heiligen Stätte, an welcher die tiefempfundenen altjüdischen Weisen aus andachtsvollen Herzen zu Gott emporströmen. Kaufmann, der einer angesehenen Familie in Kamenec-Podolski entstammte, folgte daher gerne dem Rufe der altehrwürdigen Prager Gemeinde, als Kantor zu wirken. Die zahlreichen Wiener Freunde jedoch, die er sich während seines ersten Aufenthaltes hier erworben hatte, ruhten nicht früher, bis es ihnen gelang, ihn als Kantor nach Wien zu bringen. Ihre vereinten Bemühungen verschafften ihm die Stelle eines Kantors im Wiener Gemeindetempel in der Hubergasse, von wo er nach einigen Jahren erfolgreicher Wirksamkeit den Weg in die Seite nstettengasse fand. Seit sieben Jahren daselbst als Oberkantor tätig, hat er seine große Gemeinde davon überzeugt, daß das wahre Ideal eines jüdischen Gottesdienstes in der Vereinigung tiefster Religiosität und höchsten Kunstempfindens gelegen ist. Mögen wir alle in Oberkantor M. B. Kaufmann einen hervorragenden Künstler, einen bedeutenden Menschen und tiefreligiösen Juden verloren haben, seine Freunde verlieren ÖSTERREICHISCHER KANTORENVEREIN Wien II., Weintraubengasse 7 In einer am 6. April 1927 zum Zwecke der Trauerkundgebung einberufenen außerordentlichen Vor«tandssifzung des Österreichischen Kantorenvereines hat dessen Präsident, ]. Löwit, die Mitglieder von dem plötzlichen Ableben des Vorstandsmitgliedes, Oberkantor M. B. Kaufmann in Kenntnis gesetzt. Er würdigte hierbei die großen Verdienste dieses ausgezeichneten Menschen um den Verein und die Hebung des Ansehens des ganzen Standes, zu dessen hervorragendsten Repräsentanten er gehörte, schilderte sein hohes Künsllertum, seinen vornehmen, edlen Charakter und sein liebenswürdiges, stets hilfsbereites Wesen, das ihm unter seinen Berufskollegen große Sympathie und Wertschätzung verschaffte. Die eindrucksvollen Worte des Präsidenten wurden zum Zeichen der Trauer stehend angehört, worauf der einstimmige Beschluß gefaßt wurde, die Trauerkundgebung im Vereinsprotokoll festzuhalten, damit das edle Wirken des Verblichenen auch den kommenden Geschlechtern als Vorbild diene. Wien, im April 1927.