Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT UinMIIIIM^ Seite 11 Rechet Abonnenten fOi> die „Rabrbeit" I Antisemiteln. Es scheint, daß selbst bisher ausgesprochen liberale Blätter glauben, dem Zeitgeist dann und wann ein Opfer hinwerfen zu müssen, um sich aktuell zu erhalten. So bringen die „Lustigen Blätter" vom 20. Februar d. J. unter der Aufschrift „Neues aus Jerusalem" eine Auslassung, die weder Geist noch Geschmack verrät Oder soll das „lustig'4 sein? Anläßlich der Beethovenzentenarfeier sei daran erinnert, daß die Vertreter der Wiener Judenschaft zur Feier der Einweihung des neuen Tempels (1826) Beethoven aufforderten, eine Fest-Kantate zu komponieren. So wie der Bau durch den hervorragendsten Wiener Architekten Josef Kornhäusel, den Erbauer der Weälburg im Helenenthal, ausgeführt wurde, sollte auch die Einweihung durch eine Komposition des bedeutendsten Tondichters gefeiert werden. Tatsächlich hat sich Beethoven mit dem Gedanken getragen, dieser Aufforderung Folge zu leisten, doch kam es nicht zur Ausführung, da Beethoven mit anderen Arbeiten beschäftigt war. Die Fest-Kantate wurde von dem Regenschori der Sephanskirche, Josef Drechsler, komponiert, der hierfür ein Honorar von 50 Dukaten erhielt. Beethoven scheint sich doch mit den jüdischen Weisen, die ihm zur Verfügung gestellt worden waren, beschäftigt zu haben. Breslauer will eine merkwürdige Aehnlichkeit der Anfangstakte des Cis-Moll-Quartetts Op. 131 (welches 1826 erschien) mit Kol-nidre herausgefunden haben. Daß Beethoven — wie alle großen Geister — die Menschen nur nach ihrem Werte schätzte und den Juden vorurteilslos gegenüberstand, erkennt man aus seinem Verhalten gegenüber dem jungen Arzt und Dichter Alois Judor Jeitteles aus Brünn, dessen Liederkreis „An die ferne Geliebte'4 er vertonte. „Aber nicht bloß der Lyriker Jeitteles scheint Beethoven stark angezogen zu haben, sondern auch der Mensch. Seine Selbstlosigkeit bewies er später bei einer furchtbaren Choleraepidemie in Brünn: die Zahl der Opfer war so ungeheuer, daß Aerzte und Wärter fluchtartig das Krankenhaus verließen. Da ließ Doktor Jeitteles sein Bett mitten in den Unglückssaal stellen, scheute nicht die niedersten Dienste und wurde Tag und Nacht nicht müde, den Kranken neben ärztlichem Rat auch Trost und Hoffnung zu bringen. Ein Held solcher Art war der rechte Mann für Beethoven, der gern die neuen dichterischen Versuche des jungen Jeitteles entgegennahm.44 So urteilt Prof. Max Friedländer (Berlin). Der Liederzyklus „An die ferne Geliebte" wurde im Rahmen der Zentenarfeier durch Kammersänger Franz Steiner zum Vortrag gebracht. Die Musik Beethovens hat dem Dichter und seinem Werke zu unsterblichem Ruhm verhoben. Dr. A. B. Luther über die hebräische Sprache. Luther sagt in den „Tischreden44, d. h. den erhaltenen Nachschriften dessen, was Luther gelegentlich bei Tisch im Kreise seiner Familie und Freunde geäußert hat (Weimarer Luther-Ausgabe, 1. Band der „Tischreden44, 1912, Seite 524 ff.), unter anderem: „Wenn ich jünger wäre, so wollte ich die ebräische Sprache gründlich lernen; denn ohne sie kann man die Heilige Schrift nimmermehr recht verstehen. Denn das Neue Testament, obs wohl griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von Ebraisrrrus und ebräischer. Art zu reden Darum haben sie recht gesagt: Die Ebräer trinken aus der Bornquelle; die Griechen aber aus den Wässerlein, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus der Pfützen . . . Die ebräische Sprache ist für andern wol einfältig, aber majestätisch und herrlich; schlecht (d. h. schlicht) und wenig von Worten, aber da viel hinter ist; also daß ihr es keine nachtun kann.44 An diesen Worten Luthers ist vor allem bemerkenswert, daß Luther, der ja sehr feines Sprachgefühl besaß, auch im Neuen Testament die „ebräische Art zu reden44 deutlich erkannt hat. Auch die heutige neutestamentliche Wissenschaft sieht das immer deutlicher, vor allem für die Aussprüche, die Gleichnisse, die Anekdoten, die Gebete, die in den ersten drei Evangelien enthalten sind. Man lese z. B. „Jesu Bergpredigt, rabbinische Texte zu ihrem Verständnis44 (Göttingen. Vandenhoeck u. Ruprecht, 1924), von Paul Fiebig, ebenso Strack-Billerbeck, „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch44 (München, Beck). Luther hat deutlich erkannt, daß die hebräische Sprache schlicht, einfach und kurz redet und oft in ihrer kurzen Art Inhalte zum Ausdruck bringt, zu deren Wiedergabe wir im Deutschen viel mehr Worte brauchen. Um so mehr muß man sich, um das Neue Testament richtig zu verstehen, in die hebräische Art zu reden eingelebt haben, damit man nicht, etwa von griechisch-lateinischer Ausdrucksweise aus, vieles mißversteht, Der Kampf um das Schächtverbot wird in Bayern mit einer Heftigkeit geführt, die einer besseren Sache würdig wäre. Bereits im Februar hatte das Plenum des bayrischen Landtages, worüber wir seinerzeit ausführlich berichtet haben, einen zwar weniger tierfreundlichen, dafür aber umso iudenfeind- Ucheren völkischen Antrag auf Erlaß eines generellen Schächtverbotes abgelehnt, dagegen einen Antrag der bayrischen Volkspartei angenommen, der die Gestattung des Schächtens entsprechend den Prozenten der jüdischen Bevölkerung ausspricht. Damit gaben sich natürlich die Völkischen nicht zufrieden und suchten nun auf anderem Wege zum Ziele zu gelangen. Den Vorspann bildete für sie der Tierschutzverein in München, den sie dazu zu bewegen vermochten, daß er in einer Eingabe an den bayrischen Landtag die vorherige Betäubung aller Schlachttlere vor Beginn der Blutentziehung forderte. Diese Eingabe des Tierschutzvereines machte eine neuerliche parlamentarische Behandlung der Schächtfrage notwendig und führte zu einer dem bayrischen Landtag überreichten Gegenschrift des „Verbandes der israelitischen Gemeinden Bayerns'4 und der „Bayrischen R a b b i n ervereinigung". in welcher die Unstichhältigkeit sämtlicher vom Tierschutzverein für seinen Antrag ins Treffen geführten Argumente ausführlich nachgewiesen wurde. Am 23. Juni fand nun im Verfassungsausschusse des bayrischen L'andtages die Beratung über die Eingabe des Tierschutzvereines statt, bei welcher die Regierungsvertreter erklärten, daß die gesetzliche Regelung der Schächtfrage Sache des Reiches sei, so daß die bayrische Landesgesetzgebung Abschließendes nicht bestimmen könne. Dort kam es zur Annahme des völkischen Antrages, wonach die rituelle Schlachtung überhaupt zu verbieten sei, sowie des volksparteilichen, der besagt: ,J3ie Staatsregierung wolle im Auge behalten, daß eine den rituellen Vorschriften des Judentums nicht widersprechende Art der Betäubung vor dem Schächtungsschnitt vorgenommen werde." Die Regierungsvertreter wiesen sofort darauf hin, daß die Annahme beider Anträge einen Widerspruch in sich trage. So kam denn die Angelegenheit ins Plenum. Der bayrische Landtag hat nun in seiner Sitzung vom 8. Juli folgende Resolution angenommen: Die Staatsregierung ist zu ersuchen 1. alsbald gesetzliche Anordnungen zu erlassen, wonach Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde, Esel, Maultiere und andere Wiederkäuer, Schweine und Hunde, die geschlachtet werden, vor Beginn der Blutentzlebung zu betäuben sind. 2. durch gesetzliche Anordnungen sicherzustellen, daß überall dort, wo es möglich erscheint, die Betäubung des Schlachtviehes statt durch freien Kopfschlag durch mechanisch wirkende Geräte (Schußbolzen usw.) erfolgt, die geeignet sind, die Betäubung oder den sofortigen Tod des Tieres herbeizuführen.44 Es ist bemerkenswert, daß für diese Resolution sowohl die extrem rechtsstehenden als auch die extrem linksstehenden Parteien, nämlich die Deutschnationalen, Nationalsozialisten, Bauernbündler, Sozialdemokraten und Kommunisten gestimmt haben! Hier also, wo es sich um eine vermeintliche Frage des Tierschutzes handelt, waren die sich sonst so erbittert bekämpfenden Parteien scheinbar eines Sinnes, während dort, wo Fragen des Menschenschutzes auf der Tagesordnung stehen, die Gegensätze aufs schärfste aufeinanderprallen. Die Vermutung dürfte wohl nicht von der Hand zu weisen sein, daß sich die rechtsstehenden Parteien bei der Abstimmung lediglich von antisemitischen Gesichtspunkten haben leiten lassen, während für die linksstehenden Parteien vor allem antireligiöse Tendenzen — da es sich ja um eine „rituelle44 Angelegenheit handelt — maßgebend waren. So kam unter dem Deckmantel des „Tierschutzes'4 diese sonderbare Einigkeit zustande. Es ist nun Sache des Reiches, sich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, und es steht zu hoffen, daß der Reichstag als das höchste gesetzgeberische Organ des Reiches die unter welchen Titeln immer erfolgenden Angriffe auf das religiöse Empfinden einer Gruppe von Staatsbürgern endgültig zurückweisen wird. Rerbet DbonDenten für „Bit RairiBit"!