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Die Wahrheit · 1927-04-15 · Heft 16 (15.4.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 16 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 ifflll^ DIE WAHRHEI J front vorzunehmen und Herrn Riehl in den Wahlkreis VI, VII und VIII versetzt. Ja glauben diese Herren, daß das freisinnige Bürgertum dieser Bezirke und vor allem die zum größten Teile bürgerlich gesinnten Juden von Mariahilf, Neubau und der Josefstadt weniger Nackensteife und weniger Selbstachtung besitzen als die der Leopoldstadt, um so eine Schmach ruhig zu ertragen? Nein, sie glauben es selbst nicht, sie scheinen wenigstens innerlich bereits davon überzeugt zu sein, daß trotz „Einheitsfront", trotz „Mittelständische Volkspartei" von dieser Seite nicht viel zu holen sein wird, und haben deshalb folgerichtig ihr Parteienkonglomerat nach rechts erweitert- Sie haben die eine der beiden nationalsozialistischen Gruppen in die Einheitsfront aufgenommen und ihrem Führer, dem Hakenkreuzhäuptling Karl Schulz, einen Platz neben Riehl angewiesen, so daß nunmehr — welche Ironie des Schicksals — die beiden feindlichen Brüder, welche nur im Rassenhaß eins sind, nebeneinander zu stehen kommen. Par nobile fratrum! Hier ist also die Sache ganz klar und wir glauben geradezu eine Beleidigung an unseren Lesern zu begehen, wollen wir ihnen abraten, ihre Stimme für diese Liste abzugeben. Doch wie steht es mit der anderen großen Partei, den Sozialdemokraten? Diese führen doch das Wort „Demokratie" in ihrer Parteibezeichnung und bewerben sich ebenfalls um die jüdischen Stimmen. Zunächst sei festgestellt, daß von Demokratie bei dieser' Partei längst keine Rede mehr sein kann. Dr. Bauer hat es jüngst erst auf dem Parteitag verkündet: Das Ziel, dem wir zustreben, ist die Klasse nherrschaft, die Expropriation und Sozialisierung des Privateigentums, die Vernichtung des Bürgertums. Können wir dieses unser Ziel auf demokratischem Wege erreichen, nun gut, dann eben ist uns die Demokratie gerade recht zur Verwirklichung unserer antidemokratischen Pläne, wenn nicht, dann, ja dann müssen andere Wege hierzu eingeschlagen werden. Es ist die Drohung mit der Diktatur, dem Faszismus von Links, welche hier unverhüllt ausgesprochen wird. Doch vorderhand ist diese gewalttätige Art der Zielerreichung bloß eine Drohung für den Fall, daß das Bürgertum nicht parieren sollte, vielmehr haben sich die Sozialdemokraten einen anderen Weg, den Weg der kalten Bolschewisierung ausgesucht. Breitners Mühlen, so denken sie, mahlen langsam, aber sie mahlen sicher. Und in der Tat wird das städtische Bürgertum wie zwischen zwei Mühlsteinen aufgerieben werden, wenn man den Finanzdiktator, der sich wie ein Mussolini von Wien gebärdet, weiter wüten ließe. Demokratie, das ist daher das letzte Aufbäumen einer sonst dem Untergange geweihten Schichte von Gewerbetreibenden, Kaufleuten und Männern der freien Berufe, es ist der Rettungsanker, an den sich das Schiff derjenigen klammert, die nicht im roten Meere des Klassenkampfes untergehen wollen. Doch in dem schweren Kampfe gegen zwei mächtige Fronten, in dem Kampfe gegen Rassenhaß und Klassenhaß, den wir Juden gemeinsam mit unseren freisinnigen nichtjüdischen Mitbürgern um unsere politische Freiheit, unsere wirtschaftliche Existenz, unseren kulturellen und sozialen Fortschritt führen, ist uns ein Gegner in den Rücken gefallen, ein Feind aus dem eigenen Lager, der uns auf das heftigste bekämpft und alles daransetzt, unsere Bemühungen, unsere Opfer für das gesamte Judentum vergeblich zu machen. Es sind die J ü d i s c h n a t i o n a 1 e.n, die, wie wir an anderer Stelle ausführen, unter dem irreführenden Titel einer „Jüdischen Liste" um jüdische Stimmen werben und so die demokratische Kampffront zu schwächen versuchen. Was soll über diese Leute gesagt werden, die ihre Weltfremdheit und ihr staatsmännisches Unvermögen erst jüngst wieder manifestiert haben, indem sie sich in ihrem Wahlaufrufe neuerdings zu den Minderheitsrechten bekannt haben. Angesichts eines Riehl, eines Jerzabek, eines Schulz Minderheitsrechte! Angesichts der hakenkreuzlerischen Propaganda für den „Volksstaat", worunter natürlich ein „Rassenstaat" verstanden ist, angesichts der Forderung der Antisemiten nach Ausnahmsgesetzen gegen die Juden, das Selbstverlangen nach solchen Gesetzen! Leicht ist es mit dem Feuer zu spielen, das mögen sich die Jüdischnationalen gesagt sein lassen, aber schwer, den Brand zu löschen, wenn er einmal ausgebrochen. Das Judentum würde natürlich politisch — und auch wirtschaftlich! — Selbstmord begehen, wollte es diesen Menschen Gelegenheit geben, in den öffentlichen Körperschaften „im Namen der Juden" Minderheitsrechte zu fordern und — wahrscheinlich mit freudiger Unterstützung aller Antisemiten — auch durchzusetzen. Und darum muß gekämpft werden gegen Rechts und Links und gegen den Gegner im Rücken. Der Kampf ist nicht aussichtslos, speziell in der Leopoldstadt. Die Vernunft ist am Marsche, Männer führen uns in diesem Bezirke wie Oskar Marmorek, Bezirksrat Aurel Engel, Rechtsanwalt Dr. Alexander Marschik, Bezirksrat Edmund Hoffmann, Kommerzialrat Ignatz Platz, um nur einige zu nennen, Männer, die selbst mitten im wirtschaftlichen Leben stehend, Sinn für die Notwendigkeiten der Wirtschaft besitzen, aufrechte und erfahrene Politiker, die den Willen haben, die Demokratie in Oesterreich wiederzuerwecken, und die Kraft besitzen, diesem ihrem Willen trotz aller Widerstände zum Durchbruch zu verhelfen. Wahlversammlunsen in Bethäusern. Die Jüdischnationalen benützen kleinere Bethäuser, um daselbst Wahlversammlungen abzuhalten. Ein solches Vorgehen kann vom religiösen Standpunkte aus nicht scharf genug verurteilt werden; stellt es doch eine Entweihung des Ortes dar. an dem diese Versammlungen stattfinden und eine Mißachtung des Geistes, der an den zu Wahlzwecken mißbrauchten Orten herrscht; denn auch angesichts der Bundeslade, angesichts der Thora und der Gesetzestafeln müßte jenes Wort gelten, welches Gott zu Moses gesprochen, als er vor dem brennenden Dornbusch stand: „Ziehe die Schuhe von deinen Füßen, denn die Stätte, an der du dich befindest, ist ein heiliger Ort." Eine werkwürdige VerIrrung. Wie amerikanische Blätter berichten, hat der Reformrabbiner Samuel Thurmann vom Unitet Hebrew Temple in St. Louis seiner Gemeinde mitgeteilt, daß er für die Mitglieder seiner Synagoge die InstitutionderBeichte(l) eingeführt habe. Alle, die das Bedürfnis haben, von ihren Sünden entlastet zu werden, mögen zu ihm kommen und im Beichtstuhle Erleichterung finden (!). Pressevertretern gegenüber äußerte sich „Rabbiner" Thurmann dahin, er habe die Absicht, durch Einführung der Beichte ein engeres Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde zu schaffen; er werde natürlich nicht, wie dies bei der katholischen Kirche der Fall ist, Absolution von den Sünden erteilen. Selbstverständlich nimmt fast die gesamte jüdische Presse Amerikas mit Entschiedenheit gegen Rabbi Thurmann Stellung — diese Einmütigkeit in der Ablehnung ist immerhin ein erfreuliches Zeichen — und es wird die allerschärfste Kritik an dieser Einrichtung geübt. Allgemein wird hervorgehoben, daß die jüdische Lehre jedes Mittlertum zwischen Gott und Mensen vollkommen ablehnt. Es erscheint uns überflüssig, auch nur ein Wort zu der von den amerikanischen Blättern geübten Kritik hinzuzufügen. In eigener Sache. Als wir am vorigen Mittwoch nach Redaktionsschluß und zu einer Zeit, als das Blatt bereits druckfertig in der Presse war, die uns erschütternde Nachricht vom Ableben eines uns sehr nahestehenden Freundes unseres Blattes erhielten, da haben wir, in der Absicht, diese Trauernachricht unseren Lesern unverzüglich bekanntzugeben, unserer Drukkerei die diesbezügliche Todesanzeige telephonisch bekanntgegeben. Leider hat ein nichtjüdischer Setzer in der Eile das bei Nichtjuden übliche Zeichen des Ablebens hinter den Namen des Verstorbenen gesetzt. Als wir dies zu unserem Schrecken bei der Revision bemerkten, wurde der Fehler natürlich sofort behoben, doch ist eine wenn auch kaum nennenswerte Anzahl von Exemplaren mit diesem Satzfehler versendet worden.-Es ist selbstverständlich, daß wir dieses Vorkommnis auf das tiefste bedauern, und soll-uns dasselbe in unserem Entschlüsse bestärken, während der Drucklegung des Blattes unter keinen Umständen Einschaltungen mehr anzunehmen. ,!i:ii;ffiii!!Biffi!iii Konzert Oberkantor Gerson Margulies. Am Dienstag, den 3. Mai 1927, 8 Uhr abends, findet im Zeremoniensaal der Hofburg das diesjährige Konzert des Oberkantors Gerson Margulies statt. Das Programm besteht aus italienischen Arien sowie aus den neuesten hebräischen und jüdischen Liedern. Am Klavier Dr. Arthur Trinz. Mitwirkend Klaviervirtuosin Gisa Adler. "WmmmOHmmmmmmmmr

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