Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT ililliliillM^^ Seite 9 \9 fi< WaShwheiten vom (Tage ig | WM Hl 1IIRDHB Sini«iii«iM«twwmwiMMimn«iBMiiMHMmnn«iiiii......unm.....M..........»»« ^V^V ^^^K.^H^H.^K»^',^^K '^B^M^K^.^H Die Demokratie und ihre Gegner. Diesmal hat die Wahlbewegung recht spät, nur wenige Wochen vor der Wahl eingesetzt, dafür aber mit aller Wucht. Alle am Wahlkampf beteiligten Parteien suchen das Versäumte, soweit es geht, nachzuholen und fahren sogleich mit ihren schwersten Geschützen auf, um die gegnerische Stellung womöglich im ersten Ansturm zu nehmen. Daß speziell die beiden großen Parteien unserer Republik sich nicht den Gefahren eines längeren Wahlkampfes aussetzen wollten, ist sehr begreiflich. Die großen Massen der beiderseitigen Anhänger mußten mit einem Male und ohne irgendwelchen Uebergang mitten in das Toben des Wahlkampfes gestürzt, dem Trommelfeuer der Plakate, Wahlreden und Hetzschriften ausgesetzt und in eine solche Verfassung gebracht werden, daß sie blind den Befehlen der Parteiführer Gehorsam schenken; denn die Fehler, welche sich beide Parteien im Verlaufe der letzten Wahlperiode haben zuschulden kommen lassen, waren so groß, daß die Wahlstrategen dieser Parteien allen Grund zur Befürchtung hatten, daß viele überzeugte Anhänger ihrer Partei, v/enn sie nicht vom Wahlfieber geschüttelt wurden, wenn ihr gesunder Menschenverstand nicht von den demagogischen Schlagworten des Klassen- oder Rassenhasses verwirrt werden würde, in ihrer Ueberzeugung einigermaßen wankend werden könnten, in der Ueberzeugung nämlich von der allein selig machenden Wahrheit des eigenen Programmes. Mit anderen Worten, man durfte den Leuten nicht viel Zeit zu Ueberlegungen und nüchternen Erwägungen lassen, sonst hätte vielleicht der eine oder der andere draufkommen können, daß die Verwendung von Bundesgeldern zur Sanierung verkrachter Parteibanken in einer Zeit größter wirtschaftlicher Not und schwersten Steuerdruckes ebensowenig im Interesse der Allgemeinheit gelegen ist, als die Verwendung von Gemeindegeldern zur Errichtung von Luxusbauten. Doch die Rechnung der beiderseitigen Parteistrategen stimmt nicht ganz; sie, die die Bevölkerung unserer Republik gewissermaßen unter sich aufgeteilt haben, die ein Wahlgesetz schufen, das ihnen die immerwährende Macht in diesem Staate verbürgen sollte, sie haben die Rechnung ohne die Bevölkerung gemacht. Sie glaubten nur die Parole vom Marxismus und Antimarxismus ausgeben zu müssen und die ganze Bevölkerung werde restlos in zwei Teile auseinanderfallen. 0 nein, meine Herren, es bleibt noch ein Rest übrig, und zwar ein sehr ansehnlicher Rest, der es nicht zulassen will, daß man einfach über ihn hinweggehe, ihn mit Füßen trete und bestenfalls als Ausbeutungsobjekt benütze. Die unzähligemale totgesagte, verhöhnte, verspottete und verachtete Demokratie erhebt v/ieder ihr Haupt. Eine kleine Schar überzeugungstreuer und opferbereiter Männer hat die Fahne des Freisinnes vom Boden aufgehoben und helle Begeisterung in allen Kreisen des freisinnigen Bürgertums erweckt. Aber auch viele Mitläufer der großen Parteien, die sich durch die Wirtschaft derselben angeekelt fühlen, viele, welche den Orgasmus des Klassen- und Rassenkampfes nicht mitmachen wollen, ja auch viele unpolitische bzw. nur wirtschaftlich orientierte Kreise haben sich diesen Vorkämpfern der Demokratie angeschlossen, um ihrer Ueberzeugung, daß es so wie bisher nicht weiter gehen könne, Ausdruck zu geben. Es ist daher nicht wahr und eine bewußte Irreführung der Wählerschaft, wenn von rechts und links den Demokraten in bestimmter Absicht ein „Aussichtslos!" entgegengeschleudert wird, vielmehr waren die Aussichten der Demokratie, zur aktiven Anteilnahme an den Geschicken unserer Republik zu gelangen, niemals so günstig als bei dieser Wahl. Unsere Gegner haben für uns gearbeitet. Sie haben den Boden geackert und gedüngt, auf dem die demokratische Saat mächtig in die Halme schießen kann. Spät, ja sogar zu spät, haben die Leiter der Einheitsfront erkannt, daß es nicht nur eine Niedertracht war, das gesamte freisinnige Bürgertum und viele anständige Elemente im konservativen Lager selbst durch die Aufstellung eines Riehl im zweiten Bezirke herauszufordern, ja mehr noch, daß es auch eine grenzenlose Dummheit gewesen ist, allen jenen, die sonst vielleicht durch das Schlagwort von der Einheitsfront hätten geködert werden können, so deutlich die wahren Absichten zu enthüllen. Sie haben sich daher noch im letzten Augenblick gezwungen gesehen, aus taktischen Gründen eine Umgruppierung der antisemitischen Schlacht- % der „Union DeofsmösterreKnlsdier Jonen" Glaubensgenossen! Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat in diesem Wahlkampf Stellung genommen und erwartet, daß alle österreichischen Juden ihre Stimme nur der „Dcmokrattsdic Liste" geben, diese fördern und für dieselbe werben werden. Die „Union" hat von allem Anfang an ohne Zaudern und ohne Schwanken jede Verbindung mit der „Einheitsliste" zurückgewiesen und lehnt eine solche Gemeinschaft umso mehr ab, da diese Liste Judenfeinde wie Riehl und Jerzabek aufweist und neuerdings sogar die nationalsozialistische Partei, diese Partei des extremsten Judenhasses, aufgenommen hat. Sie darf auch die Wahl der sozialdemokratischen Liste nicht empfehlen, weil sie Gegnerin des Klassenkampfes ist. Die „Union" kann aber auch für die „jüdische Liste" nicht stimmen. Ihr Titel könnte den Glauben hervorrufen, daß alle Juden in dieser Wahlbewegung in einer einzigen Liste geeinigt sind. Allein sie ist in Wirklichkeit eine „jüdischnationale Liste". Deshalb macht die „Union" aufmerksam, daß wir Gegner dieser „jüdischen Liste" sind, weil wir uns nicht auf den Boden der in dem Wahlaufrufe der „jüdischen Liste" verlangten Minderheitsrechte begeben wollen, weil wir das in diesem Programm geforderte M i nderheitsgesetz mit aller Entschiedenheit ablehnen und nach wie vor unsere unbedingte Gleichberechtigung mit allen anderen Staatsbürgern der Republik, wie sie in unseren Staatsgrundgesetzen Jahrzehnte vor dem Friedensvertrage von St. Germain verankert wurde, nur auf unsere heimische Gesetzgebung gründen wollen. Nationalistische Schlagworte, von welcher Seite sie kommen mögen, wirken in gleicher Weise verderblich. Wählet deshalb nur die „Dcmohratisdie liste! In ihr sind alle demokratischen Kreise vereinigt; sie wird die Vorkämpferin für Freiheit und Recht sein. Folget unserer Wahlparole! Stärket die alle Berufsstände umfassende, die Gesamtwirtschaft stützende Demokratische Partei! Jede Stimme ist von Wichtigkeit für Oesterreichs Gegenwart und Zukunft! Für das Präsidium und den Vorstand der „Union deutschösterreichischer Juden": Dr. Jakob Ornstein, Präsident der „Union deutschösterreichischer Juden". I