Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seit* 3 TOB TtW KUNEROL Verbärgt reines Fett aus Kokosnüssen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G., Wien« Atzgersdorf, gepreßt und die Er» zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab* biners S. Ehrenf^ld zuMattersburg. Kunerol kann daher von jedem Sireng« gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei* tung der Speisen verwendet werden. vom Bruder kommt, die Geringschätzung von seiten der* Stammesschwester, sie zermürbt, wirkt vernichtend, und artet sie noch gar in Bedrückung aus, dann wird das Manischtanoh im Munde des Betroffenen, Gedemütigten zur flammenden Anklage vor Gott und Menschen. Auf das Ma nischtanoh folgt in der Haggadah das Awodim hojinu, „wir waren Knechte'*. Es ist das ewig ringende Wechselspiel zwischen Faust und Herz, zwischen roher Gewalt und zartem Wehgefühl. Die robuste Faust hat zumeist die Oberhand und zertritt ohne Erbarmen das Herz. Der Herr und der Diener ringen miteinander; das ist der Kreislauf der Weltgeschichte. Aber wem endlich der Sieg ist, darauf kommt es an. Der Endsieg wendet sich früher oder später stets der geknechteten Unschuld zu. Wir waren Knechte, und Gott hat uns befreit, die anderen waren Herren, und Gott hat sie gefesselt. Wir waren Knechte, aber wir leben heute noch, sie aber waren Herren, aber sie sind nicht mehr vorhanden. Stark in der Ueberwindung, bleibt der schwache Knecht bestehen, und schwach gegen den Selbstverfall schwindet hin der starke Herr. Gottes Knechte sein macht uns mächtig gegen Menschentücke und Selbstverblendung. Ein demütiges, gläubiges Herz überwindet sich und überwindet andere. Darum, o Jude, besänftige den Sturm des Ma nischtanoh, der in dir tobt, mit dem balsamischen Oele des Awodim hojinu. II. Maasse berabbi Elieser. Es trug sich zu, daß einst Rabbi Elieser, Rabbi Josua, Rabbi Elasar, Rabbi Tarfon und Rabbi Akibah an der gemeinsamen Pessachtafel in Bne Brak zusammen saßen und einander vom Auszuge aus Aegypten die ganze Nacht hindurch erzählten, bis ihre Schüler am frühen Morgen zu ihnen kamen und sagten: Unsere Lehrer, die Zeit ist bereits gekommen, das Schemah des Morgens zu lesen. Wen hat nicht schon diese Stelle in der Haggadah gefesselt. Sie wirkt wie ein goldener Strahl, den die Sonne am Morgen in die versteckte Kammer des Schläfers sendet mit dem Vorwurf: Steh auf! Die Nacht ist für dich verloren; verliere nicht auch noch den Morgen. Da sitzen fünf der geistvollsten Männer ihrer Zeit, die den Tag in emsiger Gelehrtenarbeit verbringen, in der stillen Zurückgezogenheit der Nacht zusammen und haben einander nichts Wichtigeres zu fragen und zu sagen als die alte, schon so oft geschilderte Geschichte des ägyptischen Auszuges. Ein jeder von diesen Männern ist ein Lichtträger der Wissenschaft. Aber siehe, die hellen Funken ihres Geistes lassen sie heute nicht sprühen, sondern nur an dem stillen, schlichten Sinnen, das die Haggadah ihnen leise ins Gemüte raunt, finden sie ihr seelisches Behagen. Nur die edle Einfalt des Irrationalen nimmt ihnen heute Sinn und Herz gefangen. An solchen Geistern, die ihren Geist beherrschen, an solchen Genien, die die Genialität das Schicksal, welcher das Opfer für Gott und welcher der Sündenbock sein soll. Es gibt kein Opfer sonst, das durch das Los zu seinem Zwecke bestimmt wird. Das Los ist etwas Zufälliges, von Wunsch und Willen unabhängig, erweckt den Anschein selbstlosester Gerechtigkeit und ist in Wirklichkeit das Ungerechteste, was es gibt. Es fragt nicht nach Recht oder Unrecht, nach Unschuld oder Schuld, sondern bestimmt, spricht frei oder verurteilt nach blindem Zufall, dem man sich willig oder murrend unterwerfen muß. Gerade darum ist es aber dort beliebt, wo man ein freies Bekenntnis, ein gerechtes Urteil und die Frage nach der Schuld geflissentlich verbergen will. Man muß fast gegen seinen Willen an Haman denken, der das Los werfen läßt, wann er den Juden ihr Schicksal bereiten soll. Gerecht erscheinen, ungerecht sein — das Los bietet solchem Wunsche schönste Entfaltungsmöglichkeit. Das Schicksal eines „Sündenbockes" war noch niemals auf Gerechtigkeit gegründet, sondern entspringt einem dunklen Lose, das ein anderer zieht. Sündenfrei wollen die Menschen gern sein und werden, vor dem Opfer, das sie dafür bringen sollen, schrecken sie aber zurück, um so lieber suchen sie einen Sündenbock. Vor Gott gilt dieser aber nicht als Opfer; nie und nimmer wird er als gottgefälliges Opfer angesehen oder angenommen; vom Heiligtum wird er hinausgeführt, in der Wüste seinem Schicksale überlassen. Seit Menschengedenken kämpft wahre Religion gegen diese schnöde Sucht der Menschen, sich einen Sündenbock zu schaffen, an und immer noch vergeblich. Aber eines kann und muß sie tun, vermag sie schon nicht die Menschheit von diesem Uebel zu befreien: verbannen den Sündenbock vom Heiligtum, ihn ausschließen von der versöhnenden Kraft einer gottgefälligen Opfergabe. Was die wahre Religion, was der wahre Priester noch angesichts des Sündenbockes tun kann und muß, ist: des frommen Herzens über den klugen Kopf stellen, sind wir heute arm geworden. Wir haben vielerlei Geist: Geschäftsgeist, Erfindungsgeist, Zeitgeist, nur der Geist eines ausgeprägten und starken religiösen Empfindens ist bei uns höchst selten geworden. Ob man heute fünf anerkannte große Männer der Wissenschaft zusammentreten sehen könnte, um bloß eine reine Religionsangelegenheit zu besprechen und zu erwägen. Wer von ihnen hat Zeit dazu, und wem erscheint es groß und wichtig genug, darüber am Tage und geschweige „bekennen". „Er bekenne über ihn alle Schuld Israels, all« seine Sünden und Vergehen." Nur ein offenes, ehrliches Bekenntnis aller Schuld kann den Sündenbock von dem trübsten Laster der Menschheit frei machen. Denn das ist es, was die Menschen unterlassen, mit Absicht verhehlen — ihre eigene Schuld, um derentwillen der Sündenbock „tragen" muß, einzugestehen. Man tue einen Blick in die Seele der Menschheit, blicke in die verborgenen und verdeckten Abgründe menschlicher Gewalten und spüre den verschlungenen Pfaden menschlicher Gedankengänge nach und immer wieder wird man dem „Sündenbock" begegnen. Die aufregendsten Tragödien der Weltgeschichte sind nicht die, in denen der Held für seine eigene Schuld büßt und leidet, sondern die, in denen er um anderer Schuld willen verfolgt wird. Die Rolle eines solchen tragischen Helden hat manch großer Geist, manch erleuchteter Sendbote eines großen Genius, aber auch oft ein ganzes Volk übernehmen müssen, lediglich deshalb, weil ein feiges, rückständiges Geschlecht seine eigene Schuld abwälzen wollte, einen Sündenbock brauchte, der statt seiner büßen sollte. Die Rolle des Priesters, der die Sünden bekennt, das Geständnis eigener Schuld vor Gott und Menschen angesichts des Sündenbockes ehrlich hinausruft, hat keinen Träger gefunden, bis nicht eine spätere Zeit den Mut zu solcher befreiender Tat aufgebracht hat. Aber nicht immer und überall ist es so gekommen. Die Blätter der Weltgeschichte erzählen ausreichend von „Sündenböcken", die keinen Priester, der der anderen Schuld bekennt, jemals gefunden haben. Es ist und bleibt so. Das Symbol des Sündenbockes gehört zum Versöhnungstag der Menschheit, und frei von Sünde wird sie erst dann, wenn sie sich frei macht von der Sünde, einen „Sündenbock" für ihre eigene Sünde büßen zu lassen.