Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064315--15339-3088118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 HIBM^ DIE WAHRHEIT Bilder aus der Haggadah. Pessach. des Frühlings heiliger Bote, ist eingezogen. Mit neuerwecktem Freiheitsschwung erfüllt er Mensch und Natur. Auferstanden ist Wald und Feld aus Grabeshauch des Winters zu frohem Lenzesdasein wie einst ein junges Volk aus Druck und Leid zu Glück und Sonne. Ueber die Fluren brausen lachend die letzten Frühlingsstürme und wir ziehen uns glückselig zurück an unseren Sedertisch, unsere Kinderschar um uns herum wie die jungen Knospen draußen, die um den alten knorrigen Stamm sich schließen. Der Odem der Freiheit, der draußen durch die saftvoll frischen Blätter weht, läßt uns auch drinnen in festtäglichen Stuben blättern in dem wundersamen Festbuch, in dem der Gehalt unserer vieltausendjährigen Geschichte seine Verklärung findet, in der alten Haggadah, aus der wir immer wieder mit neuem, jungen Interesse lesen. Es geht uns heute am Pessach wie einmal einem nachdenklichen Poeten, der an einem schönen Frühlingsmorgen im Schatten einer alten Linde lag, deren Blätter und Blüten ein feiner, sanfter Wind bewegte. Der Dichter wollte schlummern, aber er träumte halb wach, halb gedankentrunken von der Geschichte der alten Linde, die dem Sturme und dem Wetter in all den vielen Jahren trotzte, an der so viel an Leid und Wonne vorbeigezogen und die dennoch alles überdauerte. Aus dem Singen und Sagen der alten Haggadah, in die wir uns versenken wie in einen schönen Traum, geht uns die Geschichte dieses merkwürdigen und lieben Buches auf und damit die Geschichte unseres Volkes. Wie dem Kindlein in der Wiege, dem die Mütter ein Lied singt vom überstandenen Leid, von kommenden Dingen der Freude, bald von heißen Tränen die Aeuglein überfließen, bald vor Wonne das kleine Herzlein im Leibe hüpft, so weinen wir und lachen wir, bewegt von den traurigen und heiteren Liedern unserer treusorglichen lieben Pessachhaggadah. Sind wir denn anders als Kinder in der einlullenden Schaukel des Lebens, Kinder, die des milden zarten Zuspruches bedürfen, um unser bald bangendes, bald überschäumendes Herz zu beruhigen? Und was vermag uns mehr zu beruhigen und besser zu erbauen als ein religiöses Buch und dazu noch eines von der Güte und Tiefe unseres Haggadah? Zwar ist sie altmodisch in ihrem Weltbilde, und wir sind hochmodern. Manche Befremdlichkeit und Seltsamkeit atmet aus ihr. Um so besser müßten wir uns ihrer freuen. In der Kunst, und gerade in der *) Aus einem soeben erschienenen und in unserem Blatte besprochenen Werke: „Aehren und Beeren, homiletische Weckrufe", überläßt uns unser Mitarbeiter, Herr Oberrabbiner Dr. Altmann in Trier, diesen Auszug für unsere Pessachnummer. modernen, lernen wir ja auch das Charakteristische, Eigengeartete, Scharfgezeichnete besonders schätzen. Hinter dem Auffallenden, Besonderen liegt oft Seelenreichtum. Es lädt zum Suchen ein, und gar manchmal hat man schon manchen Schatz hinter dem befremdend Erscheinenden gefunden. Auch wir können heute nicht besser die Tagesfeier ehren als durch eine Suche in der Haggadah nach alten Schätzen der Betrachtung. Schon der Anfang lädt mehrfach dazu ein, aber unser Blick fällt besonders auf das eigenartige Ma nischtanoh, ma nischtanoh halailoh haseh, warum ist so anders diese Nacht als alle anderen Nächte? I. Ma nischtanoh, warum so anders? Den zarten Lippen des Kindes entringen sich diese fragenden Worte. Es harret mit Spannung des Augenblickes, sein Fragesprüchlein vorzutragen, und ahnt nicht, welch tief einschneidendes Problem des menschlichen Ringens es berührt. Es hat die Frage mit Fleiß erlernt, der Vater aber, der sie vernimmt, hat sie mit Ernst erfahren. Warum so anders? Der treuherzige Blick aus den unschuldsvolleu Kindesaugen trifft fragend und erwartend den Blick des erfahrungsreichen Vaters. Das Kind fragt den Vater, der Vater aber fragt sich selbst, fragt schließlich zum Himmel gewendet: ma nischtanoh, warum so anders? Warum so anders, das ist ja die Frage des Juden überhaupt. Warum so anders als die andern? Der Jude kann sich nicht freuen, wo andere sich freuen, und nicht traurig sein, wo andere es sind. Wenn andere lachen, da gilt es oft für ihn zu weinen, und wo andere weinen, gehört er nicht immer dazu. Warum so anders? Die Pharaonen knechteten ihn, die Babylonier führten ihn mit sich fort, die Syrer raubten ihm die Seelenruhe, die Römer zerstörten ihm sein Heim, die Germanen sperrten ihn in dunkle Gassen, die Romanen hefteten ihm einen gelben Fleck auf das Gewand. Die Mächtigen der Staaten bedienten sich seiner und verachteten ihn, und das Volk sah ihn nur scheu von der Seite an und mißtraute ihm. Warum so anders? Herrscht Krieg, dann muß er bluten, aber es wird ihm nicht angerechnet. Ist Frieden, dann hadert man mit ihm. Er hat angeblich an gar nichts seinen Teil, aber an allem ist er doch schuld. Er ist immer müder andere, und ob sie mit ihm scherzen oder mit ihm klagen, er steht immer nur alleine da, auf sich und für sich gestellt. Warum so anders? Und wie mancher muß sich so fragen unter den eigenen Brüdern: Ma nischtanoh, warum so anders? Die eigenen Glaubensgenossen lassen manchen einen anderen sein, richten Scheidewände auf, bilden Klassen und Schichten und lassen Unterschiede aufkommen. Die fremde Zurücksetzung schmerzt, aber sie schlägt nicht zu Boden; sie läßt nur um so mehr den eigenen Wert erkennen. Sie demütigt nicht, sie stählt und reizt zum Seelenwiderstand. Aber die Beschämung, die f \ y _ \ y -\ Feuilleton .......,.....,.,.,..„..........................,...............................,.,...,,.,.....•*■ Der Siindenbock. Von Dr. V. K u r r e i n. „Es trage der Bock auf steh alle ihre Sünden in ein ödes Land und man entsende den Bock in die Wüste." II!, 16, 22 Von dem Opferrituale des Versöhnungstages, wie es ehedem im heiligen Tempel in Jerusalem bestand, hat sich lediglich ein Wort im Leben des Volkes lebendig erhalten. Das Wort und die Redensart von dem „Sündenbock". Man wendet es an, wenn man von einem Unschuldigen spricht, der für einen Schuldigen büßen muß. Es stammt eben von jenem Brauche, nach dem der Hohepriester am Versöhnungstage 2wei Böcke, gleich an Gestalt und Aussehen, vor Gott hinstellte, zwei Lose zog und durch diese den einen für Gott, den anderen für den bösen Geist bestimmte. Der letztere wurde nun, gleichsam mit der Last der Sünden Israels beladen, in die Wüste entsandt, wo er seinem Schicksal überlassen blieb. Sehr viel ist schon gesagt und geschrieben v/orden, um das Verständnis dieses Brauches zu erschließen, noch immer aber ist nicht das letzte Wort in dieser Sache gesprochen. Das Wort vom „Sündenbock" ist Gemeingut im Denken der Menschen geworden, die mit richtigem Empfinden die Notwendigkeit erkannten, daß der Versöhnungstag etwas mit der Sitte des Sündenbockes und die Unsitte des „Sündenbockes" etwas mit einem Versöhnungstage zu tun haben müsse. Die Menschen sündigen, versagen sich nicht, zu tun, v/as sie Gott und Menschen gegenüber unterlassen sollten, aber sie haben sehr oft nicht den Mut und die Charakterstärke, die sündige Tat auf sich zu nehmen, für die Schuld und deren Folgen persönlich zu haften. Sie schieben viel mehr gerne die Schuld auf einen anderen oder andere, um sich selbst zu entlasten, oder gar als unschuldig und rein vor der Welt hinzustellen. Sie brauchen einen ,Sündenbock" ihrer Fehler und Untugenden. Wer sein Vergehen mit einem Opfer sühnt, beweist seine Schuld, zeigt aber auch seine Reue und bietet eine Sühne. Nicht so bei dem, der sich für seine Schuld einen Sündenbock sucht. Ein solcher steht weitaus nicht auf gleicher sittlicher Höhe mit jenem. In seinem Denken lebt ein dunkles, wenig ehrenhaftes Gefühl, was er verbrochen, einem anderen aufzubürden. Die Gemeinschaft, die Verbindung mit anderen, das, was man die Gesellschaft nennt, erzeugt und begünstigt den Wunsch und das Suchen nach einem Sündenbock. Schon die erste Sünde, von der die Thora berichtet, läßt keinen Zweifel darüber, daß jeder bestrebt ist, die Schuld von sich abzuwälzen und sich selbst rein zu waschen; ist dies entschuldbar, wo jedem ein Teil oder eine Teilnahme anhaftet, so ist es unentschuldbar, wo der andere Teil unschuldig ist. Nicht ohne tiefen Grund war die völlige Gleichheit beider Tiere, die vor den Priester gebracht wurden, anbefohlen. Denn der Sündenbock sieht in der Tat einem Opfer verzweifelt ähnlich. Und in Wirklichkeit ist er auch ein Opfer, aber keines frommer, gottgefälliger, sondern höchst verwerflicher Gesinnung. Es ist auch sehr bezeichnend, daß der Sündenbock ins Heiligtum gebracht wurde, ebenso wie das Opfer für Gott, denn kennzeichnend für die Gesinnung aller derer, die sich einen Sündenbock für ihre Schuld suchen, ist es, daß sie stets so tun, als ob es sich um ein Opfer für Gott, Wahrheit und Recht handelte. Das Los wird gezogen und entscheidet über