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Die Wahrheit · 1927-04-15 · Heft 16 (15.4.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 16 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEt l noch in den Nächten zu sinnen und zu grübeln? Aber was reden wir von den Gelehrten, den Gebildeten und Eingebildeten, die auf die Dinge der Religion gerne wie auf Anachronismen herabblicken und lächeln, ist es denn mit dem Volke anders? Wo sind die Männer und Frauen im Volke, die sich noch den unmittelbaren, gesunden Sinn für die Herzensangelegenheiten des Lebens so urfrisch und behende erhalten haben, wie wir ihn bei den Gestalten der Haggadah wahrnehmen? Zwar ist man nicht zu kleinlich mit den Nächten. Gar manche Nacht wird leicht und freigiebig hingeopfert. Aber das Opfer gilt dem Moloch, dem Scherz und dem Spiel, dem flüchtigen Taumel des Augenblicksgenießens. Die Ewigkeitsseite des Lebens geht leer aus, einerlei, ob es sich um die Tage oder die Nächte handelt. Wie die fünf Altmeister des Judentums unserer Haggadah, so saßen noch viele unserer nächsten, unmittelbarsten Ahnen in vergangener und halbvergangener Zeit so manche ganze oder halbe Nacht hindurch beim offenen Buch der Gotteslehre oder über den Folianten talmudischer Weisheit gebeugt. Sie waren froher und glücklicher, als wir es heute sind in unserem Mangel an innerer Sammlung und in unserem Haschen nach dem bloßen Schatten des wahren Lebens. Auch uns werden dereinst unsere Kinder und Schüler aus dem Taumel reißen, aber sie werden nicht an das Schemah erinnern, wie jene Schüler und Söhne in der Haggadah, denn sie haben das Schemah nicht an den Abenden von uns vernommen, um am Morgen es selbst sprechen zu können, aber sie werden uns verantwortlich machen für das, was wir sie nicht zu tun gelehrt, und für das, was wir sie falsch gelehrt. Zu spät werden wir dann entdecken, ein wie verkehrtes Vorbild wir abgegeben haben. Der Nacht gehören wir Alten an, und dem Morgen gehört die Jugend. Wie wir uns am Abend unseres Lebens als Lehrmeister erweisen, so bewähren sich am Morgen ihres jungen Seins unsere Nachkommen als Schüler. Leben wir daher das jüdische Leben treu im Bekenntnis, auf daß das Bekenntnis mit uns nicht ende, sondern bei denen, die uns folgen, so frisch und erneuert anhebe, wie nach der Nacht der Morgen anhebt. III. Ein Juwel von seltener Kostbarkeit und Schönheit ist unter den Schlußgesängen in der Haggadah der von Schwermut und Zuversicht durchwirkte einzigartige Sang Adir hu, jiwne bessau bekorauw. Wohl keiner hat noch diesen Sang gesungen, ohne zu fühlen, wie jedes Wort und jeder Ton das Herz und die Seele durchrieselt. Allmächtiger Gott, bau Dein' Tempel: Schiereh Also schier und also bald In unseren Tagen Schiereh. Lehmann in seiner wundervollen Haggadah-Erklärung geht mit so viel Liebe, Tiefe und Geschichte auf die religiöse und kulturhistorische Seite dieses uns teuer gewordenen Liedes ein, daß man jedermann nicht genug darauf hinweisen kann. Es ist uns bei diesem Sange zu Mute, als hörten wir die angstverhaltenen und doch so hoffnungssicheren Töne unserer Altväter und Mütter, der Kinder und Greise in den dumpfen Judengassen der deutschen Lande, die in ihrer Abgesperrtheit doch so viel der inneren Freiheit besaßen. Bau Dein* Tempel: Schiereh. Die altdeutsche, befremdend klingende Wendung des Ausdruckes im Kehrreim ist der Tradition wie zu einem Familienstück geworden, das neben dem klassischen hebräischen Texte kein deutscher Jude missen möchte-, und diese rührende, in eine fromme Bitte gekleidete, wehmütige Sehnsucht nach dem Tempel Gottes auf Moriah. den der Feind ob unserer sündenschweren Schuld verbrannt und zerstört, wer könnte sich ihrer tiefen Wirkung verschließen! O ihr Alten, wie wußtet ihr doch zu beten und zu hoffen, zu klagen und dabei getrost zu bleiben! Niemals hat sich der Jude abgefunden mit dem Unglück der Tempelzerstörung und Jerusalems Fall. Seine Wirkung zitterte ihm durch die Jahrhunderte nach wie ein Beben der Erde, das die Entfernung nicht aufhebt. Aber sie ließ ihn nicht die Liebe einschränken, die er stets für sein Heiligtum im Kleinen hegte, für das Heiligtum am Orte seiner Siedlung. Im Gegenteil, je mehr dem Juden von früher das Gotteshaus im Galuth ein teures Heiligtum war, desto mehr lebte in seinem Herzen die Liebe und Sehnsucht für das zeitweilig aufgehobene, aber nicht verlorene Heiligtum auf Zion. Da singen wir aber heute: „Bau Dein' Tempel: Schiereh" und lassen unseren Tempel, unser Gotteshaus, das erbaut vor uns steht, fast links liegen, ohne es vollauf zu würdigen. Pfleget erst die Heiligtümer, die ihr in Händen habet, dann flehet um die Heiligtümer, die ihr verloren! Um etwas Höheres zu verlangen, muß man das Geringere schon verdient haben. Bei unseren Ahnen war das der Fall. Reich und arm wett- •Iftrtt trotz der Engt und Not der Gasse für die Heiligtümer *der Religion, sie zu schmücken, sie zu zieren, sie zu füllen. Das Haus Gottes und das Haus der Familie waren Tempel des Herrn. Glaube und Treue, Eifer und Hingebung erhoben diese Stätten zu Stätten der Gottesgegenwart. Sichtbar wohnte das Leben der Religion in Schule und Lehrhaus. Im Gottesdienste wie im Dienste der Gemeinschaft spiegelte sich aufrechter jüdischer Geist. Heute aber: die prunkvollen Tempel stehen leer, die Häuser sind entjüdischt, ein Lehrhaus gibt es nicht, die Schulen sind auf Minimallehrpläne beschränkt, die Gottesdienste kalt und blaß und die Gemeinschaft in Hader zerrissen. Was berechtigt uns nun, im Sederlietfe von Gott zu verlangen: „Bau Dein' Tempel: Schiereh"? Tun wir doch vorerst hier unsere Pflicht. Nun ja, viele tun hier nicht ihre Pflicht und beten auch nicht mehr darum, dereinst bald dort ihre Pflicht tun zu können. Und doch kann nur Pflichterfüllung für unsere Heiligtümer uns sowohl für hier, wohin uns Gottes Wille versetzt hat, als auch für dort, wohin einst Gott seine Verstoßenen zurückführen wird, unsere Gesamtheitsrettung und Erhaltung sein. Tue jeder, was er nur kann, auf dem Platze, auf den ihn Gott gestellt hat, wo immer es sei; und baue doch jeder an der jüdischen Aufgabe, die ihm geworden, es sei, welche es wolle, dann baut Gott seinen Tempel Schiereh in uns, um uns und für uns. So möge die alte Judenfrage Ma nischtano, „warum so anders?" nicht nur Antwort finden in dem: „wir waren Diener", sondern besser in dem: wir sind Diener. Wir sind Diener des lebendigen Gottes, ihm dienen wir im Bekenntnis unserer Jugend und dem Opferwillen unserer Alten; wir bauen ihm den Tempel unseres Herzens, und er baut uns den Tempel unserer Zukunft bald, o bald in unseren Tagen. Ein Wahlmanöver. Worte sind dazu da, um Gedanken zu verbergen, und Listen dienen, so scheint dies wenigstens der Fall zu sein, oft zur Verbergung der Gesinnungen! Diese ihre Gesinnung zu verbergen, gibt sich eine Partei alle Mühe, welche mit einer „Jüdischen Liste" vor die Wählerschaft hintritt und sich so den Anschein geben möchte, als wäre sie die Vertreterin der jüdischen Interessen. Aufrichtig und ehrlich wäre es gewesen, wenn die .Jüdischnationalen — von diesen ist nämlich die Rede — mit einer „jüdischnationale n" oder meinetwegen mit einer „zionistische n" Liste in den Wahlkampf eingetreten wären, um die Stimmen derjenigen jüdischen Wähler auf die Kandidaten ihrer Partei zu vereinigen, welche eine jüdischnationale oder zionistische Politik in Oesterreich betrieben wissen wollen. Aber wenn sich ein Häuflein radikal-antisemitischer Studenten als „Deutsche Studentenschaft" bezeichnet, wenn sich die österreichische Klassenkampfpartei als „Partei des arbeitenden Volkes4' (alle übrigen sind Nichtstuer!) ausgibt, wenn* schließlich Großdeutsche und Christlichsoziale eine „Bürgerliche Einheitsfront" bilden, warum sollte sich nicht auch eine Vereinigung jüdischnationaler Politiker als „jüdische Liste" präsentieren? So bedenklich so ein Vorgehen, eine solche Verschleierung der wahren Gesinnung auf alle Fälle - wäre, so würde es sich doch immerhin noch innerhalb der allgemein anerkannten Formen des politischen Anstandes halten, wenn die Jtidischnationalen tatsächlich unter Zurückstellung ihrer nationalistischen Grundsätze, d. h. auf einer allgemein jüdischen Plattform Politik betreiben wollten. Davon kann nun gar keine Rede sein. Im Gegenteil. Der

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