Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 16 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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€nacnetnt Jeden &xeitcB& (Ptete diese* JRCumwnem: SO Sroadken D/E WAHRHEIZ Cesteneicfiisiike l&ocfiensdkrift für jüdisdäe Jfnteressen Veröffentti&un&en der „Union deotscfiösterir. Juden" Redaktion und Administration s Wien iL, JCeinestvaße Jffir. 13 Ferntut 42-2*16 XLIII. Jahrgang Wien, 15. April 1927 Nummer 18 Das Brot des Elends. Der alte freundliche Tröster ist wieder da. Das hohe Ljted des Frühlingsfestes erklingt aus seinem Munde. Siehe, unser Freund kommt, schon blickt er wie junge Sonnenstrahlen durch die Wolkengitter. Schon pocht er an unsere Türen. Macht Platz. Schmücket eure Häuser. Horchet auf seinen Gruß, lauschet auf seine freundliche Rede. Was wollt ihr ihm erzählen, was wollt ihr ihm klagen? Eure Not? Eure Bedrängnis? Euer Leid? Er lächelt die Sorge euch von der Stirne weg! Sein Zauberblick scheucht die Schatten euch aus dem Antlitz fort! Lernet lesen, spricht er zu uns, lernet lesen und verstehen aus dem Buch der Zeiten: „Knechte sind wir einst gewesen" — lernet lesen und verstehen den Wandel des Schicksals. Unter allen äußeren Kennzeichen des jüdischen Frühlings- und F r e i h e i t s f e s t e s sind die ungesäuerten Brote das bedeutsamste; stellen sie doch ein doppeltes Symbol dar. Sie sind zugleich das dürre Brot des Elends, der Knechtschaft und der Unterdrückung wie das leuchtende Sinnbild der Freiheit, welche den Geknechteten und Unterdrückten oft „über Nacht" zuteil wird, in kürzerer Zeit als das Brot zur Gärung bedarf. Neben dem „Brot des Elends" perlt aber der Wein im Becher, neben dem Bitterkraut duftet die Würze. Wer hat wohl öfter so Zeiten und Schicksale wechseln gesehen als wir Juden, und wir sollten verzweifeln am Kommen unseres Frühlings? Wohl lang und bang ist unser Winter, noch ist das Eis nicht gebrochen, der Schnee nicht geschmolzen. Wird denn aber unser Winter immer dauern? Werden die grauen Wolken immer über unserem Haupte hängen? Einst hatten wir eine bange, schauerliche Eiszeit in Aegypten zu bestehen — wir waren Knechte des Pharao in Aegypten — es zog eine warme Frühlingssonne an unserem Horizont herauf, es führte uns der Ewige von dort „über Nacht" heraus mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm. Kommt aber die Freiheit auch über Nacht, so kommt sie dennoch nicht von selbst, sondern ihre Erringung ist an zwei wichtige Voraussetzungen gebunden. Sie erfordert Männer, Persönlichkeiten voll Mut, Kraft, Entschlossenheit und Selbstvertrauen, die wie Moses die Fähigkeit besitzen, die Geknechteten aufzurütteln und aus dumpfer Lethargie zu Taten aufzurufen; denn die große Masse ist eher konservativ als revolutionär und nimmt die herrschenden Zustände, mag sie dieselben als noch so drückend empfinden, als etwas Unabänderliches hin und erschöpft sich in nutzlosen Klagen. Die zweite Voraussetzung aber für die Erlangung der Freiheit ist Opferbereitschaft. Das Volk, das nicht gewillt ist, um der Freiheit willen auch die schwersten Opfer zu bringen, das ist der Freiheit nicht würdig und wird sie auch nie erlangen. Und darum gewinnt das Pessachfest so große symbolische Bedeutung. Möge uns dasselbe an die schweren Opfer erinnern, welche unsere Väter um der Freiheit willen gebracht haben, und uns ermahnen, auch unsererseits Opfer für unsere Freiheit und Unabhängigkeit zu bringen, wenn die Notwendigkeit hierzu an uns herantritt. Möge uns das Pessachfest gerade heuer, wo es die höchsten Güter der Freiheit zu erhalten und zu verteidigen gilt, daran ermahnen, daß auch von der Freiheit der Satz gilt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Auch wir essen gegenwärtig ein Brot des Elends im weiteren Sinne des Wortes, indem wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, Steuerdruck, Absatz- und Produktionsstockung in ständigem Wachsen begriffen sind und zahlreiche Opfer unter uns Juden fordern. Sollen wir uns darob in zwecklosen Klagen ergehen und die Hände tatenlos in den Schoß legen? Sollen wir weiterhin widerspruchslos das Brot des Elends essen und uns das bittere Kraut der fast unerträglich gewordenen Steuern, Zölle und Abgaben durch den wohlschmeckenden Mus phantastischer Versprechungen und utopischen Vorspiegelungen unverbesserlicher Weltverbesserer versüßen? Nichts von alledem. Mit jedem jungen Jahre, wenn unter den goldenen, milden Frühlingsstrahlen die Eisberge schmelzen und Flüsse und Bäche fröhlich ihrer Haft enteilen, bringt das Pessachfest uns die Kunde von der Befreiung Israels aus der eisigen Umklammerung der ägyptischen Zwingherrschaft. Unter seinem warmen Hauche sprießt die erstarrte Hoffnung in unserem Herzen zu neuer Blüte auf. Die Besserung kann nicht ausbleiben, da das Böse in der Welt, in welcher Form und Stärke es auch auftritt, den nagenden Wurm der Vernichtung in sich trägt und sich selbst zerstört. Und die Hoffnung kann nicht täuschen, so wenig als das immer sich wiederholende Naturgesetz täuscht, nach welchem alles, was hohl und entgeistigt ist, zur Erde sinken und sich auflösen muß, um als ein Besseres und Vollkommeneres zu erstehen. Natürlich dürfen wir nicht Utopien nachjagen, sondern nüchtern und klar die Notwendigkeiten der Stunde erfassen und darnach handeln! Arbeiten und nicht verzweifeln. Dann, aber nur dann, werden wir von uns sagen können: „Heute noch Knechte, wirtschaftlich unterdrückt, politisch entrechtet und an der Entfaltung unserer Energien gehindert, übers Jahr freie Männer!"