Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064314--15332-3088110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 911 llillllllll DIE WAHRHEIT zu lesen, wo kurz vorher von einer anderen Firma vor allen anderen Mazzoth eindringlich gewarnt worden ist Und so geht es fort Heute diese, morgen jene Warnung, so daß der arme Leser, wollte er alle die vielen Warnungen beherzigen, überhaupt keine Mazzoth genießen dürfte. Es ist dies ein klägliches Schauspiel, das hier der Welt und — was besonders traurig ist — auch der nichtjüdischen Welt geboten wird. Der Mazzeskrieg gereicht keiner der miteinander kämpfenden Firmen zur Ehre und ruft nur Mißtrauen, Aergernis und Widerwillen hervor. Können sich die Mazzeserzeuger nicht an jene Geschäftssitten gewöhnen, welche sonst im geschäftlichen Leben allgemein beobachtet werden? Der joviale Landesvater. Herzog Leopold von Dessau soll ein überaus beliebter und trotz mancher Eigenheiten jovialer Landesvater gewesen sein. Unrecht haßte er, wiewohl man ihm rechtsstaatliche Anwandlungen selten zum Vorwurf machen konnte. Er galt ferner als ein entschiedener Gegner der sich an den kleinen Fürstenhöfen breit machenden Geringschätzung des Bürgertums und tolerierte alle Konfessionen. Eines Tages ließ er sich einen armen Juden rufen, um ihn über die Vorgänge in der „kreuzbraven Stadt Dessau" zu befragen. „Modehe" sagte der fürsorgliche Landesvater, „als ich heute früh durch die Stadt ritt, roochte es bei allen Juden. Was war denn los?" „Wir feiern das Purimfest, Durchlaucht" antwortete der Gefragte. „Aha, die Erinnerung an Deinen Stammvater Modehe (Mordechai) und an Haman. Da wundert es mich aber, daß es bei Dir, Modehe, nicht geroocht hat" „Hoheit! Die Zeiten sind schwer. Man kann nicht, wie man möchte." „So, Modehe, es fehlt am Notwendigsten?" Nach einer Pause befahl der Herzog, dessen sprichwörtliche Gutmütigkeit freilich selten die eigene Schatulle angestrengt hatte: „Ich brauche grünen Stoff für meinen Leibjäger. Gehe zum Händler N. (ein als Antisemit bekannter Kaufmann) und laß Dir Muster geben. Darfst aber nicht sagen, daß ich den Stoff brauche." „Was denken Hoheit! Der N. verkauft keinem armen Juden, er wird sich hüten, mir Warenproben zu geben, der wirft mich hinaus," jammerte Modehe. Der Herzog war unerbittlich. Er befahl nur: „Modehe, das laß meine Sorge sein, nun loof." Klopfenden Herzens betrat der Abgesandte des Herzogs die Höhle des Löwen. Bevor er in das Geschäftslokal ging, sah er sich den Platz davor genau an, um zu prüfen, worauf er fallen würde. Gesagt, getan. Bevor Modehe seinen Auftrag ausführen konnte, flog er schon zur Türe wieder hinaus und--auf den eintretenden Herzog. Hoheit war darob scheinbar höchlichst entrüstet. „Was, Du erlaubt Dir, mit meinen Bürgern so umzugehen? Gleich entschädigst Du den armen Juden mit 10 Talern," befahl der Herzog in barschem Tone. Der Tuchhändler N. war zwar wütend über dieses Ansinnen, aber es blieb ihm nichts übrig als die Summe zu zahlen. Der Herzog nahm das Geld und überreichte es dem bestürzten Modehe mit den Worten: „Da hast Du, Modehe, geh nach Haus und laß ooch roocheh." Kollektivbeleidigung ist strafbar. Vor einiger Zeit hatte der völkische Bürgervorsteher S i e b o 1 d t s von Norden (Ostfriesland) ein seit Jahren berüchtigter Hetzer, gegen den „Ostfriesischen Kurier" ein Flugblatt verbreitet, in welchem er diese Zeitung (nebenbei bemerkt ganz rechts gerichtet) schwer angriff. Gleichzeitig waren darin aber auch Beleidigungen der jüdischen Kaufleute Nordens enthalten, die mit ganz gemeinen Ausdrücken unanständigen Geschäftsgebarens beschuldigt wurden. Einige Norder jüdische Kaufleute stellten Strafantrag gegen Sieboldts, worauf die Staatsanwaltschaft in Au rieh öffentlich Klage erhob. Das große Schöffengericht in Aunkah sprach den Angeklagten jedoch frei, da es seiner Ausrede Glauben schenkte, er habe nicht die einzelnen jüdischen Kaufleute, sondern die Juden in ihrer Allgemeinheit treffen wollen. Gegen dieses Urteil hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die durch den Rechtsanwalt Dr. Charig (Emden) vertretenen Nebenkläger Aschendorff, Weinberg und Gersoai Berufung ei'ntgelegt in der vor der großen Strafkammer in Aurich abgehaltenen Verhandlung gelangte das Gericht zu einer Verurteilung des Angeklagten Sieboldts, und zwar: 300 Mark Geldstrafe oder 30 Tage Gefängnis, Tragsung sämtlicher Kosten und Veröffentlichung des Urteils im „Ostfriesischen Kurier". Der Staatsanwalt hatte 1000 Mark beantragt, das Oericht ließ diesmal noch Milde walten, wie es in der Urteilsbegründung hieß, weil der Angeklagte bisher unbestraft sei, anderseits müsse aber verhütet werden, daß in so unschöner Weise Gift ins) Volk gebracht würde, der Präsident des ^Gerichtes ermahnte Herrn Sieboldts dringend, in . Zukunft anständiger zu kämpfen. Durch dieses Urteil ergibt sich, daß das bei jeichsdeutschen völkischen Hetzer beliebte Verfahren der Kollektivbeleidigung; einigermaßen riskant ist, da jetzt ein deutsches Gericht sich gefunden hat, das auf diesen Schwindel nicht mehr hineinfällt und eine Beleidigung ob gegen einzelne oder eine Gemeinschaft als das wertet, was sie wirklich ist Aber auch unsere österreichischen Hakenkreuzler lieben diese feige Methode der Kollektivbeleidigung, hinter der sie sich verschanzen, wenn ein Angehöriger der allgemein angegriffenen Judenschaft sie vor Gericht zur Rechenschaft zieht. Leider ist bisher noch kein ähnliches Präzedenzurteil, wie es nunmehr vor einem reichsdeutschen Gerichtshof vorliegt, von einem österreichischen Gerichte gefällt worden. Luigi Luzzattl. Am 29. März ist in Rom der frühere italienische Ministerpräsident im Patriarchenalter von 85 Jahren gestorben. Der Name Luzzatis, der im Jahre 1841 als Sohn einer begüterten jüdischen Familie geboren wurde, wird als einer der glanzvollsten in der Geschichte des Aufstieges des jungen Königreiches Italien genannt werden müssen. Sein großes Wissen, seine ungeheure Erfahrung, insbesonders in wirtschaftlicher Hinsicht, hat er in den Dienst seines Vaterlandes, des geeinigten Italien, gestellt, in dessen Politik er seit dem Jahre 1871, in welchem er, der junge Professor für Staatsrecht an der altehrwürdigen Universität Padua, in die Deputiertenkammer gewählt wurde, bis zu seinem Tode eine bedeutende Rolle gespielt hat. Luigi Luzzati, der mehrmals Finanzminister und im Jahre 1907 Ministerpräsident Italiens war und nach seinem Rücktritt die Würde eines Senators auf Lebensdauer bekleidete, war immer ein stolzer und selbstbewußter Jude, der, wo es ihm möglich war, für seine verfolgten Glaubensgenossen mit allen Kräften eintrat. Vor nicht allzulanger Zeit erklärte er: „Ich wurde als Jude geboren und werde als Jude zu meinem Gott zurückkehren. Ich bin stolz auf mein Judesein. Auch als mir meine Gegner vorwarfen, daß ich als Ministerpräsident Italiens meine persönlichen Beziehungen und Freundschaften zu Staatsmännern wie B a 1 f o u r und Clemenceau zugunsten der unterdrückten Juden Rußlands und Rumäniens ausgenützt habe, so war ich auch auf diesen Vorwurf stolz." Luigi Luzzatti fand immer Zeit, sich mit jüdischen Problemen zu beschäftigen und wandte speziell in letzter Zeit der jüdischen Geschichte und Ethik erhöhte Aufmerksamkeit zu. In Luigi Luzzatti verliert Italien einen seiner geistvollsten Köpfe, einen hervorragenden Politiker und großen Patrioten, das Judentum aber einen seiner treuesten Söhne. Sein Andenken wird stets in Ehren gehalten werden. Die „Beherrscher Sowjetrußlands". Bekanntlich behaupten die Völkischen täglich in ihren Blättern und Versammlungen, daß die Juden die Machthaber Sowjetrußlands seien, daß von dort die jüdische Weltherrschaft aufgerichtet werde, daß schreckliche Untaten der Sow?et>juden gegen Christen rund insbesondere gegen die christliche Religion täglich zu verzeichnen seien. Es ist unmöglich, auf jede der Beschimpfungen und Verunglimpfungen in diesen Blättern einzugehen. Lehrreich und bezeichnend aber ist es, was ein christlicher Gelehrter, der Privatdozent Dr. P. G. Rahm (Freiberg i. Sa.), der kürzlich Rußland besucht hatte hierüber aussagt. Et schrieb nämlich in der „Kölnischen V o 1 k s z e i tu n g". „Man liest so oft in den Tagesblättern, daß Rußland unter jüdischem Einfluß stehe, daß die gegenwärtige Regierung nur aus Juden zusammengesetzt sei. Tatsache ist daß viele der jetzigen t Machthaber jüdischen Ursprungs sind. Deshalb aber das offizielle Judentum anzuklagen, wäre ungerecht. Die jüdischen Volkskommissäre sind ebensowenig Vertreter des jüdischen Religionsbekenntnisses, wie man etwa Lenin als orthodoxen Christen bezeichnen würde, obschon er in der Jugend Mitglied der Staatskirche war. Es wurde schon hervorgehoben, daß die atheistische Zeitschrift „Der Gottlose", die jüdische Religion ebensoseht bekämpft und mit beißendem Spott übergießt, wie die christlichen Glaubensbekenntnisse. Juden haben sich wiederholt mit Bittschriften! an die Regierung gewandt um bestimmte katholische Geistliche aus der Haft zu entlassen. So z. B. bei dem bekannten Prozeß der „Vierundfünfzig" und in jüngster Zeit traten Juden für die Freilassung des katholischen Priesters Ussas ein, der so lange unschuldig im Kerker schmachtete." Wir haben diesen Ausführungen nicht hinzuzusetzen.