Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Obwohl die Zahl der Listen durchaus kein Kennzeichen für die Zahl der Stimmen ist. so scheint diese Tatsache immerhin von Bedeutung zu sein: erstens, weil sie uns zeigt, daß die Spaltung innerhalb der österreichischen Hakenkreuzler eine so tiefgehende, die Kluft zwischen Hitler und Schulz eine so unüberbrückbare geworden ist, daß sie sich nicht einmal, wie dies bei den Einheitslisten trotz der gewaltigen inneren Gegensätze der Fall ist, auf die gemeinsame Plattform des Antisemitismus finden konnten: zweitens, weil wir daraus erkennen können, daß selbst eine Kandidatur R i e h1, eines 99 prozentigen Hakenkreuzlers, keine der beiden nationalsozialistischen Gruppen, oder, besser gesagt Grüppchen, zu einer Aufgabe ihres selbständigen Vorgehens veranlassen konnte. „Es kanditieren (so schreibt die „Morgenzeitung'" vom 2. d. M. wohl mit Rücksicht auf die „Wahlzuckerln" der Parteien) „somit in den Nationalrat: die Marxisten, die A n t i m a r x i s t e n, die Demokraten, der L a n d b u n d, die Z i o n i s t e n, die Kommunisten, die Hitler-Partei und die Schulz-Partei. Trotz dieser reichlichen Auswahl wird dem wahrhaft freiheitlichen und fortschrittlichen Wähler bei der am 24. April stattfindenden Wahl die Wahl nicht schwer fallen." ..Wahlkomitee werktätiger Juden". Zunächst einmal sei festgestellt, daß nahezu alle Juden „werktätig" sind, sofern sie nicht im Kindheits- oder Greisenalter stehen, krank, siech oder, was nicht zuletzt durch die Schuld marxistischer Wirtschaftspolitik der Fall ist, a r b e i t s- 1 o s geworden sind und unfreiwillig feiern müssen. Diese aus physischer oder wirtschaftlicher Notwendigkeit zur Arbeitslosigkeit Verurteilten meint jedoch das „Wahlkomitee werktätiger Juden" nicht, wenn es sich zu den „nichtwerktätigen" Juden im Gegensatz stellt, sondern diese Unterscheidung ist nur dazu da. um den Klassenkampf auch in die jüdischen Reihen zu tragen. In der Tat ist besagtes Komitee nichts anderes als ein Ableger der sozialdemokratischen Partei, dazu bestimmt, Stimmenfang für die Sozialdemokraten zu betreiben und jüdischen Geschäftsleuten, Gewerbetreibenden, Angestellten usw. die bittere B r e i t n e r e i mit Wahlversprechungen zu versüßen. Bezeichnend ist, da!3 derselbe Herr M o r i z, seines Zeichens „werktätiger Jude" und Vertreter der sozialdemokratischen Partei im Kultusvorstand, der vor kurzem öffentlich erklärt hat: „Ich gebe unumwunden zu, daß die österreichische sozialdemokratische Partei antisemitisch ist!" nunmehr selbst um jüdische Stimmen für die von ihm als antisemitisch charakterisierte Partei wirbt. Die werktätigen Juden, vor allem die durch die sozialdemokratische Steuerpolitik beinahe an den Rand des Abgrundes gebrachten Geschäftsleute und Gewerbetreibende, werden den genannten sozialdemokratischen W'ahleinpeitscher mit dem Stimmzettel in der Hand die richtige Antwort erteilen. Eine Würdelosigkeit. Wie der „Oesterreichische Pressedienst" berichtet, sammelt ein Komitee „freisinniger" Intellektueller in der Leopoldstadt Unterschriften für eine Kundgebung an den Bundeskanzler S e i p e I, in welcher dieser ersucht wird, von einer Kandidatur Riehl entweder ganz oder doch wenigstens in der Leopoldstadt abzusehen. Diese Kundgebung, v/elche mehr den Charakter einer Bittschrift als den eines politischen Manifestes besitzt, stellt wohl den Gipfelpunkt der Selbstentäußerung dar, die freie Bürger einer freien Republik, die sich noch dazu als „freisinnige Intellektuelle" bezeichnen, aufbringen können. Den Inhalt besagter Kundgebung meldet der „Oesterreichische Pressedienst" zwar nicht in seinem Wortlaut, doch glauben wir nicht fehl zu gehen, wenn wir diesen etwa folgendermaßen formulieren: „Lieber Seipel! Die unterzeichneten freisinnigen Bürger der Leopoldstadt bitten, ihnen die Abgabe ihrer Stimme für die christlichsozial-großdeutsche Einheitsliste . dadurch zu erleichtern, daß sie nicht Riehl zu wählen gezwungen werden, da sie sonst in einen schweren Gewissenskonflikt kommen würden. Folgen Unterschriften." Ob diesen auch die nötigen Stimmen wahrhaft freisinniger Menschen folgen werden, das ist noch die Frage. Anfang Jud, Ende Jud. Abschiedsvorstellung im Nationalrat. Dr. Seipel spricht und wird hierbei vom Sozialdemokraten Doktor E i s 1 e r fortwährend unterbrochen. Darob ergrimmt der Großdeutsche Z a r b o c h und ruft Dr. E i s 1 e r höhnische Bemerkungen zu. Dr. E i s 1 e r erwidert mit dein Zuruf „Lump!", einem häufig gebrauchten unparlamentarischen Ausdrucke des parlamentarischen Wörterbuches. Darauf repliziert Zarboch: „Ein Jude kann mich nicht beleidigen!" Großer Lärm bei den Sozialdemokraten. Abgeordneter S e v e r ruft den Christlichsozialen und Großdeutschen zu: „Hier seid ihr Antisemiten und draußen macht ihr mit den Juden die Einheitsfront!" So bekommen die Juden gleich zwei Ohrfeigen auf einmal, die eine von rechts und die andere von links. Zarboch beleidigt die Juden, indem er sagt, sie könnten ihn nicht beleidigen. S e v e r wieder wirft den Juden Gesinnungslosigkeit vor, indem er von einer jüdisch-antisemitischen Einheitsfront faselt. Der Jude aber muß es sich gefallen lassen, daß mit seiner Ehre von den gewählten Volksvertretern Fußball gespielt wird. „Der Jude möge zerspringen!" Diesen unfrommen Wunsch hat der „V o 1 k s k a m p f" unlängst mit Bezug auf den Präsidenten der „U nion deutschösterreichischer Jude n". unseren Doktor Jakob O r n s t e i n ausgesprochen, weil er sich erfrecht hatte, in einer jüngst stattgehabten Versammlung der „Union" bei der Besprechung der antisemitischen Hetzpropaganda, die im Zusammenhang mit den Wahlen betrieben wird, „d e n Juden aus dem „Volks kämpf" vorzulese n." Wir wissen nicht, wie sich die Redakteure des „Volkskampf" verhalten werden, wenn der Staatsanwalt demnächst den Geschworenen etwas aus dem „Volkskampf" vorlesen wird, doch glauben wir annehmen zu können, daß in diesem Falle derartige Wünsche unterdrückt werden dürften; jedenfalls hat das Verhalten des verantwortlichen Redakteurs dieses Blattes im letzten Preßprozeß nicht den Eindruck gemacht, der auf das Gegenteil schließen ließe. Es wäre aber grundfalsch, wollten die Herren vom „Volkskampf" besagte Vorlesung in der „Union"-Versammlung als besondere Auszeichnung oder gar als „Erfolg ihrer Aufklärungsarbeit" werten; es war dies vielmehr nur eine Aufkehrungsarbeit, welche Dr. Ornstein zu unternehmen gezwungen war, um den antisemitischen Unrat wegzuschaffen. Daß man bei einer solchen im wahrsten Sinne des Wortes aufreibenden Tätigkeit mit Kot bespritzt wird, nun, dessen mußte Dr. Ornstein schon im Voraus gewärtig sein und darum dürfte er sich durch den freundlichen Wunsch des „Volkskampf" in dieser, wie wir zugeben müssen, recht unappetitlichen, aber leider notwendigen Arbeit nicht im Mindesten irritieren lassen. Auch wenn der „Volkskampf" zerspringt! Der Mazzeskrieg in der Leopoldstadt. Zu keiner Zeit werden dem jüdischen Leser so viele Warnungen, Aufklärungen und Erklärungen zuteil wie in den Wochen vor Pessach. Auch heuer ist ein regelrechter Mazzeskrieg zwischen den Mazzes erzeugenden Firmen ausgebrochen, der mit recht viel Papier und Druckerschwärze ausgefochten wird und selbst die Filmleinwand der großen Leopoldstädter Lichtspieltheater zum Kampfplatz erwählt hat. Man begnügt sich nicht damit, seine Erzeugnisse anzupreisen und ihre gute Qualität zu loben, sondern glaubt ohne Herabsetzung fremder Ware nicht wirkungsvoll Propaganda machen zu können. Die Firma Strum läßt durch die jüdische Tageszeitung eine eindringliche Warnung an alle Juden ergehen: ..Lassen Sie sich nicht andere Erzeugnisse aufdrängen! Froher Pessach — nur mit Strum- Mazzoth!" Warum sich die Pessach-Freuden nur bei dem Genüsse von Strum-Mazzoth einstellen sollen und alle die, v/elche Mazzoth anderer Provenienz essen, von '-der Festesfreude ausgeschlossen bleiben werden, diese Erklärung bleibt die Firma schuldig. Die Generalvertretung der Firma M n n is che witz veröffentlicht in dem gleichen Blatte euie „Erklärung", in welcher die Mazzoth der Firma Nathan Brod e t z k y als alt und minderwertig bezeichnet werden. Natürlich kann die Firma Vortrefflich die Mazzothkonsumenten nicht ungewarnt lassen und veröffentlicht zu diesem Zwecke, und zwar wieder in demselben Blatte eine Warnung: „Vorzügliche, feinste, dünnste, usw. Mazzoth bekommen sie nur aus der Mazzothfabrik Israel V o r t r e f f- 1 i c h." Sollten alle anderen Mazzoth weniger vortrefflich sein? ..Schmiedl-Mazzoth sind doch die besten!" So steht es in auffallenden Lettern fast an der gleichen Stelle