Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 IMIM^ DIE WAHßHEIl Juden, die dem Konzil zu Metz am 1. Mai 888 vorgelegt wurde. 797 entsendet Karl der Große jene bekannte Gesandtschaft an Harun al Raschid, der als Dolmetscher ein Jude namens Isaak beigegeben war. Fünf Jahre später kehrt Isaak als einzig Ueberlebender von den Führern der Gesandtschaft mit den Geschenken Harun al Raschids heim und überreicht sie am 20. Juli 802 dem Kaiser zu Aachen. Aus der Regierung Karls des Großen sind mehrere Erlässe, speziell aus den Jahren 806, 809, 813 und 814 bekannt, die sich mit den Rechten und Pflichten der jüdischen Untertanen befassen. 820 werden jüdische Kaufleute in Aachen erwähnt; 878 werden Juden in Augsburg genannt; 900 Worms. Aus diesem Jahre ist die Grabschrift vom Grabstein der Tochter eines jüdischen Märtyrers, namens Samuel, überliefert; 937 erhält der Erzbischof zu Mainz eine Bulle vom Papsf auf seine Anfrage, wie er sich den Juden seiner Stadt gegenüber verhalten soll, wenn sie sich nicht taufen lassen wollen: 942 Grabstein des Josua ben Jehudah aus P r a g. Der Zweitälteste Prager Grabstein stammt aus dem Jahre 980. 965 Urkunde Ottos des Großen über die Stellung der Juden und „der übrigen Kaufleute" zu Magdeburg gegenüber den Bischöfen. In derselben Urkunde wird Merseburg erwähnt. 1004 werden die Merseburger Juden zum zweiten Male genannt; 981 dem Kloster St. Emmerans zu Regensburg wird der Kauf eines Gutes aus den Händen eines Juden, namens Samuel, bestätigt. Der Kauf selbst hat offenbar schon in den siebziger Jahren stattgefunden; 1009 Briefliche Erwähnung der Juden von Meißen; 1033 werden die Juden von Bamberg erwähnt, und zwar durch folgende ebenso spaßige wie charakteristische Anekdote. Die Juden weigern sich, die Wunderkraft der Reliquien der heiligen Kundigunde anzuerkennen. Sie wollen es aber tun, wenn ein jüdischer Knabe, der an einem Tic leidet, durch die Reliquien hiervon geheilt werde; ja, ein Jude, namens Jakob, erklärt sich bereit, wenn das Wunder geschehe, sich taufen zu lassen. Man stellt das Experiment an, der Knabe wird — Tic nerveuse! — gesund — vom Juden Jakob aber wird nicht berichtet, daß er sich habe taufen lassen. 1066 Versuch zur Zwangstaufe der Juden In Trier und merkwürdiger Tod des Erzbischofs am Tage der beabsichtigten Judentaufe; 1074 Erste Erwähnung der Juden von Frankfurt a. M. In einem kaiserlichen Zollerlaß; 1084 Bischöflicher Erlaß über die Rechte der Juden zu Speyer: 1096 Erwähnung eines Juden aus Bonn; 1096 Niedermetzelung von 200 Juden in N e u ß durch die Kreuzfahrer: 1096 Märtyrertod der Juden zu Xanten, die sich an einem Freitagabend in einem Turm umbringen, ehe die Kreuzfahrer den Turm erstürmen; 1105 Erwähnung der Juden von Nürnberg: Jl 19 Erwähnung eines Kaufvertrages mit Juden in Würzburg; 1137 Grabschrift dreier jüdischer Brüder, die in diesem Jahr in Erfurt starben; 1146 Vertreibung der Juden aus Halle; J147 Ertränkung einer Jüdin in Aschaffenburg, die sich nicht taufen lassen wollte; 1155 Steuerurkunde über die Juden zu Goslar; 1180 Kaufvertrag mit einem Juden aus Rothenburg; 1185 Kaufvertrag mit einem Juden aus Duisburg; 1194 Verträge mit Juden in Wien; 1200 Stadtbestimmung über die Juden in Straßburg; 1202 Kaufvertrag mit Juden aus der Umgebung von Breslau: 1210 Beraubung der Juden in Passau; 1213 Erste urkundliche Erwähnung von Juden in Basel; 1227 Judenurkunde aus Beuthen; 1230 Erwähnung von Juden in Freiburg; 1235 Ermordung von 32 Juden wegen eines angeblichen Ritualmordes in Fulda; 1237 Kaufvertrag mit einem Juden in Dortmund; 1243 Judenverfolgung zu Meiningen; 1258 Judenbedrückung in Hildesheim; 1258 Kaufvertrag mit Juden in Osnabrück; 1261 Judenschutzgesetz in Halberstadt; 1264 Juden Vertreibung aus Greifswald; 1266 Judengesetz für W i s m a r; 1267 Judenurkunde für G n e s e n. 1267 Judenverordnung für Mecklenburg; 1270 Judenverordnung für Minden; 1270 Kaufvertrag mit Juden aus Rostock; 1307 Judenurkunde aus Spandau bei Berlin; 1320 Judenurkunde aus Berlin; 1342 Judenurkunde aus Posen; 1350 Judenurkunde aus Lübeck; 1365 Judenurkunde aus Bremen. Trägt man die zehn frühest erwähnten Niederlassungen von Juden, die vor dem Jahre 1000 genannt sind, in eine Karte von Deutschland ein, so erhält man das auffallende Bild, daß neben der Gruppe der westrheinischen Städte und der süddeutschen Gruppe Augsburg, Regensburg, Bamberg und Prag die beiden deutschen Niederlassungen Magdeburg und Merseburg als weit vorgeschobene, von allen Kulturzentralen losgelöste Vorposten mitten in dem damals noch unzivilisierten Germanien erscheinen. Wir können nicht annehmen, daß sich Juden hier unvermittelt und sozusagen ohne rückwärtige Verbindung angesiedelt haben, sondern müssen vielmehr den Schluß ziehen, daß eben unsere Kenntnisse über die Judenbesiedlung der damaligen Zeit äußerst lückenhafte sind, und daß höchstwahrscheinlich damals unvergleichlich mehr und vielleicht auch schon aus wesentlich früheren Zeiten stammende Judenniederlassungen in Deutschland bestanden haben müssen. Immerhin sind auch schon diese Einzelkenntnisse, wie es sich auch sonst mit anderen, unbekannt gebliebenen Siedlungen verhalten mag, außerordentlich wichtig als Zeugnisse für die Tatsache, daß die Juden schon vor dem Jahre 1000 sozusagen auf den äußersten Vorposten der vordringenden Zivilisation, mitten im rauhen Germanien, gefunden werden. Da wir mit Bestimmtheit annehmen können, daß sie im Gegensatz zur Mehrheit, ja, man kann sagen, zur Gesamtheit des deutschen Volkes, als Söhne der mediterranen Kultur lesen, schreiben, rechnen konnten, Fremdsprachen kannten und Handelskenntnisse besaßen, müssen die Juden zu den ersten Kulturpionieren der mittelalterlichen deutschen Geschichte gezählt werden. Lit: Julius Aronius: „Regesten zur Geschichte der Juden im Fränkischen und Deutschen Reich bis zum Jahre 1273." Verlag Leonhard Simion, Berlin 1902. H nuglcnisüies Königliche Seit vielen Jahren das anerkannt beste M^-nötw Man achte auf die ges. gesch. Marke »Hygien. 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