Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT iilllM Leser vergiften, nur Ekel empfinden. Aber gibt es überhaupt eine Couleur des Antisemitismus, der ein wirklich vorurteilsloser Mensch, sei er Jude oder Christ, seine Achtung nicht versagen dürfe? Man vergesse doch nicht, Antisemitismus heißt nicht: Antipathien gegen die Juden, die zu hegen jedermann frei steht. Antisemitismus ist etwas ganz anderes. Theodor Mommsen hat über diese Frage in einer kurzen Auseinandersetzung, deren Veröffentlichung wir Hermann Bahr ewig danken müssen, klar und erschöpfend, mehr gesagt, als in Folianten ausgeführt werden kann. Lassen wir einen Moment Mommsen gegen Dr. Riehls Kandidatur sprechen. „Was man in der Sache (nämlich in der Sache des . Antisemitismus) sagen kann, das — erklärte Mommsen — sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichsten Instinkte-'' Theodor Mommsen läßt den Antisemitismus aber überhaupt nicht als eine „politische Gesinnung" gelten, sondern nur als eine Krankheit, als eine „schauerliche Epidemie, wie die Cholera". Ob von dieser Krankheit „der Pöbel im Salon oder der Pöbel auf der Straße" befallen wird, das ist nach Theodor Mommsens „Ueberzeugung", deren „Ehrlichkeit" noch kein Mensch, auch Dr. Riehl nicht, anzuzweifeln gewagt hat, „kein Unterschied". Denn nach dem furchtbaren Kainszeichen, das Theodor Mommsen mit einem Mute, den noch kein Jude aufgebracht, dem Antisemitismus aufgeprägt hat, ist dieser die „Gesinnung der Kanaille". Mögen die Antisemiten sich mit Theodor Mommsen, der diese Charakteristik des Antisemitismus gab, und mii Hermann Bahr, der mit nicht geringerem Mute für ihre unsterbliche Verewigung sorgte, auseinandersetzen. Für Felix Saiten möchte ich daraus nur die Lehre ziehen, daß Mommsen auch für die „ehrliche Ueberzeugung" eines Dr. Riehl alles eher als — Achtung gehabt hätte. * * * Der zweite Punkt, in welchem ich nicht mit Felix Saiten übereinstimmen kann, ist folgender: Fr behauptet: „Es ist ein altes Erbteil der Juden, daß sie sich für jede Unwürdigkeit, die einer von ihnen begeht, verantwortlich fühlen, für das Gute jedoch, das einer leistet, nur wenig Gedächtnis und noch weniger Dank in Uebung haben." Um Himmelswillen, wie ist der geistreiche Saiten zu der seltsamen Verwechslung gekommen, daß er den Juden ein Erbteil aufhalst, das er bei ihren Feinden suchen und finden muß? Wer weiß nicht, daß es seit uralten Zeiten, von den Tagen des unseligen Haman bis auf Sämuely und Bela Kun herab, zu den nichtswürdigsten, böswilligsten Gepflogenheiten der Judenhasser gehörte, für die böse Tat eines Juden alle seine Glaubensgenossen verantwortlich zu machen? Aber wo fällt es dem Juden ein, sich für irgend eine von einem Juden verübte Lumperei verantwortlich zu fühlen? Es mag ja sein, daß die Juden nicht genug das schätzen, was sie einem von ihnen zu danken haben, aber hat es nicht Saiten hundertmal lesen und hören können, daß selbst von Antisemitismus freie Christen — unbedacht und ohne böse Absicht — häufig, wenn von einem Juden etwas Unwürdiges erzählt wird, in den Plural verfallen, während sie bei der edelsten Tat eines Juden nie den Singular Seife £ Laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners SIMON SCHREIBER aus Erlau YerlttAlicb Koscher J in Friedensqualität erzeugt von ■ 5 HEINRICH FRANCK SÖHNE 5 ■ Kaffeesurrogatfabrik, Linz a. d. D. g ■ bei ledem S ■ Kauf mu n n S ■ zu haben? S außer Augen lassen? Die Juden haben — da sie Menschen sind — sicherlich genug Fehler; daß sich aber einer für die Fehler des anderen verantwortlich fühlen würde, von diesen Fehler (den mancher vielleicht gar als Idealismus bezeichnen könnte) wissen wir sie wirklich frei. Ego. Chronologie der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die Berliner „Sammelblätter jüdischen Wissen s", von welchen bisher 71 Nummern erschienen, behandeln die verschiedensten, das Judentum berührenden Gebiete und bieten eine Fülle von Anregung und Belehrung. Nummer 61 bringt eine kurze Chronologie der jüdischen Gemeinden in Deutschland, welche sicherlich auch die österreichischen Juden interessieren wird: Die Urkunden über die Niederlassung von Juden in Deutschland reichen bis in die Römerzeit zurück. Ganz offensichtlich haben sich die Juden als römische Untertanen zur Zeit der Besiedlung Galliens und Westdeutschlands durch die Römer hier niedergelassen, und zwar, wie man aus den Urkunden entnehmen kann, zu erheblichem Teil als Kaufleute. Während die Zahl der Urkunden aus den französischen, namentlich den südfranzösischen Städten vor dem Jahre 10OO zahlreich ist, sind uns von den Siedlungen auf deutschem Boden nur spärliche Berichte und naturgemäß noch weniger Originalurkunden überkommen. Die frühesten Judenurkunden aus deutschem Gebiet sind: 321 Der Kaiser Konstantin erläßt Verordnungen betreffs der Juden in Köln, die auf eine ansehnliche Gemeinde mit Rabbinern und Gemeindeältesten schließen lassen. Die erste Originalurkunde aus Köln, die älteste deutschjüdische Urkunde überhaupt, stammt aus dem Jahre 380. 350 In Metz wird ein Bischof namens Simeon erwähnt, der jüdischer Abstammung war. Die älteste Urkunde aus Metz, die Zweitälteste Originalurkunde, entstammt dem Jahre 888 und ist eine Anklageschrift gegen die