Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 pmnnii«^ DIE WAHRHEIT gemeinden organisiert. Arbeit ist geschätzt und die Berufswahl frei, ein Beamtenstand existiert überhaupt nicht. Der Regent ist" an das Gesetz gebunden. Ehe und Erziehung sind private Angelegenheiten, die Ehe darf nach freier Wahl geschlossen und wieder gelöst werden. Der Fremdenverkehr wird nicht unterbunden, sondern durch das überhumane Fremdengesetz gefördert. Fürwahr ein Staat, der das Entzücken aller Freisinnigen hervorrufen konnte. Wie wenig der alte jüdische Staat ein Machtinstrument war oder sein wollte, ist aus seinen Konskriptionsvorschriften zu Kriegszeiten zu ersehen. Aber die Amtleute sollen mit dem Volke reden und sagen: „Welcher ein neu Haus gebauet hat und hat's noch nicht eingeweihet, der gehe hin und bleibe in seinem Hause, auf daß er nicht sterbe im Kriege und ein andrer weihe es ein." „Welcher einen Weinberg gepflanzet hat, seiner Früchte noch nicht genossen, der gehe hin und bleibe daheim, daß er nicht im Kriege sterbe und ein andrer genieße seine Früchte." „Welcher ein Weib sich verlobet hat und sie noch nicht heimgeführt, der gehe hin und bleibe daheim, daß er nicht im Kriege sterbe und ein andrer hole sie heim." Und die Amtleute sollen weiter mit dem Volke reden und sprechen: „Welcher sich fürchtet und ein verzagtes Herz hat, der gehe dahin und bleibe daheim, auf daß er nicht seiner Brüder Herz feige mache, wie sein Herz ist." Diese Vorschriften zeigen von einer ethischen Selbstlosigkeit des Staates, wie sie wohl in keinem Gesetzbuche der Erde zu finden ist. Der Talmud setzt die politischen Traditionen der Juden fort. Er unterscheidet zwischen Malka und Malkula. Der König hat keine gesetzgeberischen Befugnisse. Malka gilt dem Talmud nichts, dagegen Malkula alles. Er lehrt: „Das Gesetz der Regierung ist Gesetz, nicht aber der Wille des Königs." Diese Auffassung vom Staate im Judentum hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Die moderne Sozialpolitik hat in der biblisch-prophetischen Gedankenwelt ihren Ursprung. Das Bestreben, den modernen Staat und die moderne Wirtschaft auf sittliche Grundlagen zu stellen ist die Erneuerung des antik-jüdischen Geistes. Bei Ausbruch der neuesten Zeit waren die Quäker die ersten, die der Sklaverei, politischen Knechtung, dem Militarismus den Krieg erklärten. Die Quäker sind bekanntlich radikale Bibelanhänger. Reformation, die englische, amerikanische Freiheit hangen mit dem Judentum zusammen und dieser Zusammenhang ist durch die Bibel gegeben. Die Demokratien englischer Zunge sind interessanterweise ebenfalls in ihrem öffentlichen Leben von der Heiligen Schrift weitgehend beeinflußt; aus biblischen Motiven entsteht die sittlich-motivierte Gesellschafts- und Wirtschaftsreform. Glossen. An dieser Stelle gab ich vorige Woche der Meinung Ausdruck, daß nur ein unzurechnungsfähiger Jude so bar des Ehrgefühles sein könnte, einem Dr. Riehl zu einem Mandat in der Leopoidstadt zu verhelfen. Es freut mich, daß auch Felix Saiten in einem sehr umfangreichen Artikel versichert, er könnte sich den Grad von Moral insanity nicht vorstellen, der dazu gehören würde, daß selbst ein getaufter Jude dem Dr. Riehl seine Stimme gibt. So sympathisch und überzeugend aber auch Saltens Ausführungen im großen und ganzen sind, so kann ich doch nicht der Versuchung widerstehen, gegen zwei seiner Behauptungen laut Widerspruch zu erheben. Nicht aus bloßem Widerspruchsgeist, denn mir gefällt diese billige Sorte von Geist auch dann nicht, wenn ich ihm bei anderen begegne, wohl aber aus einem sittlich berechtigten Grunde. Ich halte es nämlich nicht für gleichgültig, daß, wenn ein Märm von der Bedeutung Saltens Ansichten äußert, die — meines Erachtens — jedem Wahrheitsfreund als unrichtig und bedenklich erscheinen-müßten, daß diesen Ansichten durch ein allgemeines achtungsvolles Schweigen der Schein einer allgemeinen Zustimmung zuteil würde. Es soll nicht heißen: Niemand ist Saiten entgegengetreten. Ich bin — wie kein Geringerer als Lessing bei einer solchen Gelegenheit sagte — dieser Niemand. * * * Saiten schreibt: „Ich achte jede Ueberzeugung, an deren Ehrlichkeit ich glauben muß. Mir fehlt jeder Anlaß, die Ehrlichkeit zu bezweifeln, mit der das Hakenkreuz vom Herrn Dr. Riehl geschwungen wird. Also achte ich auch die Ueberzeugung des Herrn Dr. Riehl." Ja, ist denn das wahr, daß man jede Ueberzeugung schon ehren muß, weil man an ihre Ehrlichkeit glauben darf, oder meinetwegen auch glauben muß? Darf, ja muß man sich nicht auch ein wenig diese „Ueberzeugung" selbst ansehen, bevor man überhaupt die Frage prüft, ob deren Träger und Verkünder ehrlich von ihr durchdrungen sind? Bleiben wir gleich, da vom Herrn Dr. Riehl die Rede, beim Antisemitismus, und zwar bei dem radikalsten Flügel desselben. In Wien erschien jahrelang eine Wochenschrift, die man selbst mit dem Namen einer geistigen Kloake kaum entsprechend bezeichnen konnte. Es gab keine Beschuldigung, die zu verlogen, zu blödsinnig, zu schuftig gewesen wäre, um nicht gegen die Juden geschleudert zu werden. Die Schreiber dieser Infamien beriefen sich immer auf die „Ehrlichkeit ihrer Ueberzeugung". Herr Dr. Walter Riehl war aber lange genug Herausgeber und verantwortlicher Redakteur des Blattes, um mit Bestimmtheit von ihm sagen zu dürfen, daß er diese Kampfesart mit der „Ehrlichkeit der Ueberzeugung" vereinbar hielt. Und diese Ueberzeugung soll man auch noch achten? Herr Dr. Riehl war nicht mehr Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der verrufenen Wochenschrift, als diese durch ihre mörderischen Hetzartikel sogar Otto Rothstock zur Ermordung Bettauers begeistert hatte. Die „ehrliche Ueberzeugung" hatte angeblich Rothstock, der niemals Bettauers sittengefährliche Schriften gelesen, das Mordinstrument in die Hand gedrückt. Soll man es den Geschworenen, die sich damit begnügten, Rothstock ins Irrenhaus zu schicken, verübeln, daß sie nicht vorher dem Mörder ihre Achtung aussprachen? Hätten die Geschworenen vielleicht auch den Verfassern und Vertretern jener mörderischen Hetzartikel, falls diese — wie zu erwarten und zu erwünschen gewesen wäre — auf der Anklagebank neben Otto Rothstock Platz gefunden hätten, die Hochachtung für die tapfere Bekundung ihrer „ehrlichen Ueberzeugung" ausdrücken sollen? Oder hätten sie sie nicht ganz einfach ins Zuchthaus schicken müssen? Nein, nein, es gibt auch angeblich „ehrliche Ueberzeugungen", deren Vertreter und Verkünder nur die Wahl frei lassen, ob sie ins Irrenhaus oder ins Zuchthaus gehören. ¥r * Der Name des Herrn Dr. Riehl hat mich verlockt, den Beweis, daß nicht jede „ehrliche Ueberzeugung" Achtung verdiene, just durch ein Beispiel zu erhärten, das vielleicht wieder irreführend wirken könnte. Kein Zweifel, es gab und gibt genug Antisemiten, die für die Scheuseligkeiten, mit denen die inzwischen verendete hakenkreuzlerische „Deutsche Arbeiterpresse" und ähnliche Blätter ihre