Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHHHEIX MIM II Seite 7 weg gibt es aus dieser verzwickten Lage. Es war und bleibt eine unentrinnbare Notwendigkeit, daß die Juden überall dort, wo sie zwischen zwei Nationalitäten eingezwängt waren, sich der höher stehenden anschlössen, deren Interessen zu den ihrigen machten, in deren Reihen mitkämpften und so deren Kraft im Verhältnis zur anderen verstärkten. Die durchsichtige Maske einer eigenen sogenannten gesonderten Nationalität anzulegen, führt zu nichts. Und es heißt ihnen eine Gesinnungslumperei zumuten, wenn man von ihnen verlangt, sie sollen sich von ihren bisherigen Bundesgenossen jählings abwenden, sich als gesonderte Nation erklären, die ihre eigene Wege zu gehen habe, oder gar ihnen in den Rücken zu fallen berechtigt ist. Es gereicht den Juden zur höchsten Ehre, daß sie der Nation, in deren Mitte sie als ihresgleichen lebten, deren Sprache sie sprachen, in der Not die Treue bewahrten und für sich kein Sonderschicksal wünschten. Die gegenteilige Handlungsweise würde den Charakter der Juden in Verruf bringen und sie der Verachtung der Welt preisgeben; ganz abgesehen davon, daß das Herz des Juden, z. B. in Deutschland, dem deutschen Volk unlösbar und unabhängig von jeglicher Nützlichkeitserwägung zugehört. Demokratie und Judentum. Von Bezirksrat Dr. Koloman Freuder. (Schluß.) Die Demokratie, auf welche der agrarische Unterbau des jüdischen Staates fördernd eingewirkt hat, ist absolut. Diese Demokratie ist ethisch, gesetzlich motiviert, daher hatte der Bürger des jüdischen Staates keine Gelegenheit, seinen Geist politisch zu schulen und sich politisch durchzukämpfen. Die alte jüdische Demokratie ist nicht wie die heutige, eine im Leben erkämpfte politische Ordnung, sondern eine Art prädestinierte Harmonie. Sie war nicht der Schlußpunkt einer Entwicklung, sondern der Ausgangspunkt. Jede Politik ist sich selbst Zweck, nur die jüdische war es nicht. Sie war Mittel zum Zweck, Mittel zur Verwirklichung eines ethischen Ideals. Nach jüdischer Auffassung hatte der Staat a priori einen Zweck: Verwirklichung der Gerechtigkeit. Der Staat sollte verkörperte Tugend sein. Gemäß dieser Anschauung vom Zwecke des Staates müßten seine ökonomischen Grundlagen und seine Verwaltung mit den Grundgesetzen über Wahrheit und Gerechtigkeit übereinstimmen. Also war in diesem Staate von vornherein die Akkumulierung von politischer Macht in einer Hand so gut wie ausgeschlossen. Dafür sorgte schon die Gleichheit vor Gott und dem Gesetze, die mit dem Monotheismus gegeben war. So war also dieser Staat im letzten Grunde eine Gesetzesgemeinschaft oder ein von außen regierter politischer Mechanismus. Auf höchster Stufe verband sich diese Demokratie mit schwungvollem prophetischen Idealismus, der das Sein mit dem Sollen bald verwechselte. Der prophetische Politiker potenziert den Gerechtigkeitsstaat zum Vorbild einer ethischen Universalgemeinschaft. Er erblickt das allgemeine Menschenheil in der Verwirklichung der Sittlichkeit. Er sollte ein Exempel sein, von ihm sollte Licht über die Welt ausgehen. „Alle Menschen werden ihm zuströmen" (Jesajah). Der Prophet kennt nur ein Grundprinzip des Staates und einen Staatszweck, die Gerechtigkeit, wie sie aus dem Gesetz und aus der Idee des Guten gefolgert werden muß. „Uebe Recht und Gerechtigkeit, errettet den Unterdrückten aus der Hand der Gewalttätigen, betrübet nicht Fremdlinge, Waisen und Witwen, verübet nicht Druck an ihnen und vergießet kein unschuldiges Blut an diesem Orte" (Jeremiah). Die Propheten sind die größten politischen Figuren in der jüdischen Geschichte. Sie sind Sozialreformer ohne das Wesen der eigentlichen Politik, die Politik der Tatsachen. Was sie unter Politik verstehen ist lediglich die ethische Gemeinschaft, die Verwirklichung sozialethischer und religiöser Ideale. Sie tauchen In Momenten höchster politischer, sittlicher und religiöser Not auf, bekleiden keine soziale Würde oder politischen Rang. Jeder, der das Gute und Wahre verkünden konnte, den Trieb zur Verkündung der Wahrheit in sich hatte, konnte es tun und Prophet sein. Die Propheten waren keine Gesetzesausleger oder Lehrer, sondern freie Volkstribunen, die ohne Furcht vor der Laune des Despoten ItauwoI ■ ■ : Pflanzenmargarine I j "!^- I 8 für Ihr* 1 j Osterbäckereien! I 1 Kunerolwcrkc A.-6.1 Wien oder des Volkes ungeschminkt und unbekümmert um ihr * eigenes Wohl und Wehe die Wahrheit sagten. Die Eigenart des alten jüdischen Staates wird uns erst so recht bewußt, wenn wir ihm Rom und den Staat Piatos gegenüberstellen. Rom hat das Gesetz geschaffen, der römische Feldherr und Politiker waren die treibenden Kräfte. Das römische Gesetz ist Produkt eines Willensaktes, die großen Römer sind die Herren und nicht die Sklaven des Gesetzes. In Rom ist der Umkreis des Gesetzes durch die Macht begrenzt. Die Römer sind Diplomaten, ihr politisches Ideal ist der gewaltige Cäsar. Die römische Politik steht über der Religion und das römische Recht hat sein Analogon im wirklichen Leben. Ist nun der römische Staat absolut auf Macht begründet, so ist der Staat Piatons ethisch motiviert. Dort regiert ein Herrscherphilosoph ohne Verfassung und ohne gesetzliche Schranke. Er regiert als Philosoph durch die Vernunft. Die Stände sind getrennt. Lehrstand, Wehrstand und Nährstand. Kriegern und Beamten ist jede Beschäftigung mit Landwirtschaft oder anderen Gewerben untersagt. Der dritte Stand — Bauern und Gewerbetreibende — ist aller politischen Rechte beraubt. Jeder Bürger des Staates ist nur ein Teil des Staates und die staatliche Allmacht verschlingt das Individuum. Für die höheren Stände sind Ehe, Familie und Privateigentum aufgehoben. Alle ehelichen Verhältnisse, die ganze Erziehung sind vom Staate geordnet. Alle Aktivbürger werden vom Staate gespeist und erzogen. Der Staat ist der Vater des Bürgers. Jede subjektive Aeußerung, selbst künstlerischer Natur, wird vom Staate unterdrückt, jede individuelle Regung mit despotischer Gewalt niedergehalten. Plato, der arische Idealist, geht vom Leben aus, fängt von unten, vom Sttaate an. Wie ist nun der jüdische Staat im Gegensatz zu Rom und zum Staate Piatons beschaffen? Den jüdischen Staat schafft das Gesetz, in Judäa ist das unwandelbare Gesetz Triebkraft, der Mensch sein Sklave. Die Macht wird durch das Gesetz begrenzt. Die Juden sind ethische Rigoristen, Judäas politisches Ideal ist Messias, seine Religion bestimmt die Politik, das jüdische Recht ist Analogon zur Ethik. Außerhalb des Gesetzes ist das jüdische Individuum frei, seine Bewegungen unbegrenzt und die einzelne Persönlichkeit ist sich selbst Zweck. Die Masse ist nicht in Ständen, sondern zu Stämmen und zu Orts- und Provinzial-