Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 15 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Vom europäischen Nationalitätenkampf. Von B. W. Segel. Die Nationalitätenfrage, die zum großen Teil den Weltkrieg verursacht hat, brachte die Juden schon im alten Europa vielfach in eine schwierige Lage und war eine der Haupttriebkräfte des wirtschaftlichen und politischen Antisemitismus. Die neuen Zustände haben diese Frage noch mehr verwirrt und verschärft. An Stelle des einen typischen Nationalitätenstaates der Habsburger Monarchie, der hauptsächlich an diesem Problem zerschellte, haben wir jetzt mehrere. In der Tschechoslowakei herrschen etwa sechs Millionen Tschechen in einem Staat, der ungefähr fünfzehn Millionen Einwohner hat: die kaum acht Millionen Rumänen bilden die herrschende Minorität in einem Staat von beinahe sechzehn Millionen. In beiden Staaten sind es Millionen einer kulturell hochstehenden oder politisch besonders begabten Nationalität, so in der Tscheckoslowakei die Deutschen, in Rumänien die Ungarn, die letzt zur Rolle der Beherrschten oder gar Unterdrückten verurteilt sind. Im neuen Polen stehen ungefähr achtzehn Millionen Polen etwa zwölf Millionen Fremdnationaler gegenüber. Und die meisten dieser beherrschten Nationalitäten haben dicht vor den Toren der Staaten, in die sie eingezwängt sind, andere Staaten, in denen ihre Nationalitäten vorherrschend oder gar alleinherrschend sind. Einige dieser Staaten sind sogar mächtig und führend. Die herrschenden Mehrheiten, die es nur relativ sind, stehen vielfaaäfcden beherrschten Minoritäten mit Argwohn gegenüber. Meist kommen zu den nationalen noch soziale Gegensätze hinzu, die dem Kampf besondere Schärfe verleihen. Als in der anderen HalfteV des 18. Jahrhunderts der Kampf für die Gleichberechtigung der Juden anfing, lagen fast alle kleinen Nationalitäten Mittel- und Osteuropas noch im tiefsten Schlummer und bildeten „ethnographische Massen", die noch nicht zu geschichtlichem Leben erwacht waren oder solches infolge kriegerischer Katastrophen eingebüßt hatten. Dann waren die oberen Schichten in eine andere glücklichere Nationalität aufgegangen, während die unteren allein die Bewahrer eines kümmerlichen Funkens ehemaligen nationalen Lebens blieben. Die französische Revolution befreite das Individuum aus den mittelalterlichen Banden und erweckte damit auch die Massen von Individuen zu nationalem Eigenleben, dort, wo dieses von dem überlegenen eines stärkeren Stammes noch nicht ganz aufgesogen war. Der Neuhumanismus und die Romantik fachten von der rein geistigen Seite diese Bewegung kräftig an. Ihrer bemächtigte sich alsbald die große Staatenpolitik und verwandelte sie, nach dem Vorgang Napoleon HL, in ein Instrument des Kampfes um politischen Besitz und Macht. Der Größenwahn der nerwachenden kleinen Nationalitäten wurde von allen Seiten geschürt; die Rachsucht über die lange erlittene wirkliche oder vermeintliche Unbill kam hinzu. Die Unterdrückten wollten nunmehr Unterdrücker sein. Kein Natiönlein war so klein, es wollte ein unabhängiges Staatlein sein. Und je mehr die Kleinen und Unabhängigen sich gegenseitig zerfleischten, desto mehr konnten die Mächtigen sie alle zusammen unterdrücken und beherrschen. Das war der Nationalismus. Mitten in diesem Kampfe standen die Juden. Als sie zum Kampf um ihre Gleichberechtigung in die Arena traten, hatten sie bereits einen starken kulturellen Umwandlungsprozeß durchgemacht. Es war nur natürlich, daß sie sich in Sprache, Formen, Gesinnung und Bestrebungen derjenigen Nationalität anschlössen, die am frühesten eine städtische Kultur, politische Ideen und ein regsames, umfassendes Geistesleben entwickelt hatte. Das waren z. B. in Böhmen, Mähren, Schlesien und Posen die Deutschen, in Ungarn die Magyaren, in Galizien die Polen. Die tschechischen Kleinbauern in Böhmen, die slowakischen, rumänischen und serbischen, die ruthenischen in Ostgalizien überwiegend Analphabeten, die von einem Häuflein Agitatoren zum nationalen Leben „erweckt" wurden, hatten den Juden nichts zu sagen, ihren Kulturbedürfnissen nichts zu bieten. Es bestand auch keine politische noch wirtschaftliche Interessengemeinschaft zwischen beiden Teilen. Soweit der allerdings schwache politische Einfluß dieser Völkerschaften reichte, widersetzten sie sich immerzu den jüdischen Emanzipationsbestrebungen, die nur in dem Ideenkreise des politischen und bürgerlichen Liberalismus und der ihm nahestehenden Kreise von Intellektuellen sowie dies mit diesen verwandten industrialisierten Großgrundbesitzes lagen. Der Anschluß der Juden an die politisch und intellektuell jeweils reifere Nationalität führte schließlich zu einem engeren Bündnis, welches die „erwachende" Nationalität immer drückender empfand, je mehr ihre eigenen Ansprüche wuchsen. Sie empfanden es, daß die Juden, diese „Fremden", die Macht ihrer „Unterdrücker" vermehrten. Wenn wir schon von den Polen. Deutschen oder Magyaren „geknechtet" werden — sagten sich die Ruthenen, Tschechen oder ungarischen Serben —, warum sollen wir uns das von diesen Juden gefallen lassen, die selber erst vor kurzem dem Joch entronnen sind? Der Haß der „erwachenden Nationalitäten" gegen die Juden wuchs immer mehr offen und im geheimen und brach gelegentlich einer jeden „Befreiung" in lodernden Flammen aus. In vielen Fällen schlössen Unterdrücker und Unterdrückte am Ende Frieden miteinander und bekämpften mit vereinten Kräften die Juden; ja diese wurden häufig für die frühere Verbitterung des Kampfes verantwortlich gemacht und hatten nachträglich dessen ganzes Odium zu tragen. So schlug der Nationalitätenkampf in Europa den Juden allenthalben tiefe Wunden. Die Juden befanden sich überall zwischen zwei Stühlen oder gar zwischen Hammer und Amboß. - Man verspricht sich vielfach eine Erlösung aus dieser Lage durch den sogenannten Minoritätenschutz, die „Nationalautonomie", den gesonderten jüdischen Wahlkataster, wodurch die Juden als eigene Nationalität anerkannt und der Notwendigkeit enthoben werden sollen, etwa bei Wahlen zwischen zwei Nationalitäten zu optieren, wodurch sie stets den Haß der einen oder der anderen auf sich ziehen. Eitle Täuschung! Die jüdischen Vertreter im eigenen Kataster werden ja immer eine Minorität bilden, und die wird sich zwischen den anderen nationalen Parteien in derselben Lage befinden wie die jüdischen Wähler jetzt. Jede der streitenden nationalen Parteien wird von den jüdischen Vertretern fordern, daß sie mit ihr stimmen, und für das Gegenteil an den Juden Rache nehmen. Schließlich werden alle über die Köpfe der Juden hinweg miteinander Frieden schließen und diese gemeinsam bekriegen. Die Lage wird sich nicht im geringsten ändern. Dagegen bietet die Nationalautonomie immer der einen Nationalität die Handhabe, ein ihr unbequemes Bündnis der Juden mit der gegnerischen Nationalität unmöglich zu machen. Darum erklärten die Ruthenen in Ostgalizien, als sie gleich nach dem Zerfall Oesterreichs dort eine „westukrainische unabhängige Republik" ausriefen, die sogar einige Wochen dauerte, die Juden zu einer besonderen selbständigen Nationalität mit allen dazu gehörigen Vorrechten, weil die Loslösung der Juden von ihrer traditionellen Wahlbundesgenossenschaft mit den Polen diese ungeheuer schwächen konnte. Die Rumänen, die in ihrem eigentlichen Lande bis zuletzt noch den Juden die ihnen sogar von Rußland nicht verweigerte Heimatberechtigung zuzugestehen sich sträubten, boten ihnen gleich zu Beginn der neuen Epoche die Rechte einer selbständigen Minoritätsnation an, aber nur in den von Ungarn okkupierten Provinzen, wo sich die Juden als Ungarn betrachteten. Dadurch wollten die Rumänen die Stärke des ungarischen Elements lockern. Die Tschechen haben sich mit Wonne beeilt, die Juden als gesonderte Nationalität anzuerkennen, weil die Deutschen durch den Verlust dieser treuen Bundesgenossen erheblich geschwächt werden. Die jüdischnationalen Schulen zeichnen sich nur dadurch aus, daß in ihnen die deutsche Unterrichtssprache durch die tschechische ersetzt ist. Man sieht, mittels der Nationalautonomie werden die Juden nur für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, ihnen selber aber wird sie nichts nützen. — Nur einen Aus- Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSO 24 Tel. 48-4-79 FOr KttHusbeamle und Verelnsfunklionäre gegen Legitimation 1O°/0 Nachlaß von den Im Schaufenster meiner Kiederiage II-, TaborstraBe 44 ersichtlichen Verkaufspreisen 7AC. MAVER