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Die Wahrheit · 1927-04-08 · Heft 15 (8.4.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 15 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 iiffill^^ DIE WAHRHEIT manchmal gewandelt haben. Aus diesem Grunde muß es als eine Unaufrichtigkeit sondergleichen bezeichnet werden, wenn in dem auch auf das Einfangen jüdischer Stimmen abzielenden Wahlaufruf kein Wort von Antisemitismus enthalten ist. Die Christi ich sozialen, die Partei der Kunschak, Mataja und Jerzabek, deren Glanz allerdings neben einem Riehl verblaßt, sie waren immer Antisemiten und werden solche bleiben. Von den Großdeutschen, an deren äußerstem nationalsozialistischen Flügel Riehl selbst steht, ist selbstverständlich kein Schutz gegen ihren Riehl zu erwarten. Diese Partei hat Liebe zum deutschen Volke immer nur mit Haß gegen die Juden verwechselt und Nationalismus war ihr nie etwas anderes als Rassenfanatismus. Wer aber ist so naiv, daß er von den Sozialdemokraten trotz aller Versprechungen Schutz und Hilfe gegen Riehl erwartete? Diese Partei fürchtet nichts mehr als den Vorwurf der Judenschutztruppe, der ihr von den Gegnern trotz aller Beweise werktätigen Antisemitismus gemacht wird, und wird natürlich keinen Finger rühren, wenn einem Juden, der kein „Genosse" ist, ein Unrecht geschieht, noch weniger natürlich, wenn das Judentum als solches bedroht erscheint. Wie soll sich das Judentum aber helfen? Soll es allein und isoliert gegen ein Heer von Feinden zu Felde ziehen, ein Unternehmen, das bei der Verteilung der jüdischen Bevölkerung in Wien und Oesterreich schon im Voraus zum Scheitern verurteilt ist? Soll es gar selbst unter der Devise des Nationalismus und der Minderheitsrechte, die es doch zu bekämpfen gilt, in dem ihm aufgezwungenen Kampf eintreten und damit seinen erbitterten Feinden den Vorwand zu seiner eigenen Bekämpfung liefern? Davon kann keine Rede sein. Es bleibt somit nur die Möglichkeit, vereint mit allen wahrhaft freisinnigen, fortschrittlichen und demokratischen Elementen gegen die Reaktion zu kämpfen und der Einheitsfront des Antisemitismus die Einheitsfront der Demokratie gegenüberzustellen, diese Einheitsfront nach besten Kräften zu stützen und zu unterstützen und den Gedanken der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit aller Staatsbürger in die weitesten Kreise zu tragen. Möge der Name Riehl, Riehl in der Leopoldstadt, dem judenreichsten Bezirke, wie beißender Hohnallen unseren Glaubensbrüdern in die Ohren gellen, möge er ein warnendes Menetekel allen jenen sein, welche den Ernst der Lage und die dem Judenturrie drohende Gefahr noch nicht erfaßt haben, möge er aber auch Ansporn und Anfeuerung für alle jene bedeuten, welche wissen, daß gekämpft werden muß, wenn nur Kampf die jüdische Ehre und das jüdische Recht zu schützen vermag. Wir österreichische Juden wollen nichts, als mit allen unseren Mitbürgern in Frieden leben, uns kulturell und wirtschaftlich im Rahmen des Gesamtstaates frei entfalten, wir verlangen nicht mehr Rechte für uns, als sie dem geringsten unserer Mitbürger vom Gesetze eingeräumt werden, das Recht auf Leben, Ehre und Eigentum. Wenn man uns aber mutwillig herausfordert, wenn man uns zum Kampfe zwingt, nun, dann werden wir zu kämpfen wissen; denn der Name Riehl, diese Herausforderung, diese Kampfansage kann nicht anders beantwortet werden als mit der Ralliierung aller demokratischen Abwehrkräfte zu gemeinsamer Verteidigung. Darum, österreichische Juden, schützet euch gegen die euch dro- {fieoillefoii Seelennot. Von Dr. V. Kurrein. „Dies sei die Lehre über den Aussätzigen am Tage seiner Reinigung: er werde zu dem Priester gebracht." III, 14, 2 Nicht ohne geheimes Grauen vernimmt man das Wort „Aussatz". Bedeutet es doch eine furchtbare Krankheit, die noch bis auf unsere Tage der ärztlichen Kunst spottet und wie ein entsetzliches Verhängnis den Menschen bedroht. Keine Königskrone, keine Stellung, kein Gut und Geld wehrt diesem grausamsten Feind den Zutritt, keine irdische Macht schützt vor dieser Krankheit. Der reichste Krösus wird unglücklich. Sein Reichtum, sein ganzes Leben, jede Freude ist ihm vergällt, sieht der Aussätzige sein Antlitz im Spiegel und erkennt die unauslöschliche Schrift jenes furchtbaren. Zerstörers. Er beneidet das Bettelkind an der Straße um die gesunde Haut und der Aermste der Armen ist reicher als er. Denn jener kann unter Menschen gehen, ohne daß sie ihn fliehen, während er vor den Menschen sich verbergen muß — „einsam bleibt er, außerhalb des Lagers ist sein Platz". Leidet unter solcher Krankheit der Körper wie es selbstverständlich ist, unsäglich und furchtbar, so leidet aber die Seele noch hundertmal mehr. Diese Einsicht und Erkenntnis, die nicht nur die Not des Körpers, sondern mehr noch die Seelennot sieht und begreift, ist nicht seit jeher allen Menschen verständlich gewesen. Man sah vielmehr immer nur, was die Augen sehen, das Elend, das dem äußeren Menschen anhaftet, aber weiter ging das Mitleid nicht. Wie es um die seelische Stimmung, um den inneren Menschen bestellt war und ist, wenn er ein Leiden trägt, das wie ein Gottesgericht, wie ein Fluch des Himmels auf ihm lastet, war und blieb unbeachtet, kein Gegenstand der Sorge. Die erste und einzige Frage ist darauf gerichtet: „Wer heilt den Körper?" Sie ist natürlich und begreiflich, bleibt aber halbe Arbeit, halbe Hilfe, weil sie an dem Leid und Druck der Seele achtlos vorbeigeht. Es ist recht oberflächlich gedacht und gesagt, daß in alter Zeit die Priester gleichzeitig Aerzte waren und deshalb die Kranken von dem Priester besehen werden mußten. Die das sagen, wollen die Thora und ihre Absichten nicht höher stellen als die Zeiten, in die sie sie hineinversetzen. Wer aber davon überzeugt ist, daß das göttliche Buch seiner Zeit weit vorausgeeilt ist, der Menschheit neue, bessere Wege gewiesen hat, wird in der Bestimmung der Thora: „er, der Aussätzige, werde am Tage seiner Reinigung zum Priester gebracht", den ersten Schritt einer Sorge um die „Seelennot" sehen. Nicht nur dem kranken Körper muß man Heilung werden lassen, sondern ebenso der Seele Hilfe bringen, die in der Krankheit des Körpers gar oft bitter und schwer leidet. Dafür ist der Aussatz geradezu ein Schulbeispiel. Denn keine Krankheit hat so sehr die quälende Frage nach dem „warum" in den Vordergrund des Denkens gedrängt wie er. Hören wir nicht den frommen Hiob klagen: „Warum gibt er zur Plage das Licht, warum Leben zur Bitternis der Seele?" So hat die alte Zeit gerade für die Krankheit des Aussatzes als Schuld und Ursache bald die Verleumdung wie bei Mirjam, bald den Hochmut wie bei Naamann und Usia oder die Habsucht wie bei Gehasi angesehen. Alles ist Fehler und Gebrechen der Seele, worauf sich das Uebel gründet, wessen sich die leidende Seele anklagt oder wessen sie beschuldigt wird. Das ist ein nicht wegzuleugnender Beweis dafür, daß der seelische Mensch nicht minder leidet als der Körper, wenn er in solcher Lage ist. Darum muß sich jemand um die Seele, den seelischen Zustand des Kranken kümmern, aber gerade in dieser Hinsicht war die Menschheit bis in die letzte Zeit hinein noch sehr gleichgültig und untätig, und wenn schon etwas für die Seele geschehen ist, war es eher eine Qual als eine Heilung. Man denke nur an die zahllosen Fälle, in denen die Priester, um die Seele zu retten, den Kranken mit den schlimmsten Seelen-

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