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Die Wahrheit · 1927-04-08 · Heft 15 (8.4.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 15 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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frsdfceinf Jeden £veitag fFreis diese« JtUmmer: 50 9mifteii 0/E WAHRHEIT tfesterreicfiiscfie Worfkensdkrift für Jiidisdie Jnteressen Veröffentticnungen der „'Union deutsdkösterr. Juden"; Redaktion und Administration: Wien II., üfeinesnfajie JÜT. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 8. April 1927 Nummer 15 #/e/z/. Die Maske ist gefallen. Statt der antimarxistischen Einheitsfront steht die antisemitische Einheitsfront vor uns und nur wenige an aussichtslosen Stellen placierte Kandidaten stören den durchaus einheitlichen und eindeutigen Eindruck, den diese Front, mag sie sich wie immer nennen, auf jeden, der nicht mit politischer Blindheit geschlagen ist, machen muß. Dieser Eindruck aber ist der folgende: Seipel will die Reaktion, den politischen und kulturellen Rückschritt auf allen Linien in Oesterreich in die Wege leiten und benützt zu diesem Zwecke die tiefgehende Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Wirtschaftslage in allen Schichten des Bürgertums, insbesondere dessen Abneigung gegen die marxistischen Ausbeutungsmethoden als Mittel, um das Bürgertum seinen Zwecken dienstbar zu machen. Antimarxismus ist ihm also nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck, dieses Schlagwort ist der Köder, mit welchem auch diejenigen, die in kultureller und politischer Hinsicht ganz andere Ziele verfolgen als die Christlichsozialen, dennoch für diese gewonnen werden sollen. Die Liste der Politiker, welche sich als Kandidaten der Einheitsfront präsentieren, entspricht nämlich durchaus den wahren Absichten, die man mit Hilfe des antimarxistischen Wahlprogrammes durchzusetzen bemüht ist. In einem Punkte nämlich haben sich Christlichsoziale und Großdeutsche, so verschieden auch ihre Ansichten in anderer Hinsicht sein mögen, sofort getroffen und in brüderlicher Liebe vereint, im Hasse gegen das Judentum. Und so ist es begreiflich, daß gerade jene Männer zur „Verteidigung der wirtschaftlichen Interessen des Bürgertums" ausgewählt wurden, welche sich bloß in der Bekämpfung des Judentums einen Namen gemacht haben. Vor allem ist es ein Name, der geradezu ein Peitschenhieb nicht allein für uns Juden, sondern für das gesamte freisinnige Bürgertum unserer Republik ist, ein Name, der aber auch von allen konservativ gerichteten Bürgern unseres Staates direkt als Beleidigung wird empfunden werden, sofern noch ein Funken politisches Schamgefühl in ihnen vorhanden ist, der Name des Rassenschützlers und Hakenkreuzlers Dr. Walter Riehl. Jawohl, dieser Name ist bezeichnend nicht nur für die „antimarxistische Einheitsliste", sondern überhaupt für die Politik unserer Republik. Er ist die Verkörperung des wüsten Straßenterrors, des gewalttätigen Rassenantisemitismus, er ist der Inbegriff jenes antisemitischen Geistes, der an unseren Hochschulen großgezogen wird und von da aus in die Aemter und in die Politik eindringt, er ist die Personifizierung unauslöschlichen Hasses und erbitterter Feindschaft gegen uns Juden. Indem die Christlichsozialen diesem Manne einen Platz in der Einheitsliste eingeräumt haben, vollziehen sie eine Verbeugung vor dem Verteidiger der N o w o s a d, Rothstock und anderen hakenkreuzlerischen Mordbuben, erklären sie die österreichische Hochschulschande in Permanenz und verschaffen der wüsten Pogromhetze, die von Riehls Anhängerschaft betrieben wird, geradezu die offizielle Anerkennung seitens der Regierung. Und zwar, das muß betont werden, ganz im Sinne der christlichsozialen Partei, die sich erst unlängst in ihrem Parteiprogramm zwar in etwas vorsichtiger, aber dennoch jeden Zweifel ausschließender Formulierung zum Antisemitismus bekannt hat. Der Name Riehl bedeutet aber mehr als den bloßen Kampf „gegen die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses"; denn nicht die „jüdische Uebermacht" will der Rassenantisemitismus beseitigen, sondern er will das Judentum selbst mit Stumpf und Stiel ausrotten. Und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Parlamentarismus und Fascismus, Straßenterror und Hochschulterror, alles dient nur der Erreichung dieses einen Zieles. Riehl würde für das österreichische Parlament dasselbe sein, was sein Gesinnungsgenosse Iwan H e j j a s, der Massenmörder von O r g o v a n y, für das ungarische Abgeordnetenhaus ist. Unter dem Schutze der parlamentarischen Immunität könnte er Verleumdung über Verleumdung, Beschimpfung über Beschimpfung gegen das österreichische Judentum vorbringen, ohne fürchten zu brauchen, sich hierfür vor Gericht verantworten zu müssen. Riehl, das heißt Pogromhetze von der Parlamentstribüne aus. Von wem kann die österreichische Judenschaft Schutz gegen Riehl erwarten? Von den Christlichsozialen? Diese haben ihren Antisemitismus niemals geleugnet und niemand kann ihnen in dieser ihrer politischen Grundeinstellung Inkonsequenz vorwerfen, mögen sie sich auch in ihrer politischen Taktik

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