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Die Wahrheit · 1927-04-01 · Heft 14 (1.4.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 14 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 blik mit dem Großherzog an der Spitze. Aber das galt jedem ernsthaft Denkenden nur als Witz. Sogar als guter Witz. * * Wäre es aber nicht ein sehr schlechter Witz, wenn man von irgend einem Rabbiner erzählen würde, er habe im Einvernehmen mit dem Vorstande seiner Kultusgemeinde, die Wahl zum Präsidenten eines — Atheistenklubs angenommen? Und was würde man dazu sagen, wenn man einem Rabbiner zumuten wollte, er habe feierlich eine programmatische Erklärung veröffentlicht, in der er versichert, daß er es als seine'Pflicht erachten werde, den Grundsätzen, die diese verehrliche Vereinigung vertritt, nach Möglichkeit.zur Geltung zu verhelfen? Es ist zu absurd, diesen Gedanken weiter auszuspinnen. Der Rabbiner wird vielleicht die Herren, die ihn vertrauensvoll an die Spitze ihres Klubs stellen wollen, ermahnen, mit diesem philosophischen System, das ohne Gott auskommt, zu brechen, aber die Wahl würde er bestimmt nicht annehmen. Ich will nun nicht gerade annehmen, daß in den Augen eines katholischen Priesters Antisemitismus und Atheismus gleich verdammenswert erscheinen. Aber weiß der liebe Himmel, nach den schon erwähnten Ennunziationen des Papstes Pius XL, der doch über Christentum und Antisemitismus ein autoritatives Wort sprechen kann, dürfte jeder katholische Priester auch den Antisemitismus für ein gottloses Prinzip halten. * * * Man muß wirklich mitunter sehr vorsichtig sein, um zwischen Spaß und Ernst zu unterscheiden. Wer würde daran zweifeln, daß es nur ein Satiriker war, der, um die Haltung der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" gegenüber Otto Rothstock zu kennzeichnen, ihr ein Interview mit dem im Irrenhause internierten Mörder andichtete, das folgendermaßen lautet: „Rothstock spricht vollkommen klar, macht mit seinem schmalen Gesicht und seinem freien Blick den allergünstigsten Eindruck und man wünscht, daß alle unsere Volksgenossen so gesunde und vernünftige Anschauungen vertreten, wie jene, die Rothstock unserem Gewährsmann gegenüber geäußert hat." Kann eine beißendere, vernichtendere Ironie gedacht werden? Dürfte ein Unbefangener es der „Dötz" verübeln, wenn sie nur einen tückischen Juden einer solchen fähig hielt? Aber wie verdutzt wäre dieser Unbefangene, wenn ihm dann die Nummer der „Dötz" in die Hand käme und er dieses Interview Wort für Wort, ohne die geringste Aenderung, ohne die Zufügung auch nur eines Beistriches, als Eigenbau des hakenkreuzlerischen Blattes erkennen würde? Nein, der Satiriker, der die „Deutschösterreichische Tageszeitung" so lächerlich machen könnte, wie sie es selbst tut, der ist noch nicht geboren. Ego. Außerordentliche Delegiertenversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden". Samstag, den 26. v. M., fand in Tonellos Restauration eine anläßlich der bevorstehenden Nationalrats- und Gemeinderatswahlen einberufene außerordentliche [iteiite-Ml SB HHühiiiiiiiiii^^^^^^^ ■ ■ ■ B ■ ■ ■ ■ Laut Attest Sr. Ehrwürden g jj des Herrn Oberrabbiners ■ [SIMON SCHREIBERS 5 aus Erlau ■ i Verläßlich Koscher S ■ in Friedensqualität erzeugt von ■ [ HEINRICH FRANCK SÖHNE j ■ Kaffeesurrogatfabrik, Linz a. d. D. JJ ■ bei federn S ■ Kauf m u n n S ■ zu haben? 8 &■■■■■■■■■■■«■■■■■■■■■—■■■«—■■■«!§ Delegiertenversammlung der „Union" statt. Das. Interesse für die Versammlung war ein recht großes, auch der frühere Präsident des Vereines, Herr Maximilian Paul-Schiff, war erschienen und wurde von den Anwesenden lebhaft akklamiert. Der Obmann des Wahlkomitees, Herr Gemeinderat Dr. Oskar Hein, erstattete ein ausführliches Referat über die intensiven Bemühungen der „Union" um Einigung des zwischen Rechts und Links stehenden Bürgertums auf einer gemeinsamen Plattform. Er streifte die einzelnen interessanten Phasen dieses unseres ehrlichen Strebens, das oft genug aussichtslos schien. Nun aber in letzter Stunde sind Verhandlungen zwischen mehreren großen demokratischen und wirtschaftlichen Gruppen so weit gediehen, daß ein einheitliches Vorgehen unter dem Titel „Demokratische Liste" möglich und auch sehr aussichtsreich erscheint. Der Referent empfahl die Annahme dieses Vorschlages, für welchen sich in der Debatte Bezirksrat Dr. Koloman Freuder, Dr. Maximilian S t i g 1 i t z, Dr. Benno Tennet Bezirksrat Aurel Engel, Kommerzialrat Bernhard Buchwald, Bernhard Hofbauer, Börserat Ignaz Glück lebhaft einsetzten. Als der Erstgenannte in eindringlichen Worten schilderte, wie sich insbesondere der Präsident des Vereines, Herr Dr. Jakob O r n s t e i n, unermüdlich um die Ermöglichung des Vorhabens bemühte und wie stolz deshalb das Wiener Judentum auf diesen Mann sein könne, ging ein Beifallssturm durch die Versammlung. Nach den Schlußworten des Präsidenten und des Referenten nahm die Versammlung den Referentenantrag auf Unterstützung der „Demokratischen Liste" einstimmig an.

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