Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 14 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 - iffillillllBM^ DIE WAHRHEIT auf eine solche Entstehungsart des Staates hin. In den ersten Zeiten fand keine Unterscheidung zwischen Staat und Volk statt, der Begriff Volk diente für den Begriff Staat. Da das Volk durch das Gesetz geeint und zusammengeschlossen und das Volk der Träger der Gesetze war, verstand es sich von selbst, daß das jüdische Volk eo ipso der Staat war. Der jüdische Staat ist keine Theokratie. Der Priester ist dem Gesetze unterworfen, darf keinen Landbesitz haben. Er ist daher ökonomisch vollständig machtlos. Von einer Theokratie kann deshalb keine Rede sein, denn ohne ökonomische Macht ist politische Macht undenkbar. Moses, der weltliche Herr, kommt überall vor Aaron. Nicht ein Priester, sondern Moses, der weltliche Herr, führte die Juden ins Land der Verheißung. Der alte jüdische Staat ist aber auch keine Monarchie im vollen Sinne des Wortes. Das Grundprinzip der alten Monarchien, der Wille des Königs ist Gesetz oder der König steht über dem Gesetz, war den alten Juden völlig unbekannt. Der König war wie jeder andere Bürger den Gesetzen unterworfen. Die erste und eigentliche Triebkraft des jüdischen Staates war und blieb trotz gewisser äußerlicher Veränderungen im Laufe der Zeiten das Gesetz. Der jüdische Staat ist auch kein Eroberungsstaat, er konnte auch nicht kolonisieren. Die Gegnerschaft zwischen den Juden und den sie umgebenden Völkern war wegen der Religion immer unüberbrückbar. Ammoniter und Moabiter waren vom jüdischen Bürgerrecht überhaupt ausgeschlossen, Edomiter und Aegypter konnten erst im dritten Geschlecht aufgenommen werden. Betrachten wir nun daraufhin die Fremdengesetzgebung. In der Bibel heißt es: Ein Gesetz für den Einheimischen und Fremden. Es ist eine große sittliche Tat, wenn ein kleines politisches Gemeinwesen, das von vielen ihnen feindlich gesinnten Staaten umgeben ist, dem Fremden das gleiche Recht gewährt. Fremde sind den Einheimischen rechtlich gleichgestellt, ebenso wie alle Juden vor dem Gesetze gleich sind. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Ich darf mir das ehrende Zeugnis nicht versagen, daß ich die Leser dieses Blattes niemals mit meinen persönlichen Angelegenheiten behellige. Aber heute fühle ich das übermächtige Verlangen, an dieser Stelle meiner Freude darüber Ausdruck zu geben, daß ich daran festgehalten habe, nur unter der undurchdringlichen Maske der Anonymität meine bescheidenen und zarten Ansichten zu äußern. Sollte ein oder der andere Leser neugierig sein, weshalb ich gerade heute diese Mitteilung veröffentliche, so bin ich gerne bereit, für diesen unwahrscheinlichen Fall eine erschöpfende Auskunft zu erstatten: Nur unter dem Schutze der Anonymität wage ich das immerhin beschämende Bekenntnis abzulegen, daß ich so vieles, das bisher im Laufe der Wahlkampagne, ohne auf Widerspruch zu stoßen, von gescheiten Leuten ausgesprochen wurde, nicht verstehe. Gedeckt durch das Redaktionsgeheimnis getraue ich mich, einige Beweise für die Unzulänglichkeit meines Verständnisses anzuführen. Da lese ich z. B.: „Ich weiß, Dr. Seipel ist ein grundgütiger Mensch, erhaben über die Kleinlichkeiten des politischen Kampfes, ein edler, weiser Priester, der in seinem Herzen die erhabene Lehre Jesu trägt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Ich weiß, daß Nichtjuden, denen begreiflicherweise das alte Testament fremd ist, es gerne hören, wenn ihnen selbst von Leuten, deren Metier die praktische Verhöhnung der Nächstenliebe ist, diese erhabene Lehre als eine funkelnagelneue Entdeckung des Neuen Testamentes angepriesen wird. Aber ich verstehe es nicht, daß auch Juden, die sich mit berechtigtem Stolz als solche bekennen, eines solchen irreführenden falschen Zitates schuldig machen. Welches jüdische Kind kann, und wenn es auf noch so spärlich genossene Religionsstunden zurückblicken kann, jemals vergessen, daß es mit eigenen Augen diese Lehre in der Thora im hebräischen Urtext gelesen hat? Daß die Juden so viele Jahrhunderte auf Jesus gewartet hätten, um in diesem Gebote den idealsten Höhepunkt ihrer Religion zu erkennen, brauchen sich doch nicht auch die Juden einreden zu lassen. Und noch weniger haben sie, sollte man meinen, Anlaß, irgendwie selbst zur Verbreitung dieses Irrtumes beizutragen. Wie rasch ist man in unseren Tagen mit einer Plagiatsbeschuldigung bei der Hand! Und Moses soll sich es gefallen lassen, daß selbst ein glaubenstreuer Jude, wenn auch aus Unbedachtheit, Jesus nennt, wenn er das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", zitiert? Das verstehe ich nicht. * Ich höre und lese es immer wieder, daß die jüdischen Verehrer Dr. Seipels mit Verachtung den Gedanken zurückweisen, daß dieser Mann für seine Person auch nur im entferntesten antisemitischen Regungen unterworfen sein könnte. Diese Meinung ehrt sowohl Dr. Seipel, wie auch seine jüdischen Verehrer. Ein geistig so hochstehender Mann wie Dr. Seipel mag nicht nur als unter seinem Eide stehender höchster Hüter der Gesetze frei von antisemitischen Tendenzen sein, die sich mit unseren Staatsgrundgesetzen nun einmal nicht vereinen lassen. Dr. Seipel wird aber überdies noch zwingende Gründe haben, diese Tendenzen auch als Christ und in noch erhöhtem Maße als Priester zu perhorreszieren. Kein Christ kann die Stammesgenossen des Stifters des Christentums schon wegen ihrer Geburt und Abstammung bekämpfen und verababscheuen, und das allein heißt Antisemitismus. Das wußte der gelehrte Priester Dr. Seipel auch ganz genau, schon bevor der Papst Pius XI. den Antisemitismus als Verleugnung des Christentums bezeichnete. Aber wie Juden es begreifen können, daß Dr. Seipel bei dieser persönlichen Stellungnahme gegen den Antisemitismus an der Spitze einer Partei stehen kann, die sich in ihrem offiziellen Programm als antisemitische bekennt — das verstehe ich wieder nicht. Wenn dem Chef einer Partei das Parteiprogramm nichts gilt, für wen in der Partei soll es dann Geltung haben? Ich kann es auch nicht verstehen, wie Herr Dr. Seipel, wenn er es auch vermieden, sich selbst diese Frage vorzulegen, bisher der peinlichen Situation entgehen konnte, mit dieser Frage von anderen behelligt zu werden? Er ist nicht der Mann, der feige einer doch sicherlich ebenso naheliegenden als berechtigten Frage gegenüber die Antwort verweigern würde. * * * Will mir jemand vielleicht voreilig mit der Erklärung zu Hilfe kommen, daß z. B. die beiden Napoleon, Onkel und Neffe, das republikanische Ideal verkündet hatten, bevor sie sich die Kaiserkrone auf das Haupt setzen ließen? Das stimmt nicht. Diese beiden standen nicht an der Spitze der republikanischen Partei, während sie sozusagen als gekrönte Monarchen auf dem Throne saßen. Das kam eines hübsch nach dem anderen. Der Nichtantisemit gleichzeitig als Chef einer antisemitischen Partei, das klingt schon wie der berühmte Witz von der Repu-