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Die Wahrheit · 1927-04-01 · Heft 14 (1.4.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 14 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT I!B1M Seite 7 Demokratie und Judentum. Von Bezirksrat Dr. Koloman F r e u d e r. (Fortsetzung.) Die Juden lebten politisch völlig ungebunden in dem schon damals politisch und sozial fest organisierten ägyptischen Staate. Den durch Priester, Krieger und despotische Könige schwer bedrückten Aegyptern wird der freie, noch dazu mit Handelsprivilegien ausgestattete jüdische flirte bald verhaßt. Die revolutionäre Bewegung der ägyptischen Untertanen gegen die Juden bedroht Kastenführer und Könige in ihrer eigenen Herrschaft. Daher erfolgt gar bald der Entzug der Privilegien, besonders des Rechtes der Freizügigkeit und den Juden wird auch Fronarbeit auferlegt. So wird aus einem freien Hirten- und Handelsvolk ein Arbeitsvolk. Als solches treten die Juden zum erstenmal aktiv in die Geschichte ein. Die Monumentalfigur Mosis gibt dieser Epoche ihr Relief. Diese geniale Persönlichkeit bewahrt sein Volk vor dem Untergange, indem er die in Sklaverei verkommene Masse gegen ihren eigenen Willen erhebt und in zäher Arbeit ihren Kampf gegen despotische Unterdrücker organisiert. Die demoralisierten Juden bereiten Moses unendliche Schwierigkeiten. Unter Lebensgefahr vollendet er sein Befreiungswerk und führt in wohlbedachter Absicht die Juden vier Jahrzehnte durch die Wüste. Dort sollen sie Beruhigung finden, ihre aus Fronarbeit, sozialer Aechtung und politischer Entrechtung entstandene Verbitterung vergessen und die elementaren Ausbrüche ihrer destruktiven Kräfte unterdrücken lernen. Die Wüste soll das Grab ihrer aufreizenden Erinnerungen werden und nach ihrer seelischen Läuterung sollen die befreiten Sklaven das Land der Verheißung erreichen. Das Gesetz Mosis bändigt das „halsstarrige Volk", das sich nur schwer in die errungene Freiheit einleben kann. Moses stirbt an der Schwelle des verheißenen Landes. Von außen kam, außerhalb seines Volkes starb er und keiner weiß, wo seine Grabstätte ist, bis auf den heutigen Tag. Die Geschichte der Juden nach der Besitzergreifung Palästinas bis zu ihrer Zerstreuung entbehrt ebenfalls der notwendigen Ruhe zu friedlicher ungestörter Entwicklung. Streit der Stämme untereinander, Kämpfe mit den Eingeborenen des Landes, Hader der Könige, Auflehnung gegen fremde Unterdrücker wechseln ab. Die Könige Saul, David und Salomo, das Auftreten der Propheten, die heldenhaften Makkabäer, Ströme Blutes für den Väterglauben, die Tragik der Zerstörung des Heiligtumes sind Kennzeichen dieser Epoche. Doch fehlt es nicht an einer Blütezeit des israelitischen Volkes, als deren Merkmale unbedingte persönliche Freiheit, Unverletzlichkeit der Bürger, Verantwortlichkeit jedes Untertanen vor dem Gesetze, der allen, auch dem Fremden, gewährte Genuß der Freiheit, endlich ein bis in die kleinsten Verhältnisse geregeltes Staatswesen hervortreten. Lesen und Schreiben war allgemein verbreitet, Dichtung und Tonkunst besonders im Gottesdienste ausgebildet. Ackerbau, Weinbau und Viehzucht standen auf hoher Stufe. Der Zeitraum von der Zerstreuung bis auf die Gegenwart ist durch mehr oder minder schweren Druck gekennzeichnet, der auf den Juden lastet und im Mittelalter zur Tyrannei ausartete. Die jüdische Geschichte wird zur Leidensgeschichte ohne jede politische Bedeutung. Ueberall bedrückt und angefeindet, von Abgaben überlastet, vom ehrenden Erwerb zurückgewiesen, arbeiten sie dennoch an der Erhaltung und Fortbildung ihrer religiösen Gedanken und treten, wo ihnen der Zutritt erschlossen wird, mit Erfolg in das Geistesleben der Menschheit ein. Dadurch wird ihre Geschichte Kultur- und Literaturgeschichte. Für eine Idee kämpfend und duldend, überdauern sie Druck und Haß, bis unter zunehmender Zivilisation ihre Fesseln gesprengt und ihr bürgerliches Recht nicht mehr durch das Glaubensbekenntnis in Frage gestellt wird. Diese kurz skizzierte historische Betrachtung zeugt von Hartnäckigkeit, Kampfgeist und Idealismus. Das Bekenntnis zum Glauben der Väter, das unbedingte Festhalten an der Gottesidee führt die Juden auf blutigen, finsteren, oft von Scheiterhaufen erhellten Wegen durch die verschiedenen Länder Asiens und Europas. Ist es der Jahrhunderte alte Druck, der von Geschlecht zu Geschlecht eine gewisse Verbitterung vererbt und dadurch die Juden zu Individualisten stempelt? Sind die Juden deshalb in ihrem Freiheitsdrange so unbändig, weil sie die Freiheit so lange entbehren mußten, kämpfen sie deshalb so begeistert für die Kultur, weil sie deren Wert für die freie Entfaltung und Entwicklung verstehen gelernt haben? Oder sind demokratische Weltanschauung und Staatsauffassung der Juden in ihrem Glauben, in ihrem reli- TAUWO Pflanzenmargarine HT2 ausgiebig bekömmlich nahrhaft Knnerolwerkc A. 0. Wien giösen Bewußtsein und in ihrer sittlichen Lebensrichtung begründet? Antwort darauf gibt uns eine Betrachtung über das Wesen der jüdischen Religion. Die jüdische Religion hat nicht nur Religionsgesetze, sondern sie regelt auch alle Beziehungen des Menschen zu seinem Nächsten zum Staat und zur Gesellschaft. Herder sagt: Der Zweck der Gesetzgebung Mosis war weder opfern noch Sünden zu vergeben; sondern Glückseligkeit seines Staates und Wohlfahrt des Volkes Gottes. Das Judentum ist also letzten Endes ein zivilisatorisches Statut, respektive eine Zivilisationstheorie und daher ausschlaggebend für das ganze zivilisatorische Leben. Dieser Gedanke muß unbedingt zur Demokratie führen. Das jüdische Gesetz sucht das Leben zu meistern, ist daher für die Gestaltung des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens von schicksalsschwerer Bedeutung. Das jüdische Gesetz vermag auch noch in der Gegenwart bestimmenden Einfluß auf das Leben nehmen, weil es an der Sittlichkeit orientiert ist, weil es Bestimmungen enthält, die mit geringen zeitgemäßen Abänderungen modernen Anschauungen entsprechen. Es ist oft untersucht worden, ob der Staat aus dem Gesetze oder das Gesetz aus dem Staate hervorgegangen sei. Die Wissenschaft hat dies dahin beantwortet, daß das Gesetz ein Werk des Staates sei. Das gilt überall, nur bei den Juden nicht. Der jüdische Staat ist nicht aus natürlichen soziologischen Bedingungen hervorgegangen, sondern vom theoretischen Gesetze ins Dasein gerufen worden. Schon in der Bibel heißt es nach dem Berichte der Offenbarung: „Heute bist Du zu einem Volke geworden", d. h. durch die Annahme des Gesetzes. Und so geschieht es zum erstenmal in der Weltgeschichte, daß das theoretische Gesetz, also ein ideologischer Faktor, einen soziologischen Prozeß herbeiführt, der sonst nur durch Stahl und Menschenblut zustandekommt. Die hebräische Bezeichnung für Staat ist „Medinah". was von Din Gesetz und Dajan Richter sich ableitet. Dieser Terminus spricht eine überaus deutliche Sprache. Bei anderen Kulturvölkern hat die Stabilisierung von gewissen Lebensbedingungen oder die Herrschaft des Despoten die politische Gemeinschaft ins Leben gerufen. Der deutsche Terminus Staat, der englische State, französische 6tat, der italienische stato und der russische gosudarstwo (von gosudar Herr) sowie der griechische Terminus Polis oder Politeia und der römische dominium oder imperium weisen

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