Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 14 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 mwimmmm llllll!ll!![l!in!llll[ll!!!!!!l!!lll!^ DIE WAHRHEIT Der Talmud-Rohling*) Erinnerungen aus halbverschollenen Tagen. Die „Reichspost" hat dieser Tage der Oeffentlichkeit eine interessante Nachricht vermittelt: Ein Mann, den man längst totgeglaubt hatte, der ehemalige Professor der Theologie an der Prager Universität Dr. August R o h 1 i n g, habe den Eintritt in sein neunzigstes Lebensjahr gefeiert Das genannte Blatt begleitet diese seine Meldung mit einer Besprechung der Wirksamkeit Rohlings und bemerkt, daß Rohling im Jahre 1876 ordentlicher Professor an der Universität ün Prag wurde, daß er nach Veröffentlichung seiner aufsehenerregenden Schrift „Der Talmudjude" im Mittelpunkt eines heftigen Meinungsstreites stand und nach mehr als dreißigjährigem Wirken als akademischer Lehrer in den Ruhestand getreten sei. So mancher Leser wird sich an den Kopf gegriffen und sich staunend die Frage vorgelegt haben: „Ja, lebt denn dieser alte Mensch, von dem vor mehreren Dezennien in nicht gerade rühmlicher Weise so vielfach die Rede war, noch immer?" Nun, was die „Reichspost" euphemistisch einen „heftigen Meinungsstreit" nennt, das war in Wirklichkeit ein ausgewachsener politischer und wissenschaftlicher Skandal, und es ist nicht ohne Interesse, auf die Kämpfe zu verweisen, die dem unfreiwilligen Rücktritt Rohlings vom akademischen Lehramt zu jener Zeit vorangegangen waren. Im Jahre 1882 hatte ein antisemitischer Agitator, Franz Holubek von Namen, in einer Versammlung, der Georg Schonerer präsidierte, die unflätigsten Beschimpfungen gegen die Juden erhoben. Die Staatsanwaltschaft Wien erblickte in der Rede das Vergehen gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung. Bei der am 28. Oktober hierüber stattgefundenen Schwurgerichtsverhandlung kam ein Zitat aus Rohlings „Talmudjude" zur Verlesung, in dem es unter anderem hieß: „Ja, Hunde sind dem Talmud die Niohtjuden." Franz Holubek wurde durch das einstimmige Urteil der Geschwornen freigesprochen. Um dem deprimierenden Eindruck dieser Schwurgerichtsverhandlung zu begegnen, publizierten die beiden Seelsorger der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Dr. Güdemann und Dr. Jellinek, eine Erklärung, daß die Aeußerung Rohlings, das Zitat, daß die Christen Hunde, Schweine und Esel seien, sei im Talmud enthalten, eine Aeußerung, die übrigens aus Eisenmengers ..Entdecktes Judentum" abgeschrieben ist, auf Unwahrheit beruhe, indem eine solche Stelle im Talmud sich nirgends vorfinde. Rohling erwiderte, indem er die vorstehend zitierte Erklärung der beiden Wiener Rabbiner als eine „arge Schelmerei" bezeichnete. Da trat nun der kurz zuvor zum Bezirksrabbinier in Floridsdorf gewählte Dr. Josef S. B1 o c h in die Arena, und der mutige Kämpfer erzählt darüber in seinem vor einigen Jahren erschienenen Memoirenwerk folgendes: „In kaum 24 Stunden schrieb ich die nachher so bekanntgewordene Züchtigung Rohlings unter dem Titel: „Professor Rohling und das Wiener Rabbinat oder die arge Schelmerei." Der Aufsatz erschien am 22. Dezember 1882 in einer Wiener Tageszeitung. „Vor aller Oeffentlichkeit, in einer Form, welche dem Laien verständlich, aber dem Fachmann gerecht wurde, unternahm ich," so erzählt Dr. Bloch, „den Nachweis zu führen, daß dieser, von Sr. Majestät dem Kaiser zum Professor für hebräische Altertümer in Prag ernannte' Herr für diesen Beruf nicht die geringste wissenschaftliche Qualifikation besitzt Ich stellte und erbrachte hinreichend Bieweiismaterial, daß ihm schon .moralische Eignung4 und dann auch die .wissenschaft- Iiche Qualifikation' fehlt, den Talmud zu beurteilen, daß seine Zitate aus dem Talmud, dem Schulchan Aruch und Sohar arge Fälschungen, zum Teil vollständig erfunden sind; ferner, daß er wiederholt Texte der Bibel als Talmudtexte vorgeführt, daß er überdies in den katholischen Kirchenvätern sich nicht auskennt und den Talmud lästert wegen Sätzen, die wörtlich bei den katholischen Kirchenvätern zu lesen sind, während er nicht ermüdet, immer wieder den Gerichten zu falschen Zeugnissen sich anzubieten mit Berufung auf seinen .Amtseid'. Durch populär-gemeinverständliche Darstellung gelang es auch, den christlichen Leser zu überzeugen, daß diese schweren Anklagen gegen den Prager Professor wohlbegründet sind. Jellinek sagte zu mir: ,Sie haben den Rohling mit einer Keule totgeschlagen.' Rohling selber empfand mit einem Male, daß er tödlich getroffen war. Er antwortete voll Wut und Erbitterung mit einem Artikel von zehn langen Spalten in der .Tribüne'. Nun zeigte es sich, daß diese Antwort mit seinen ursprünglichen Behauptungen nicht mehr übereinstimme; daß er früher den einzelnen Talmud-Texten, die er zitierte, einen anderen Inhalt gegeben, als er jetzt in der Erwiderung von ihnen bietet. Indem ich diese Widersprüche als Beweis seiner Unzulänglichkeit und seiner mangelnden Kenntnis den Lesern klar und scharf hervorhob, fügte ich hinzu: ,Ich meinerseits erkläre laut, so laut, daß in jedem Gerichtssaal und Regierungskabinett vernommen werden kann, nämlich, daß Sie, Herr k. k. Professor Rohling, nicht eine einzige Seite im Talmud-Texte je gelesen haben und zu lesen nicht die wissenschaftliche Qualifikation besitzen. Ich erkläre mich bereit, 3000 Gulden österreichischer Währung zu deponieren; die sollen Ihnen gehören, Herr Rohling wenn Sie nur eine einzige Seite des Talmud-Textes — eine Seite, die nicht ich, sondern der Zufall in einem Traktat, wie er zufällig in die Hand gelangt, Ihnen wählen soll — richtig und fehlerlos lesen und übersetzen. Herr Professor Rohling! Ich, der Bezirksrabbiner von Floridsdorf nächst Wien, biete Ihnen 3000 Gulden und bin bereit, sie im voraus bei einer Bank zu deponieren für das korrekte, fehlerfreie Lesen und Ueb ersetzen einer einzigen Seite im Talmud!' Herr Professor, Sie bringen das nicht zusammen, solches haben Sie wohl in Ihrem Leben auch noch nie versucht — allein .Gutachten' über den Talmud, und zwar unter Ihrem ,Amtseid\ haben Sie bereits wiederholt abgegeben." Als dann Rohling sich meldete, um in dem Prozesse Tisza-Eszla bei dem Gerichtshof in Nyiregyhaza gegen die beschuldigten Juden einvernommen zu werden, griff Dr. Bloch den Autor des almudjuden" neuerlich in der heftigsten Weise an. Rohling überreichte am 10. August des Jahres 1883 durch Dr. Robert Pattai beim Landesgerichte .Wien die Klage gegen Dr. Bloch, der mittlerweile Reichsratsabgeordneter geworden war. Man trat an Dr. Bloch mit dem Antrag heran, Dr. Karl Lueger zu seinem Rechtsvertreter gegen Rohling zu bestellen. Dr. Bloch wandte sich an Dr. Adolf Fischhof mit der Frage, ob Dr. Lueger der geeignete Mann wäre, und erhielt darauf die Antwort: „Ich warne Sie vor Dr. Karl Lueger! Er geht jetzt mit Ihnen, aber ich bin nicht sicher, daß er Sie nicht schließlich im Stich läßt und vielleicht gar vor den Geschworenen in Gefahr bringt" Es würde zu weit führen, alle Peripetien des Prozeßverfahrens, das eingeleitet worden war. hier des ausführliehen darzulegen, obgleich sie sicherlich viel Interessantes bergen. Dr. Bloch hatte selbst die Aufhebung seiner Immunität vom Abgeordnetenhause verlangt und erhalten. Der Termin der Verhandlung war bereits anberaumt, Dr. Bloch hatte zu seinem Verteidiger Dr. Josef Kopp bestellt, da trat eine Wendung ein, die die Oeffentlichkeit maßlos überraschte: Professor Rohling war von der erhobenen Anklage gegen den Reichsratsabgeordneten Dr. Bloch zurückgetreten. Professor Dr. August Rohling war damit gerichtet! Er hatte über sich selbst das Urteil gesprochen! Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50. Ungarn Pengö 850, Deutschland Qoldm. 7—, Tschechoslowakei cK60.—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.—, Amerika lVa Doll.Jtalien Lire 40.—.EnglandSchilling m 15.—, Rumänien Lei300.—.JugoslawienDinar 100.— w *) Aus dem „Tag" vom 13. März 1927. 1AC. MAYER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-79 Hlr Kultusbeamte und Vereinsfunktionäre gegen Legitimation 10°/„ Nachlaß von den Im Schaufenster meiner Niederlage llM TaborstraBe 44 ersichtlichen Verkaufspreisen