Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 14 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Es sprach dann Abgeordneter und Chefredakteur Otto Nuschke, der Paul Nathan nachrühmte, daß er die Universalität im Goetheschen Sinne besaß. Sein Stil war von einem herrlichen Schliff. Er gehörte zur geistigen Elite des deutschen Volkes. Er besaß die Bildung des Jahrhunderts." Seine Feder war eine Fackel. Er machte die Köpfe hell und die Herzen warm. Nun entglitt die Fackel seiner Hand, aber das Feuer ist nicht erloschen. Er war ein Bürger derer, die da kommen werden. Im Namen des Oesterreichisch-deutschen Volksbundes sprach Hermann K i e n z 1. Nunmehr trat an die Bahre Herr Dr. Bernhard Kohn, der viele Jahre an der Seite Paul Nathans im Hilfsverein gearbeitet hat. Er sprach im Namen der amerikanischen Judenheit und insbesondere des Joint Distribution Committee. Zu tiefst erschüttert, sagte er, stehe ich an der Bahre meines väterlichen Freundes, der mir in zwei Jahrzehnten Führer und Lehrer war. Aber der persönliche Schmerz muß angesichts der Trauer der ganzen Judenheit schweigen. Ich bin beauftragt, im Namen des American Joint Distribution Committee von Paul Nathan Abschied zu nehmen. Namens der Berthold Auerbach-Loge der Bnei Brith, der Nathan 30 Jahre lang angehörte, nahm Rabbiner Dr. Löwenstamm-Spandau erschüttert Abschied mit dem Gelöbnis, daß Nathan im Orden nicht vergessen werden wird. Es sprach nun der Vorsitzende des Verbandes der russischen Juden in Deutschland, der greise Staatsrat Dr. Jakob T e i t e 1. Hierauf bewegte sich der langgestreckte Zug zur Gruft, wo die sterblichen Reste Paul Nathans, seinem letzten Wunsche gemäß, an der Seite seiner Mutter beigesetzt wurden. * «. * * Vor Eingang in die Tagesordnung der am 26. März stattgehabten außerordentlichen Delegiertenversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden" hielt Präsident Doktor Jakok O r n s t e i n einen tiefempfundenen Nachruf für Paul Nathan, in welchem er die Persönlichkeit des verstorbenen Kämpfers für die jüdische Ehre würdigte und dem Mitgefühl der österreichischen Juden mit ihren reichsdeutschen Glaubensbrüdern in warmen Worten Ausdruck verlieh. Wilhelm II. und die Juden. Wilhelm II. wurde, als er noch Kaiser von Deutschland und König von Preußen war, von den deutschnationalen, völkischen und antisemitischen Kreisen innerhalb und außerhalb des Reiches in den Himmel gehoben und insbesondere wurde seine antisemitische Gesinnung, die zu bekunden er jede passende und unpassende Gelegenheit ergriff, als Ausdruck wahrhaften deutschen Wesens gefeiert. Wilhelm IL, der Schmeicheleien und Huldigungen sehr zugänglich war, hat seinerseits seine allergetreuesten Antisemiten, angefangen vom Hofprediger Stöcker bis hinunter zum letzten deutschnationalen Studenten und Leutnant, mit allen Kräften gefördert und antisemitischen Schriftstellern, wie z. B. einen H. St. C h a m b e r 1 a i n, die weitgehendste Unterstützung zuteil werden lassen. „Dennoch" — dies war Wilhelms II. Lieblingswort, das er sich geradezu zum Wahlspruch erkoren hatte, — „dennoch" sind seine Freunde und Verehrer von damals mit dem Antisemitismus des ehemaligen Kaisers nicht zufrieden und sie, die sich an Ehrerbietungen und Schmeicheleien nicht genugtun würden, wenn sich die Verhältnisse nicht so fundamental geändert hätten, sie scheuen heute nicht davor zurück, dem Gestürzten den ärgsten Schimpf ins Gesicht zu schleudern, den es in ihren Augen geben kann: Judenfreund! Der „Reichswart", dessen reaktionäre und antisemitische Einstellung den Lesern der „W ahrheit" zu gut bekannt ist, als daß sie besonders hervorgehoben zu werden verdiente, veröffentlichte unlängst in einer Reihe von Fortsetzungen die Einsendung „eines sehr geschätzten Freundes", der, wie in der redaktionellen Einbegleitung gesagt wird, „das Thema nur anschlagen und keineswegs erschöpfen will". Immerhin gibt er „eine Fülle von Anregungen und hoffentlich mittelbar den Anstoß, daß ein Berufener den Entschluß faßt, das so notwendige Buch: „Die deutschen Fürsten und die Juden" in Angriff zu nehmen." Was weiß also der sehr geschätzte Freund des „Reichswart" über die Stellung des ehemaligen Kaisers zu den Juden zu sagen? „Wie hat sich nun der Kaiser selber in Wort und Tat zu dem Treiben der Hebräer gestellt?" Wir wissen es zu gut, daß der Kaiser, impulsiv, wie er schon war, mit seiner antisemitischen Gesinnung nicht zurückgehalten hat; doch lassen wir dem „Reichswarf'-Freunde das Wort: „Sie (die Juden) hatten von 1890 bis 1920 ihr goldenes Zeitalter, und es bei uns besser als einst in Spanien, wo es ihnen vor der Austreibung 1492 auch höchst glänzend ging; dabei zersetzten und zerkleinerten sie Preußen- Deutschland von oben nach unten, von rechts nach links, im Lauten und Stillen, bis es zusammenhanglos geworden, durch die Revolution so leicht zu überrennen war. Der Jude ist an der Verwüstung eines Reiches immer mehr beteiligt, als selbst die Beherztesten ahnten. Er nistet sich bei den Völkern zunächst an der Spitze bei den „Mächtigen" ein; sobald ihm der Kopf gehört — ein Sprichwort im Orient sagt: „Der Fisch fängt oben an zu stinken" — fallen ihm Leib und Glieder, die Massen, von selbst zu. Und er hat sich in Deutschland und Oesterreich ebensowenig damit verrechnet wie im alten Aegypten, in Rom und Frankreich, die als Leichen und rauchende Trümmer den Kriegspfad der Ischariot durch die Weltgeschichte kennzeichnen." Wie sehr sich der Jude „an der Spitze einnistet", dafür hätte der Verfasser die Tatsache anführen können, daß in der wilhelminischen Zeit den Juden die Erlangung auch der untersten Offizierscharge unmöglich und die Erreichung eines mittleren Beamten- und Richterpostens mindestens sehr erschwert wurde. Daß der Jude „an der Verwüstung des Reiches" weder im Generalstab noch im Admiralstab und noch weniger in der hohen Diplomatie und Regierung beteiligt war, scheint dem Verfasser so unwürdig zu sein, daß er diese Tatsache nicht einmal einer Erwähnung würdigt. „Hebräer verdrängten mit ihren geiströchelnden Bemerkungen den preußischen Adel vom Berliner Hofe und fingen unter Berücksichtigung seiner Stimmungen und Bedürfnisse den hohen Herrn leicht für ihre Belange ein. Sie umstanden ihn im Tiergarten und im Schloß, sie hatten ihre Ohren beim Pharao; einen jüdischen Geheimrat (einen jüdischen Geheimrat! D. Red.) berief das Vertrauen der Majestät ins preußische Herrenhaus, Jüdinnen wurden hof- und salonfähig, Bankhäusler und Aufsichtsräte fanden sich bei Potsdamer Festen oder in der Kaiser Wilhelms-Gesellschaft, auf den Kiel- und Nordlandsreisen ein und luden den Monarch ganz öffentlich in ihre mit Cadiner Kacheln gefütterten Tempel." Der Philosemitismus des Kaisers, den der Verfasser durch obige, teilweise einer lebhaften Phantasie entsprungene „Tatsachen" genügend bewiesen zu haben glaubt, zeigte sich schon in seiner frühesten Jugend und dürfte wahrscheinlich darin seinen Grund haben, daß Wilhelm II. mütterlicherseits doch irgendwie, wenn auch nur in sehr entferntem Grade, mit dem Judentum verwandt ist. Wie anders könnte sonst das Rätsel erklärt werden, daß