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Die Wahrheit · 1927-04-01 · Heft 14 (1.4.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 14 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT üülüllüllllülSllllilllüll!! Seit* 3 als einen großen Menschen und weisen Politiker feierte. Als er, Eduard Bernstein, der als Sozialdemokrat viele Jahre in der Verbannung leben mußte, seine Sehnsucht nicht mehr zurückdrängen konnte, in die deutsche Heimat zurückzukehren, war es Paul Nathan, der sich für seine Rückkehr eingesetzt und sie durchgesetzt hat. Eduard Bernstein würdigte dann Paul Nathans Arbeit in der Bekämpfung des Antisemitismus und des Ludendorffismus und sagte, der Hingang Nathans werden von allen, die mit ihm gegen diese Schmach stritten, als ein sehr großer Verlust empfunden werden. Um 2 Uhr nachmittags begann die Trauerfeier in der Alten Halle des Israelitischen Friedhofes zu Weißensee. Um den in einen Blumenteppich gehüllten Sarg standen Hunderte Trauernde: Personen die zum engen Bekanntenkreis Paul Nathans gehörten, Vertreter der Regierung und der Stadt Berlin, Repräsentanten der demokratischen politischen Parteien, Vertreter sämtlicher jüdischer Vereinigungen und Institutionen in Deutschland sowie der großen jüdischen Institutionen im Ausland. Für das Auswärtige Amt war Herr Legationsrat Prof. Dr. M. S o b e r n h e i m anwesend. Unter den persönlichen Freunden Nathans bemerkte man neben dem greisen Vorsitzenden des Hilfsvereines Dr. James Simon und Generalkonsul Eugen L an d a u, Herrn Dr. Max Warburg, der aus Hamburg zur Teilnahme an der Bestattung herbeigeeilt war. Man sah ferner den Präsidenten von Emigdirekt, Dr. M. Krainin, den Direktor des Centraivereines Dr. Ludwig Holländer, den Vizepräsidenten der ZVfD. Dr. M. R o s e n b 1 ü t h, den früheren Leiter des palästinensischen Schulwerkes Direktor E. C. Reiß u. v. a. Eine Abteilung des Reichsbanners Schwarz - Rot-Gold mit Fahne flankierte den Sarg. Als erster Trauerredner sprach der frühere Reichsminister des Innern Dr. Georg G o t h e i n, der als einer der letzten Ueberlebenden aus dem Kreise von Ludwig Bamberger, Barth und Theodor Mommsen von dem Freunde bewegten Abschied nahm. Paul Nathan, sagte er, war unser politischer Publizist, ein Held der Feder. Die Zeitschrift „Die Nation" brachte er zu höchster Vollendung. Dr. Gothein sprach dann von dem deutschen Juden Paul Nathan, der ein Deutscher bester Art gewesen war und in seinem Kampf gegen den Antisemitismus davon ausging, daß die Ehre des deutschen Namens von der antisemitischen Schmach zu reinigen sei. Dr. Gothein, als der Präsident des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, schilderte Paul Nathans Kampf für die Rechte der deutschen Juden und für die Rechte aller, die mühselig und voll neuen Lebensmutes und selbstsicherer Zuversicht schreitet man von dem gottgegebenen Feiertag wieder in den Alltag und den Daseinskampf. Die Stelle des Bibeltextes: „Sie seien zu Leuchten am Himmel, um zu leuchten auf der Erde" beziehen die alten Weisen nicht nur auf Sonne, Mond und Sterne, sondern auch auf die Festtage. Man spricht nicht grundlos von dem „Stern der Hoffnung". Wie er vom Himmel leuchtet und dem Wanderer in dunkler Nacht Weg und Richtung weist, so sind die Feiertage Lichtpunkte im grauen Dasein des Menschen, das sie mit hehrem Glänze und mit Helligkeit vom Himmel erleuchten. Das Leben, das sich tagein und tagaus nur mit der lieben Not abquält und allen Reichtum in Genuß von Speise und Trank, in der Befriedigung der Notdurft des Lebens erkennt, ist nüchtern, armselig und öde. Es fehlt ihm der Flug zu den Gestirnen, der Aufblick nach oben und erdenschwer haftet es an der Niederung. Die Hoffnung, die festen Glaubens ist, die Zuversicht, die sich durch nichts beirren läßt, quillt aus den heiligen Tagen den Menschen auf Erden. Darum ist der Nissan der erste der Monate und muß es sein, weil er die Bedeutung der feststehenden, unumstößlichen Feierzeiten ankündet und lehrt, in allen Mühen und bei aller Plage des Alltags auf festliche Zeiten zu hoffen. Wie das Judentum aus dem vollendeten Erdenwallen eine ungestörte, ewige Seligkeit verheißt, nach allen Irrungen und Wirrungen der Menschheit eine messianische Zeit verkündet, so hat es in das irdische Leben als Hoffnungsbringer und Hoffnungsträger göttliche Feiertage gesetzt. Ein Diener dieser Idee ist der Monat Nissan. Er ist ein treuer Diener seines Herrn und das Volk Israel, das nicht selber Knechtesdienste geleistet hat, weiß, daß man eines Dieners Arbeit nicht geringe schätzen soll. Darum hat die Thora den Neumond zum ersten der Monate gemacht, als „Haupt der Monate" gesetzt. Denn lehrt der Jahresanfang im Monat Tischri die Tage und Jahre zählen, so lehrt Nissan auf Feste hoffen. Gesegnet ist das Leben, das in allen Lagen, im Glück wie im Leid, auf Festeszeiten unentwegt hofft; es hat nicht nur den Glauben an den Messias, es hat auch von der Kraft des Messias einen Teil in sich! Verlangen sie überall j Original- Pirehtion Linz . Platz des 12. November Nr. 11 Fernsprecher 25-17 und 60-60 Drahtanschrift: Thennag Linz Badgasteiner Thermalwasser A.-d Depot Wien: I., Helferstorferstraße Nr. 9 Fernsprecher 62-0-42 Drahtanschrift: Thermag Wien I_ der Name spricht tür skft! beladen sind. Er verkörperte das Goethesche Ideal: er war ein Mensch, und das heißt ein Kämpfer sein. Für den Parteivorstand der Deutschen Sozialdemokratischen Partei sprach Gesandter Hildebrand. Die Partei sei stolz darauf, daß dieser große Mann durch seinen Beitritt zu ihr bezeugt hat, daß er die Erfüllung seiner Hoffnungen von der Partei erwarte. Auch im Namen des republikanischen Reichsbundes nahm Gesandter Hildebrand von dem „großen Republikaner" Paul Nathan Abschied. Hernach sprach Prof. Schäfer im Namen des Hilfsvereines der Deutschen Juden. Er schilderte die historische Rolle Dr. Paul Nathans in der Geschichte des Judentums der letzten 25 Jahre. Alle Hilfsaktionen des Hilfsvereines, sei es zugunsten des Stromes der Pogromflüchtlinge, der durch Deutschland ging, sei es im großen Kultur- und Erziehungswerk in Palästina, welches vom Kindergarten über die Volks¬ und Mittelschule bis zum Technikum gipfelte, waren Geist vom Geiste Paul Nathans. Nun sind wir verwaist. Aber alle Mitglieder des Hilfsvereines sind sich bewußt, daß man die Arbeit nur in den Bahnen, die Paul Nathan gewiesen, weiterführen könnte. „Secher Zaddik liwrachah". Justizrat Dr. B r o d n i t z, der im Namen des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach, führte wehmütig Klage an der Bahre Paul Nathans. Hier, sagte er, geht ein Stück von uns dahin. Was Paul Nathan unserer Zeit gewesen ist, wissen nur die ganz, die an seiner Seite arbeiten durften. Es war, sagte Dr. Brodnitz, die große Segnung meines Lebens, daß mir vergönnt war, die letzten zehn Jahre an der Stelle zu arbeiten, an der Paul Nathan am liebsten gearbeitet hat. Seine ewige Frische, seine schöne Jugend sind daraus zu erklären, daß er der Idee lebte. Aus einem gelehrten jüdischen Hause stammend, wurde er der Typ des deutschen Juden. Die Sorge um das geliebte deutsche Vaterland bewegte ihn zuerst. Er war der besten Deutschen einer. In den letzten Jahren seines Lebens bewegte ihn stark der Gedanke einer Stabilisierung der Lage der Juden in den Ländern Osteuropas durch deren Zuführung zu produktiver Arbeit. Der Redner nahm auch im Namen des Arbeiterfürsorgeamtes von Paul Nathan Abschied und schloß: Ein Großer ist von uns gegangen. Paul Nathan, du wirst nicht vergessen werden in unseren Reihen, du bist eingezeichnet in die Geschichte der deutschen Juden.

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