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Die Wahrheit · 1927-04-01 · Heft 14 (1.4.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 14 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT große Gefährlichkeit, insbesondere in Berücksichtigung der derzeitigen Krise, klar erkennt. Die kulturellen Forderungen entsprechen wohl einigermaßen unseren Anschauungen, aber die Wahl dieser Partei fällt dennoch insbesondere den jüdischen Geschäftsleuten sowie Gewerbetreibenden schwer, sehr schwer, ist ihnen fast unmöglich. Und nun kommt wohl das Merkwürdigste dieser an und für sich ohnehin genug merkwürdigen Wahl. Um die jüdischen Stimmen werben auch sehnsüchtig Parteien, die sonst für jüdische Interessen gar nicht viel übrig haben, im Gegenteil, dieselben bei jeder möglichen Gelegenheit bedrohen. Die Christlichsozialen und Großdeutschen haben sich schon aus langer Koalitionsgewohnheit friedlich vereint in der famosen „Bürgerlichen Einheitsfront". Wir haben zu diesem Schlagwort schon zu einer Zeit Stellung genommen, als es noch schien, daß die „Einheitsfront" eine christlich-nationale werden würde, wie sie übrigens sich jetzt wieder präsentiert. Zuerst wohl hat sich der große Wahlstratege Dn S e i p e 1 eines vermeintlich Besseren besonnen, proklamierte die „große" antimarxistische Einheitsfront, versetzte zu deren Ermöglichung den damals für Wien in Aussicht genommenen Dr. Riehl und seinen antisemitischen Radauanhang hübsch in die Provinz, wo man es nicht so genau sah. Nun aber taucht er neuerlich, noch dazu im II. Bezirk, wieder auf. Und deshalb nehmen wir auch jetzt kein Wort unserer seinerzeitigen Kritik zurück. In letzter Stunde hat sich eine Schar opfermutiger Männer gefunden, die den Beweis erbringen wollen, daß nicht das ganze freiheitliche Wien in dem Lager Seipe 1 s oder Breitners steht, und propagieren eine demokratische Liste. Wir müssen diesen wackeren Männern Dank zollen für ihren Beschluß, wir können dies nur mit dem Stimmzettel, der unseren Protest ausdrücken und wirklichen Demokraten zum Sieg verhelfen soll. Oskar H i r s c h f e 1 d. Paul Nathans Heimgang. Das deutsche Judentum trauert um Paul Nathan; der Schmerz um den Verlust eines der hervorragendsten und tapfersten Streiter für das Recht und die Ehre der deutschen Juden erfüllt alle Kreise der jüdischen Bevölkerung des Reiches und das tiefste Mitgefühl mit den so schwer getroffenen deutschen Glaubensbrüdern bewegt die Juden in allen Ländern. Aber nicht nur das deutsche J u d e n t u m ist es, das um Paul Nathan trauert, alle, die wahrhaft freiheitlich und demokratisch fühlen im Reiche, erkennen, was ihnen Paul Nathan gewesen und was sie durch seinen Tod verloren. Blumengrüße aus allen Teilen des Reiches. Zeichen dankbarer Liebe und wehmutvollen Gedenkens umhüllen den Sarg, der die letzte Hülle des Verstorbenen birgt und im Arbeitszimmer des Verstorbenen, an der Stelle., an welcher Paul Nathan Tag für Tag und bis in die sinkende Nacht unermüdlich zu arbeiten pflegte, steht wie ein leuchtender Blumenhügel die Bahre des Verewigten. Zahlreiche Kränze jüdischer und nichtjüdischer Institutionen mit bunten Schleifen liegen zu seinen Füßen. Um die Bahre scharten sich Sonntag, den 20. März, um 12 Uhr mittags, die Angehörigen und intimsten Freunde des Verstorbenen zu einer stillen Abschiedsfeier. Schlicht und in gedämpftem Ton, oft mit tränenerstickter Stimme, sprachen die Freunde und Weggenossen des Verstorbenen eindrucksvolle Abschiedsworte. Nachdem die Herren Dr. Schiff und Dr. Ernst Feder, Redakteur des „BerlinerTageblat t", im Namen der Familie und der Freunde still bewegt Abschied genommen hatten, hielt der bald 80jährige Führer des Sozialismus, Reichstagsabgeordneter Ed. Bernstein, seinem Freund Paul Nathan einen Nachruf, in welchem er den Verstorbenen!SC äTcuilleton Hoffnung. Von Dr. V. K u r r e i n. „Dieser Monat sei euch der Anfang der Monate, der erste unter den Monaten des Jahres sei er euch". II, 12, 2 Der Monat Nissan, in dem das Pessachfest gefeiert wird und mit dem das Festjahr beginnt, nimmt eine bevorzugte Stellung ein. Sein Beginn, sein Neumond soll der erste, der wichtigste sein. Der kalendarische Wert kann gewiß nicht einzig und allein diesem Monat zu dieser Hervorhebung verholfen haben; lediglich ein Datum festzustellen, ist nicht genug Grund für die große Bevorzugung, vielmehr muß der Gedanke, die Idee, die dem Datum und dem Kalender zugrunde liegt, das Schwergewicht ausmachen. Ein alter Prediger hat seine Belehrung über die Neumond-Nissan-Bestimmung mit dem Spruche Salomos eingeleitet. „Eine Hoffnung, die sich hinzieht, macht das Herz krank, aber ein Baum des Lebens ist ein Wunsch, der eintrifft." Der Gedanke, der sich unter der trockenen, nüchternen Kalenderbestimmung birgt, ist: Hoffnung, alles und alle beherrschende Hoffnung, wie sie allen unseren Festen eigen ist. Ist doch die Einleitung eines jeden Festes, die „Schehechejonu", der Dank für eine erfüllte Hoffnung, und ruft das Pessachfest vom ersten bis zum letzten Tag mit Worten und Symbolen diesen Hoffnungsgedanken in die Welt hinaus. Unsere Weisen sagen, Israel zählt seine Monate und Jahre nach dem Umlauf des Mondes, die anderen Völker aber rechnen nach dem Umlaufe der Sonne. Diese ist das strahlende Gestirn des Tages, jener der bescheidene Lichtspender der Nacht. So lange die leuchtende Sonne am Firmamente steht, kommt der Mond gar nicht zu seiner Geltung, sinkt aber die Sonne, verliert der Tag seine Helle, dann mildert der Mond das Dunkel der Nacht. Auf den Kalender, der nach dem Laufe des Mondes die Feierzeiten ansetzt, angewendet, gewinnt dies tiefen Sinn. Wer im Glücke ist, seinen Sitz an der Sonnenseite des Lebens hat, dem däucht des Mondes Licht gering und wertlos; man achtet erst die stille Mondscheibe, wenn es dunkel um einen ist. Die Ruhe und Trost suchen, sehnen sich nach dem Monde und segnen ihn; ihnen ist der Hoffnungsschimmer köstlicher als der blendende Glanz des großen Glückes. Was sind Feiertage, welche Bedeutung haben und gewinnen sie für unser Leben? Sie sind Tage der Ruhe, des geistigen und leiblichen Genusses, Tage der Erbauung und Sammlung. Wie aber derjenige, der sich nicht müht und plagt, dem das Joch der Arbeit nicht Tag um Tag am Nacken liegt, den Tag der Ruhe nicht ersehnt und bewertet, so hat auch erst für den nach Seelenstimmung und Trost Bedürftigen der Feiertag den ganzen, richtigen Wert. Denn solcher hat nicht die Kraft, auch nicht den Mut, sich selbst einen Feiertag zu machen, sich selbst aus eigener Kraft aus dem Drucke des Alltags zum Frieden . und zur Sammlung eines weihevollen Tages emporzuraffen. Ein solcher und alle, die gleiches Schicksal tragen, würden niemals einen Festtag halten, wäre ihnen nicht von Gott geboten, dieses zu tun. Einem Tage des Menschenlebens so viel Hoffnungskraft geben, daß sie über den Tag hinaus, ins Leben hinein reiche und wirke, ist eine große Sache. Um derentwillen sind Feiertage gottgewollte und von Gott bestimmte Tage, die zu uns Menschen kommen, damit wir zu ihnen kommen. Der Monat Nissan bildet mit seinem Neumond den festen Punkt, von dem der Kalender und seine Festeszeiten ihren Ausgang nehmen. Dieser Grundsatz, daß man niemals einen Tag zu einem Festtag machen kann, wenn er es nicht wirklich ist, enthüllt das innerste Wesen solcher Tage. Denn das ist der Unterschied zwischen Hoffnung und Hoffnung. Das einemal ist sie ein leeres Trugbild, das entsteht und entschwindet, den Menschen nicht reicher und nicht ärmer gemacht hat, weil sie ein Spielzeug seiner Laune und seines Willens war, und das anderemal ist sie ein Lebenselexier, eine Kraftquelle, die einen neuen starken Menschen schafft. In solcher Weise gestärkt, aufgerichtet.

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