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Die Wahrheit · 1927-03-25 · Heft 13 (25.3.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 13 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEI1 26. Februar erschien ein Artitkel mit der Ueberschrift „Vom Juden getötet?" und dem Untertitel: „Der Fall Grete Machan — Aufklärung muß verlangt werden." Und nun bringt es der Verfasser dieses Artikels fertig, darzulegen, daß angeblich die Grete Machan gegen ihren Willen mit Salvarsan behandelt worden sei, und er schreibt: ,„ . .Trifft das aber zu, ist sie vom Juden getötet worden, denn das Salvarsan ist eine jüdische Erfindung, die der Oeffentlichkeit durch eine wahrhaft furchtbare Reklamesuggestion der jüdischen Presse aufgezwungen wurde." Wir haben hier weder zu dem Streit der Meinungen im Falle Grete Mach an, noch zu der Frage des Wertes oder Unwertes von Salvarsanbehandlungen Stellung zu nehmen; aber es ist wichtig, auch an diesem Beispiel wieder einmal zu zeigen, wie die völkische Presse jedes Vorkommnis so zu drehen weiß, daß irgendwie die Juden schuldig sind. „Tut nichts — der Jude wird verbrannt" Amerikanisches Reformjudentum und Zionismus. Im Jänner dieses Jahres tagte in Glevelamd die Vereinigung der jüdischen Reformgemeinden Amerikas (Union of American Hebrew Congregations), in denen 278 Großgemeinden zusammengeschlossen sind. 1500 Vertreter aus allen Teilen der Vereinigten Staaten waren zugegen. Auf dieser Tagung, an der viele der führenden Persönlichkeiten der amerikanischen Judenheit teilnahmen, kam auch die Stellung des amerikanischen Reformjudentums zum Zionismus zu unzweideutigem Ausdruck. Rabbiner P h i 1 i p p s o n aus Cincfanati, einer der geistig führenden Männer des liberalen Judentums Amerikas, hat unter restloser Zustimmung der Versammlung folgendes ausgeführt: „Es ist nicht meine Absieht das Für und Wider des jüdischen Universalismus und des jüdischen Nationalismus zu erörtern. Aber ich fühle, daß ein Wort gesprochen werden muß über die Frage, die heute die Juden in verschiedene Lager teilt. Ich glaube, man darf, ohne Widerspruch zu fürchten, feststellen, daß dieser großen Gemeindeorganisation als Prinzip die geistige Bedeutung der Mission des Judentums zugrunde liegt. Nicht durch politische Macht noch durch diplomatische pournarlers, sondern allein durch den Geist wird das Judentum sich Geltung verschaffen. Es ist selbstverständlich, daß wir am palästinischen Werk interessiert sind, und daß wir wünschen, auch unsererseits dieses Werk zu fördern, denn Palästina appelliert auch an uns Reformjuden, einmal wegen der mit diesem Lande verknüpften Erinnerungen und dann, weil es Möglichkeiten bietet, Tausenden unserer Glaubensgenossen Heimstatt Trost und Zuflucht zu geben. Ich spreche gleichzeitig im Namen vieler, wenn ich erkläre, daß die politische und nationalistische Auffassung des Zionismus eine Verengung jener geistigen Inhalte bedeutet, für welche diese Vereinigung von Gemeinden vor allem eintritt Ich empfinde den politischen Zionismus als unvereinbar mit jenem Univ er salismus, der gerade die Seele unserer ReformbeweguTig ist Aber diese feste Ueberzeugung vernichtet nicht meine Sympathie für die Bemühungen, die Hilfsquellen Palästinas zu erschließen. Palästina kann bestenfalls das Heimatland einiger Juden werden, gerade so, wie Amerika unser Heimatland und England und andere Länder die Heimat anderer Juden sind." G. Eine Menschenfreunde. Ich lese mit großem Interesse die ausgezeichnete Artikelserie Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiners Dr. Max Grunwalds über „Jüdische Frauenideale" und möchte deshalb in ihrem, alles Ideale so hochschätzenden Blatte einige Zeilen dem Idealbild einer nichtjüdischen Frau widmen, einer wahren Freundin der leidenden Menschheit, die in unermüdlicher, aufopfernder Arbeit allen Menschen ohne Unterschied des Glaubens und Standes werktätige Hilfe zu bringen bemüht ist und der auch zahlreiche Intelligenzkreisen angehörende Glaubensbrüder Rettung aus Not und Elend verdanken; denn die furchtbare Not, welche die Kriegs- und Nachkriegszeit über viele angesehene und einst wohlhabende Familien des bürgerlichen Mittelstandes gebracht hat, erweckte in dieser selbst von Schicksalsschlägen schwer geprüften Frau den Drang, jenen armen Menschen, die einst bessere Tage gesehen haben, Rettung, Hilfe oder wenigstens Erleichterung zu bringen. Hungernde Gelehrte und Künstler, Schriftsteller, Aerzte und Anwälte waren die Schützlinge dieser nicht nur mit einem warmfühlenden Herzen, sondern auch mit einem feinsinnigen und kunstverständigen Geiste ausgestatteten Frau. In einer abgeschiedenen Gegend des III. Bezirkes, in welche der Lärm des Alltages nicht dringt, arbeitet Helene Granit s c h in der ihr eigenen anspruchslosen und bescheidenen Art und Weise Tag für Tag und bis in die sinkende Nacht an dem erhabenen Ziele, das sie sich selbst gesteckt hat, der Vernichtung der Not. Ihr Wohltun ist aber nicht von der Art, daß es den Empfänger noch stärker beugt und noch tiefer demütigt, sondern es ist ein aufrichtendes, stärkendes und schöpferisches Wohltun, ein Wohltun, das sich nicht damit begnügt, hungrige Mägen zu stillen und frierende, in Fetzen gehüllte Körper zu wärmen, sondern hungrigen Seelen und frierenden Herzen Liebe und Wärme spendet Wer das Glück hat, dieser Frau im Leben näherzutreten, der spürt es intuitiv, wie ein Hauch von Glück und Seligkeit von ihrer Persönlichkeit ausstrahlt, wie alles, was sie denkt, anstrebt und durchführt, Segen atmet. Und groß sind alle ihre Schöpfungen, die sie für ihre leidenden Mitmenschen geschaffen hat Um solche Werke zu vollbringen, ist nicht nur ein mitfühlendes und menschlich empfindendes Herz notwendig — ein solches besitzen glücklicherweise viele Frauen, die im Kreise ihrer Familie segensvoll wirken — sondern auch ein eiserner, unbeugsamer Wille, ein sozial geschulter Geist und ein umfassendes Organisationstalent. Alle diesen Eigenschaften besitzt nun Helene Granitsch in hervorragendem Maße. Als Präsidentin der „Rohö" (Reichsorganisation der Hausfrauen Oestesreichs) ist sie während des Krieges vor allem jenen Frauen, deren Männer im Felde standen oder in Gefangenschaft schmachteten, hilfreich zur Seite gestanden und hat ihnen die Beschaffung von Lebensmitteln erleichtert Wer erinnert sich nicht, mit welchen Schwierigkeiten dies damals verbunden war! Den Dank, auf den sie übrigens niemals reflektierte, hat sie für diese außerordentliche Leistung nicht in dem ihm gebührenden Maße empfangen und als das Werk, das sie geschaffen, in seinen Grundfesten gesichert war, trat sie freiwillig und ohne Groll zurück, um seine Vollendung anderen zu überlassen. Ebenso groß, wenn nicht noch größer sind ihre Leistungen für den Mütter- und Säuglingsschutz und insbesondere war es die von ihr während der Kriegszeit geschaffene Kriegspatenschaft, durch welche tausenden von Müttern die Erhaltung ihrer Kinder ermöglicht wurde. Eine der jüngsten Schaffungen von Helene Granitsch, die „Zentraleinkaufstelle für die geistigen Arbeiter und den Mittelstand", „Zegam" genannt, hat bis jetzt fast 100.000 Wiener Familien des intellektuellen Mittelstandes mit Liebesgaben aus aller Welt versorgt und dadurch viel Elend gelindert. Als die furchtbare Wirtschaftskrise, die in den letzten Jahren über Oesterreich hereingebrochen ist, neuerdings zahlreiche mittelständische Existenzen entwurzelte und unzählige Intellektuelle in Not und Elend stürzte, unternahm diese einzigartige und bewunderungswürdige Frau weite Reisen ins Ausland, um ihre internationalen Beziehungen zur Hilfe für unser unglückliches Land auszunützen, und abermals gelang es ihrem unermüdlichen Arbeitseifer, hunderte Intellektuelle, oft durch persönliche Intervention, vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Um das Interesse für die Schönheiten unseres Landes, für seine Schöpfungen auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete in allen Ländern zu erwecken, hat sie den „Willkommenklub" gegründet, der in echt österreichischer Gastfreundschaft allen ausländischen Gästen, die nach Wien kommen, ein herzlichen Willkommen entgegenzubringen bemüht ist und so viel zur Hebung des Fremdenverkehrs beiträgt Und rastlos schafft Helene Granitsch weiter, unablässig ist sie bei der Arbeit, Gutes zu tun und Wertvolles zu leisten. Mögen sich die Frauen Wiens, jüdische und nichtjüdische, um diese edle und vorbildliche Frau scharen, möge ihr Werk und ihre Persönlichkeit beispielgebend wirken für unsere Zeit und die kommenden Geschlechter! Wer immer in späteren Tagen die Geschichte einer der traurigsten Epochen unserer Vaterstadt, der Kriegs- und Nachkriegszeit, schreiben wird, der wird den Namen Helene Granitsch nennen müssen als einen hellen Stern, der mit seinem milden Licht die Dunkelheit jener Zeit erhellt hat. Siegmund Prager, Döbling. 1 A/^ mm f\ l IC f> Kleider- Ii. Gummimäntel-Fabrik ■ U 1 I VI r\ al K Export nach allen Ländern JM Iwlf 1 1 » Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-79 Wir Kultusbeamte und VerelnsfunktlonSre gegen Legillmalion 1O0/n NachlaB von den Im Schaufenster meiner Niederlage ll.v TaborstraBe 4 ersichtlichen Verkaufspreisen

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