Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 13 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 ttili^^ DIE WAHRHEIT verändern solche Reize die lebendige Substanz nicht vorübergehend, sondern dauernd, und solche dauernde Veränderungen — eben die Engramme — werden auch den Nachkommen übermittelt. Unsere geistigen Anlagen wachsen also in bereits vorhandene Formen hinein, und diese Formen zwingen den Geist in bestimmte Richtungen des Denkens und Handelns. Nicht zu übersehen ist, daß sich der Gedankengang der Juden mehr als zwei Jahrtausende innerhalb der vier Pfähle ihrer Religionswissenschaft bewegt. Dieses Volk des Buches hat durch die Bibel alle Völker und deren Kultur befluchtet, die Grundlagen der Ethik geschaffen und die Wohlfahrt aller Menschen angestrebt Juden waren mit ihren Ideen oft dem Geiste der Zeit vorausgeeilt. Aber wegen ihres Weitblickes und ihrer Voraussicht und der dadurch bedingten Einstellung zur Gegenwart die Juden als zersetzend und urcstürzlerisch zu bezeichnen, ist weniger logisch und mehr bösartig. Dem Judentume wohnen in hervorragendiem Maße aufbauende Tendenzen inne, und seine Bekenner sind hauptsächlich dort anzutreffen, wo sittliche Ideen verfochten und unters Volk gebracht werden sollen. Daher sind auch die Juden im Grunde ihres Wesens von demokratischer Weltanschauung und Staatsauffassung erfüllt Schrifttum, Geschichte und seelische Entwicklung erklären die heutige politische Einstellung der Juden. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Der „Deutsch-österreichischen Tageszeitung" ist ein peinliches Mißgeschick widerfahren. Sie hat in der Hitze des Gefechtes ihren spärlichen Lesern die Wahrheit versprochen, weshalb sie, von den Parteigrößen im Stich gelassen, dazu gezwungen wurde, als Tagesblatt zu verschwinden und jetzt nur noch, wenn es dunkel wird, als spätes Abendblatt erscheinen kann. Anläßlich des Prozesses, den die „Neuesten Wiener Nachrichten" gegen ihren Schriftleiter Polifka führen, hat die „Dötz", wie sie versichert, nicht von grausamem Rachedurst gequält oder gar von niedrigem Neid, sondern bloß von idealer Wahrheitsliebe getrieben, allerlei aus der Schule geschwätzt, was sie im Interesse der Partei lieber hätte verschweigen sollen. Dabei ist der „Dötz" aber auch zwischen den Zeilen das Bekenntnis entschlüpft, daß man sie habe fallen lassen, weil . . . weil, nun weil sie den leitenden Persönlichkeiten der Partei nicht genug geistreich erschienen sei. In ehrlichem Deutsch heißt das: „zu albern", „zu niedrig", „zu roh". Die „Dötz" meint demgegenüber, ein echtes Antisemitenblatt müsse so sein wie sie oder gar nicht sein. Darin hat sie eigentlich nicht ganz unrecht. Wenn eine Zeitung sich nicht in rohen Lügen und blöden Beschimpfungen über die Juden austobt, hält man sie gleich für ein Judenblatt. * * * Ward je ein Mensch noch so verkannt, wie der Diplomkaufmann Körber, dessen Name bei allen Hochschulkrawallen genannt wird? Mußte man nicht glauben, er sei der Führer der Hakenkreuzler, die mit Knütteln bewaffnet, jüdischen und sozialistischen Studenten die Lehre von der höheren arischen Ethik einbläuen wollen? Die Studentin Irma Frisch scheint von diesem Irrwahn derart befangen gewesen zu sein, daß sie — wie sie in einer Klage vor Gericht ausführte — sich sogar zu der Behauptung hinreißen ließ, Herr Körber habe gelegentlich der Exzesse in den Räumen der Hochschule ihr die Hand ausgerenkt, und sie, als er sie roh anpackte, unter den auch von mehreren ehrenwerten in der Nähe gestandenen Zeugen gehörten Zurufen „Saujüdin" gewaltsam in die Aula geschleppt. Herr Körber erklärt diesen Beschuldigungen gegenüber, daß gerade das Gegenteil von all dem wahr sei. Er habe in der höflichsten, ritterlichsten Weise mit der Dame gesprochen, sie zart bei der Hand gefaßt, um sie aus dem Gedränge zu ziehen und vor etwaigen Belästigungen erregter Studenten zu schützen. Und gar was die Titulatur „Saujüdin" betrifft, berief sich Herr Körber nicht nur auf seine vornehme Denkungsart, die ihm grundsätzlich die Beleidigung einer Dame verbiete, sondern auch auf die Aussage zahlreicher Kollegen, die diesen Ausruf nicht gehört hätten. Man muß Herrn Körber unbedingt zugeben, daß nur ein roher Flegel mit der Titulatur „Saujüdin" herumwirft und man kann auch ohne weiteres annehmen, daß nicht alle, die bei einem Krawall anwesend sind, jedes Wort, das dabei gesprochen wurde, hören mußten. Ueber jeden Zweifel steht aber fest, daß ein Student, der sich nach der eigenen Aussage des Herrn Körber trotz seines sonst bei jeder Gelegenheit betonten Hakenkreuzlertums gerade in einem kritischen Moment einer jüdischen Studentin gegenüber so hochherzig benimmt, in Zukunft gegen jede Verkennung gefeit sein sollte. * * * Wie schön wäre es gewesen, wenn die jüdische Studentin, ergriffen von der Selbstverteidigung des Herrn Körber, reuig alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen widerrufen und ihn unter Tränen, die einem Mädchen, auch wenn sie Medizin studiert, leicht in die Augen treten^ feierlich um Verzeihung gebeten hätte! Wie erhebend hätte es gewirkt, wenn dann der Rechtsanwalt der Jüdin, gleichfalls von der siegreichen Macht der Wahrheit überwältigt, Herrn Körber als den deutschen Jüngling gepriesen hätte, der inmitten der aufregenden Szenen, die sich in den Räumen der Hochschule abspielten, unter dem veredelnden Einflüsse, den die Wissenschaft auf ihre echten Jünger übt, trotz der politischen Gegensätze, sich als Beschützer einer jüdischen Kollegin bewährt. Aber nichts von all dem geschah. Die Klägerin blieb bei ihrer Aussage. Und ihr Rechtsanwalt schreckte sogar, von alttestamentarischem Rachedurst getrieben, vor dem Antrage nicht zurück, den Beweis erbringen zu wollen, daß Herr Körber geradezu habituell Beschimpfungen wie „Saujude" und „Saujüdin" im Munde führe. Die Verhandlung wurde „vertagt" und der Richter erklärte, sich die Beschlußfassung über diesen und noch einige weitere Anträge des Verteidigers vorzubehalten. Eines darf aber schon heute gesagt werden: Falls wirklich nachgewiesen würde, daß Herr Körber gewohnheitsmäßig mit „Saujud" und „Saujüdin" herumwirft, dann wäre die vornehme, ritterliche Haltung, die er gegen die klageführende jüdische Studentin bewahrt haben will, um so bewunderungswürdiger. * * * Die Verhandlung gegen den Oberleutnant Kmety, „einen der besten Offiziere Horthys", hat mit einem verblüffenden Urteile geendet. Der Staatsanwalt hatte die grauenhaften Beschuldigungen, die gegen diesen Sadisten erhöben worden waren, als zweifellos erwiesen angenommen. Er hat es auch dem Angeklagten ins Antlitz gesagt,