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Die Wahrheit · 1927-03-25 · Heft 13 (25.3.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 13 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite wenn er dieses an sich edle Streben durch einen ganz unverständlichen und unverzeihlichen Schritt derart profanierte, daß er dabei an sich, an sein Haus, an seine Abstammung, an seine Tradition und an seine Stellung vergaß. Die niedrige Handlungsweise der amerikanischen Frau ist gewiß verächtlich und verbrecherisch, aber sie wäre n i e in die Lage gekommen, sich in das Leben und die Familie dieses Mannes einzudrängen, wenn er sie nicht durch sein Vorgehen und seine sträfliche Sorglosigkeit dazu ermutigt hätte. Denn sie ist ein Weib mit einer Furiennatur, deren Ehrgeiz vor nichts zurückschreckt und die gar nichts zu verlieren hat. Er aber mußte wissen, daß er seinen Ruf, seinen vermeintlichen Ruhm und damit seine Stellung und seine Existenz auf das Spiel setzte. Und dieses Spiel, das er wegen einer vagen Erbschaft wagte, war ein verwegenes, war ein Vabanquespiel! Der Gang des alten Rabbi zum amerikanischen Standesamt war für Ihn ein Gang ins Verderben. Er vernichtete auf diesem Wege mit unverständigem Sinn ein Stück altehrwürdiger Tradition, einen wohlgehüteten Nimbus von Jahrhunderten. Dabei warf er sich selbst ohne jede Ueberlegung von einer Höhe herab, auf die ihn, wenn auch primitiver Glaube eines Volksteils gestellt hat. Damit hat er aber auch dem wahren Chassidismus, der ihm dafür gewiß keinen Dank wissen wird, einen Stoß versetzt, an dem er noch lange zu kranken haben wird. Die Töchter dieses Mannes, der ihnen eine recht große Mitgift erraffen wollte, haben der Frau mit den drohenden Enthüllungen viel Geld, wertvollsten und ältesten Familienschmuck hingeworfen, um den guten Ruf des Hauses und damit ihren guten Ruf zu retten — aber der einmal gereizte Hunger dieses Weibsteufels wollte viel, viel mehr. Sie wollte die alte Frau des Rabbi beiseite schaffen und — sich selbst an ihre Stelle setzen. Der Advokat, der die Erpressungsanzeige machte und gar nicht ahnen konnte, was für einen ekeligen Prozeß er damit heraufbeschwor, sagte: Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Der Schrecken, dieser grause Schrecken des nimmersatten Gelderraffens hüben und drüben hat aber damit noch lange kein Ende gefunden. Hier aber hat er eine klaffende Bresche in die ängstlich behütete Mauer des Chassidismus gerissen. Und dieser skandalöse Riß ist — vielleicht — der Anfang vomEnde. Demokratie und Judentum. Von Bezirksrat Dr. Koloman Freuder. Die Geschichte der Zivilisation ist mit der Geschichte der Juden innig verbunden. An allen geistigen, ethischen und sozialen Bewegungen haben Juden mitgearbeitet, und ihr Emfluß hat den Fortschritt der Menschheit immer mächtig gefördert. Trotzdem ist wie vor Jahrhunderten auch heute die Mitwirkung der Juden am zivilisatorischen Leben der Völker nirgends sonderlich erwünscht. Ihre Neigung zum Radikalismus, die Betonung des Prinzipiellen, impressionistisches Denken, kritischer Geist und Unterstreichung der Individualität erwecken mancherlei Widerspruch. Offenbaren nicht diese Eigenschaften auch geistig Geeinte, so werden sie nur einem kleineren Kreise bekannt, die große Masse lernt solche Eigenari erst dann kennen, wenn Fragen des Alltages die Gemüter erregen. 1 Peyi'l AM Laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners SIMON SCHREIBER aus Erlau VerläOlich Koscher ■ in Friedensqualität erzeugt von ■ 2 HEINRICH FRANCK SÖHNE | ■ Kaffeesurrogatfabrik, Linz a. d. D. £ ■ bei fede m S ■ Kauf m cm n n S ■ zu haben! S TaaliiiiiiiiigiiiBiiiiiiiiHiiiiiiuiiiMS Und das ist ganz besonders in der Politik der Fall. Die Politik setzt sich aus geistigen, ethischen und sozialen Elementen zusammen, sofernc ihr eine moralische Auffassung zugrunde gelegt wird. Nur Idealismus und fanatische Wahrheitsliebe veranlassen die rücksichtslose Verbreitung konservativer oder fortschrittlicher Gedanken. Der Volksmenge ist diese Geistigkeit nicht leicht verständlich, nach ihrer Anschauung haben Politik und Moral miteinander nichts zu tun, in der Pulitik gibt es keine Sittlichkeit und könnte es keine geben. Eine Behandlung politischer Fragen liegt ihr nicht und rasch ist sie mit dem Vorwurfe umstürzlerischer oder zersetzender Tätigkeit zur Stelle. Dieser Vorwurf trifft aber bestimmt nicht zu. Der Jude hat immer von dem Reiche der Gerechtigkeit auf Erden geträumt Und wen* der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit ein jüdischer Gedanke ist, gehören manche Juden radikalen Parteien an, huldigt die Mehrheit der Juden politisch freieren Anschaungen, und begeistern sich alle Juden leicht an ethischen sowie kulturellen Fragen. Das geschieht zwangsmäßig, aus ihrer Keimanlage heraus. Die mehrtausendjährige Geschichte, ihr grandioses Schrifttum, ihre Psychologie erklären das Eintreten der Juden für alle Verfolgten und Bedrückten, den Kampf für die Menschenrechte. Bibel und Propheten haben Geist und Schicksal des Judentums bestimmt, die Juden stehen daher unter dem unüberwindlichen Triebe ihrer erblichen Belastung, wenn sie die Grundsätze ihrer heiligen Schriften auf der Erde verbreiten wollen. Die moderne Vererbungslehre hat die Gesetze festgestellt, denen nicht nur körperliche, sondern auch geistige Eigenschaften durch die lange Reihe zahlloser Generationen folgen. Sie hat den Begriff der Erbmasse geschaffen. Das ist die Summe vererbbarer Anlagen der Vorfahren, aus der sich die leibliche und seelische Physiognomie der Nachkommen aufbaut und zusammensetzt. Die einzelnen Bestandteile dieser Erbmassen tauchen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder nach unverrückbaren Regeln in den Individuen auf. In der Keimzelle sind alle Gehirneinprägungen (die sogenannten Engramme) der Vorfahrenreihe aufgespeichert. Reize, die auf das Nervensystem einwirken, lagern dort gewisse Eindrücke ab. Diese Einprägungen werden beim Wiederauftreten derselben oder eines analogen Reizes zu bestimmten Hirntätigkeiten, respektive Bewußtseraszuständen, verarbeitet. Nun

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