Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 13 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064312--15292-3088068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JlllSÜÜÜÜiüliüllülillllüüWillüllI DIE WAHRHEIT mentlich Baronin von Eskeles und Baronin von Pereira, ihm huldigten und ihm seine Kompositionen vorspielten; dies wäre wohl nur ein geringfügiger Zug im Leben dieses Heros. Ebensowenig wäre hervorzuheben, daß Giacomo Meyerbeer Beethoven nähertrat, an der Aufführung einer von diesem komponierten und geleiteten Symphonie als Künstler teilnahm und den Klavierauszug des „Fidelio" bearbeiten konnte. Dies wären kaum erwähnenswerte Tatsachen. Eine andere Begebenheit, die dem Judentum und namentlich dem jüdischen Künstlertum zur besonderen Ehre gereicht, soll hiermit der Vergessenheit entrissen werden. In einer der schwersten Perioden seines Lebens lernte Beethoven in einem jüdischen Künstler alle jene Tugenden kennen, die man sonst dem Judentum und namentlich den kunstbeflissenen Söhnen desselben strittig zu machen versucht: neidlose Anerkennung des Größeren, verehrungsvolles Sichbescheiden, verbunden mit rücksichtsvoller Hilfsbereitschaft. Im Jahre 1827 — dem Todesjahre — befand sich Beethoven in tiefster Not. Er war nicht bloß von Familienkummer und Krankheiten, sondern auch von Nahrungssorgen bedrückt und der Verzweiflung nahe. Seine Gönner und Verehrer scheinen ihn vergessen zu haben. Da griff Ignatz Moscheies ein. Dieser, als Sohn eines jüdischen Kaufmannes in Prag (30. Mai 1794) geboren, war ein hervorragender Klaviervirtuose und Komponist, der es längst verdient hätte, von jüdischer Seite näher gewürdigt zu werden. Moscheies stand in London auf der Höhe seines Ruhmes und unternahm von dort aus Konzertreisen nach dem Kontinent und so auch nach Wien. Trotz der Triumphe, die er feierte, empfand und anerkannte er den Abstand, der zwischen Beethoven und ihm herrschte. Statt der „jüdischen Vordringlichkeit", von der unsere Gegner fabeln, zeigte Moscheies Bescheidenheit und tiefste Ergebenheit gegenüber dem Genie Beethovens. Als er vom traurigen Schicksal desselben erfuhr, veranlaßte er die philharmonische Gesellschaft in London, dem schwerkranken Beethoven hundert Pfund zu senden und, um dessen Selbstbewußtsein nicht zu kränken, zu bemerken, „dies geschehe ä conto des sich vorbereitenden Konzertes". Beethoven nahm die Hilfe mit besonderem Danke entgegen und richtete, sonst schroff in seinem Wesen, ein Schreiben an Moscheles, in dem er bemerkte: „Ihr edles Benehmen wird mir unvergeßlich bleiben," und fertigte es als „Ihr Sie hochschätzender Freund Beethoven." Der französische Schriftsteller Romain Rolland berührt diesen Vorfall in seiner Biographie Beethovens mit den Worten: „Wäre nicht die Großmut von ein paar englischen Freunden gewesen, so hätte das Elend auch seine letzten Stunden verfinstert." Ein anderer Biograph (Alfred Christian Kalischer, Beethoven und Wien, B. IV., S. 59) schildert eingehend das Vorgehen Moscheies und bezeichnet es „als den letzten Lichtstrahl, der das Dunkel der letzten Jahre Beethovens noch erhellte". Für das Judentum und seine Künstler bedeutet diese Begebenheit aus dem Leben Beethovens ein Ehrenzeugnis, das bei der Säkularfeier des Heros nicht unerwähnt bleiben soll. Der Prozeß von Radymno. Von Dr. Heinrich Landau, Wien. Was sich da vor dem Erkenntnissenat des Kreisgerichtes Przemysl in einem tagelangen Strafprozeß vor den Augen aller Welt — denn es waren sehr viele Zeitungen, auch aus Amerika durch Spezialberichterstatter vertreten — abgespielt hat, ist keineswegs eine pro-domo-Angelegenheit des Wunderrabbis von Radymno, sondern dieser Prozeß hat wie ein heftiges Beben das Gemäuer des alten Chassidismus schwer erschüttert. Rabbi Spiro aus Radymno, der eine große Mitgift für seine heiratsfähigen Töchter braucht, fährt nach Amerika, wohnt bei einem guten Bekannten, dessen Frau ihn bewirtet, hat großen Zuspruch bei seinen Anhängern in Amerika und heimst tausende Dollars ein. Sein Freund, bei dem er wohnt, stirbt bald und nun beginnt dessen Witwe ein ränkevolles Spiel. Sie weiß dieses verderbliche Spiel soweit zu treiben, daß ihr der alte Rabbi — er ist Mitte der Sechzig — der selbst eine Frau und neun Kinder zu Hause hat, durch Zureden, durch Versprechen ihres Vermögens und vielleicht auch durch Drohungen, denn der Rabbi sagte als Zeuge, daß ihm die Frau sogar einen Revolver vorhielt, in ein amerikanisches Amt folgt, wo eine Art Ehe eingegangen wird. Der Rabbi behauptet, daß diese Ehe wegen der falschen Form ungültig ist. Frau Slate Rubin, dies der Name des teuflischen Weibes, weiß aber den Goldfisch in ihren Netzen zu halten. Sie schreibt dem Rabbi, der inzwischen mit viel Geld in seine Stadt zurückgekommen ist, daß sie — die mehr als Sechzigjährige! — von ihm ein Kind hatte, dieses abtreiben ließ, dann aber, daß sie doch ein Kind hatte, von dem sie sogar ein Bild schickt, und noch andere unmögliche Dinge, schließlich aber kommt sie selbst nach Radymno und weiß durch alle möglichen Drohungen und Einschüchterungen Geld und von den Töchtern teueren Schmuck und alte Perlen herauslocken, bis ein zu Rate gezogener Advokat die Anzeige wegen Erpressung macht. Am 11. März d. J. wurde Frau Rubin nach sensationellen, aufregenden und tagelangen Verhandlungen zu sechs Monaten verschärften Kerker, Landesverweisung und Rückgabe des Geldes und Schmuckes verurteilt. Die Strafe wurde aber b edingt aufgeschoben, so daß diese Frau formell frei ist. Die drei Erkenntnisrichter Polens haben mit dieser Markierung des Urteils dem Chassidismus und einem seiner offiziellen Vertreter ein ernstes Memento zugerufen. Es liegt in dieser bedingten Verurteilung ein nicht mißzuverstehender Vorwurf gegen den alten Rabbi, der für einen Augenblick — damals als er, zwar mit einer Mentalreservation, aber doch zu einem Zivileheamt ging — vergessen hat. daß er auf einer höheren Warte stehen muß als diejenigen, die seine Anhänger sind, und daß dieser Glaube eines Volksteiles an seine höhere Mission ihm auch eine reine, einwandfreie und unantastbare Lebensweise vorschreibt. Sein Streben, seinen Töchtern eine stattliche Mitgift zu verschaffen und seinen Kindern zu einer besseren Position zu verhelfen, ist gewiß nicht zu tadeln, wohl aber muß man es ihm sehr übelnehmen,