Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 13 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DDE WAHRHEIT fertig bedroht zu sein schien. Da löste ein olympischer Zorn seine Spannung. * Das Judentum weiß noch nicht, was dieser Mann ihm für Dienste geleistet hat. Seine Schriften deuten diese Leistungen nur an. Kiew 1912/13. Das Schicksal des unschuldigen B e i 1 i s ist von der zaristischen Regierung anscheinend entschieden. Paul Nathan läßt nicht locker. Leo Motzkin, Bernhard Kahn sind unermüdliche, gewandte Helfer. Dem albernen Gutachten des Nervenarztes, Professor Sikorski, das auf „Ritualmord" hinauslief, wird eine untadelige Sammlung von Gutachten erster nichtjüdischer Fachautoritäten entgegengestellt. Sie fällt für Sikorski vernichtend aus. Eine Erklärung der führenden Geister Deutschlands gegen den Wahn des Ritualmordes erscheint. Beglaubigte Abschriften wichtiger päpstlicher Bullen müssen aus der vatikanischen Bibliothek beschafft und—das weit Schwierigere — ungefährdet den Kiewer Verteidigern, die russischen Grenzen passierend, zugestellt werden. Es gelingt auch das. Jubel und Glück in Kiew, als Beilis endlich als unschuldig befunden, als wieder einmal die jüdische Lehre von dem eklen Vorwurfe, Christenblut zu fordern, gereinigt war. Wer hat damals Paul Nathan gefeiert? * Empfindungen und Gefühle zwang er in sich hinein. Das leuchtende Schulwerk des Hilfsvereins der deutschen Juden im Orient, vor allem in Palästina, James Simons, Bernhard Kahns und vor allem seine Lebensarbeit zertrat der Allvernichter Krieg. Im Heiligen Lande sollte 1914 das Technikum in Haifa eröffnet werden und den planmäßigen Aufbau, der vom Kindergarten an einsetzte, krönen. Welche Gefühle haben wohl diesen Mann durchwogt, als er klar die erschütternde deutsche Niederlage erkannte? Selten kam ein Wort über seine Lippen. Die Initiative des Fünfundsechzigjährigen, sein Bedürfnis, zu helfen und seine einzigartigen Erfahrungen nicht brach liegen zu lassen, trieben ihn wieder auf den Plan. Großzügige Siedlungspläne in Rußland wurden entworfen, Verbindungen angeknüpft. Seine letzte größere Schrift aus seiner gepflegten Feder gilt dem Problem, an dem er ein Leben lang geschafft: „DemProblem der O s t j u d e n". Keine grauen Theorien birgt sie, nein, praktische Hilfsvorschläge zur wahren Linderung der entsetzlichen Not. Heute steigt wehmütige Freude auf, daß auch seine letzte große Reise nach Sowjetrußland gerichtet war, um mitzuberaten, wie die traurige Lage der Juden im Osten entscheidend zu bessern sei. Herzlich und verehrungsvoll wurde er überall aufgenommen. * Am 25. April wollten wir alle seinen 70. G eburtstag feiern. Große öffentliche Ehrungen sind ihm selten zugefallen. Er suchte ihnen zu entgehen. Der 70. Geburtstag, der 25. April, sollte ein allgemeiner Freudentag werden. Der 15. März ist dafür zum Trauertag geworden. Wer wagt es, die Vorsehung zu tadeln? Schweres Siechtum, das er nicht mehr erkannte, hatte den Feuergeist getroffen. * In dem Vorwort zu den „Erinnerungen" seines Meisters und Freundes LudwigBamberg e r schreibt PaulNathan: „Wie wissenschaftliche Erkenntnis und reiche Erfahrungen, die wechselvolle und großangelegte Verhältnisse lieferten, zusammenschlössen und sich harmonisch verbanden; wie diese Individualität von den feinsten künstlerischen Reizen des Lebens noch mehr als von der Kunst angezogen und erzogen wurde, um dann im persönlichen Verkehr, als Schriftsteller und als Redner mit solchen künstlerischen und weltmännischen Reizen ausgestattet, zu wirken; und wie dieses Leben trotz seiner heiteren Genußfreudigkeit und seiner Vorurteilsfreiheit im tiefsten Innern auf sachlichen Ernst, auf echt menschliche Anteilnahme und auf Liebe zum Vaterlande, zu moderner Humanität und Freiheit gestimmt blieb — das zeigen die Erinnerungen." Damit hat Paul Nathan seinen eigenen Nachr u f geschrieben Alfred Wiener. Johannes von Bloch, der wirkliche Urheber der Haager Friedenskonferenzen. Von Blnjamin Segel. (Schluß.) Als mit dem Regierungsantritt Alexander III. die Aera der Pogrome anfing, trat an Bloch öfters die Aufgabe heran, sich mit der Judenfrage zu befassen. Zunächst bemühte sich die Regierung, die Pogrome nach Polen zu verpflanzen (der erste Versuch hierzu wurde Ende Dezember 1881 unternommen, mißlang aber kläglich), sodann wurden Maßregeln getroffen, Polen und Juden gegeneinander aufzuhetzen. Hierin zeichnete sich besonders der Generalgubernator Graf Gurko aus, der, einer polnischen Familie entstammend, als echter Renegat seinen ehemaligen Volksgenossen nach Kräften zusetzte. Gegen diesen harten und grausamen Satrapen führte Bloch einen ständigen Krieg. Kurz nach dem Erlaß der beiüchtigten Maigesetze, die das Wohnrecht der Juden in Rußland arg beschränkten und unablässige Austreibungen ermöglichten, plante die Regierung, dieselbe „Ordnung" auch auf Polen auszudehnen. Im Ministerium ließ man aber Bloch wissen, daß das Unheil gegen die Entrichtung eines Bakschisch von einer Million Rubel abgewendet werden könnte. Bloch organisierte eine Sammlung, stellte sich mit einem namhaften Betrag an die Spitze, und bald war die nötige Summe beisammen, die das Herz der Petersburger Gewalthaber milder stimmte. Als später ausländische Juden, die sich nicht taufen lassen wollten, massenhaft aus Rußland ausgewiesen wurden, gebrauchte Bloch seinen Einfluß in Petersburg, um von vielen das Schicksal abzuwenden. Im Jahre 1885 beauftragte ihn die vom Ministerium des Innern unter Vorsitz des Grafen Pahlen einberufene Kommission zur Ueberprüfung der Judengesetze mit der Abgabe eines Gutachtens, welches er unter dem Titel „Pachtung und Erwerb von Grund und Boden durch die Juden" auch im Druck erscheinen ließ. Die Schrift machte großes Aufsehen. Aber der reaktionäre Kurs wurde durch die genannte Kommission nicht aufgehalten. Für Bloch war das Gutachten der Ausgangspunkt zu einer Untersuchung im großen Stil über die Judenfrage im russischen Reiche. Die Frucht dieser Arbeit war das im Jahre 1901 zu Petersburg in russischer Sprache gedruckte fünfbändige Werk: „Vergleich des wirtschaftlichen Lebens und der sittlichen Zustände innerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons und im übrigen Rußland." Blochs Ausführungen gestalteten sich zu einer vernichtenden Anklage gegen die russische Judenpolitik. Daß dieses Buch der Regierung des Herrn von Plehwe sehr unbequem werden konnte, ist klar, zumal Bloch inzwischen durch sein Werk über den Krieg eine europäische Berühmtheit geworden war. Da geschah ein Wunder: In der Druckerei brach Feuer aus, just in dem Saal, wo die soeben fertiggestellten Exemplare aufgestapelt waren, und vernichtete sie sämtlich bis auf fünfundzwanzig, die an den Verfasser