Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 13 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT timmmmmmmmammmmmmmm* wmmm seiu 3 unsinnigsten Anschauungen eine gefühlsmäßige Wirkung ausübt. Es ist das Geheimnis der Reklame, daß von solchen immer wieder verkündeten Sätzen eine faszinierende, fast hypnotische Wirkung ausgeht, die schließlich geistige Zustimmung erzwingt. Wenn es so gelungen ist, einer großen, großen Schar unserer nichtjüdischen Mitbürger Anschauungen zu suggerieren, die vor dem Urteil der Geschichte, der Gerechtigkeit und des klaren Menschenverstandes in nichts zerrinnen, um wieviel mehr müßte es uns glücken, dieWahrheitüberdas Wesen des Judentums und seiner Bekenner zu verbreiten, die jeder noch so peinlichen Nachprüfung standhält. Daß uns das aber nicht möglich ist, liegt daran, daß bei uns der Wert und die Notwendigkeit einer systematischen Aufklärungsarbeit noch vielfach verkannt werden. Paul Nathan. Erste Gedanken bei seinem Tode. Weist nach einem französischen Worte der Stil des Menschen Art aus, so verraten das Heim, in dem er seine Tage verbringt, die Dinge, mit denen er sich umgibt, noch schärfer seine Lebenslinie. Das alte Berliner Patrizierhaus in der Altonaer Straße, das Paul Nathan die letzten fünfzehn Jahre bewohnte, hatten erlesener Geschmack, edler Kunstsinn und eine Fülle bedeutsamer Erinnerungen zu einem harmonischen Ganzen gestaltet, das jedem Besucher die überragende geistige und politische Bedeutung des einzigen Bewohners unabsichtlich zutrug. Bilder, Zeichnungen, Bildhauerwerke Menzels und Liebermanns, Gabriel v. Maxens und Strucks, Klingers und Meuniers weihten die Räume. Die feine Büste Ludwig Bambergers überschaute mit klugem und mildem Blick die erhebende Weite gewonnen hat, zum Ausdrucke gebracht. Darum lehrte der Talmud: „Wer sich der Entweihung des göttlichen Namens schuldig macht, dem hilft keine Buße, kein Versöhnungstag, keine Heimsuchung, nur der Tod befreit ihn von seiner Schuld." Dieses strenge, fast harte Wort, wie wir es sonst in unserem Schrifttume nicht bald finden, beweist nur, wie sehr das Judentum Wert darauf legt], daß es selbst nicht durch die Taten und Handlungen seiner Bekenner leiden soll. Warnt doch Abtalion in den Sprüchen der Väter: „Weise, seid vorsichtig mit euren Worten" und begründet die Warnung: „es könnte der Name Gottes entweiht werden." Das Wort der Tora: „Zurechtweisen sollst du deinen Nächsten" hat seine Berechtigung darin, daß kein Jude ruhig zusehen soll, wenn ein anderer Glaubeiisgenosse eine unrechte Tat tut, um nicht mitschuldig zu werden. Denn „alle Israeliten sind für einander Bürgen" hedßt: sie haften moralisch, sittlich für einander wegen der Pflicht, Chülul haschem zu verhüten. Darum definiert der Talmud am treffendsten das Wort, wenn er sagt: „Ueberall, wo sich Glaubensgenossen ob des Leumunds eines Juden schämen müssen, ist das ein Chillui haschem." Die Erziehung eine ganzen Volkes zu dem Ziele, sich über die gute, große Tat eines einzelnen zu freuen, Stolz zu empfinden, über die unehrenhafte Tat des einzelnen Scham und Reue in der Gesamtheit zu fühlen, ist eine ethische Leistung ersten Ranges. Und nur, wieil dieses Wort aus den stillen Büchern, aus der toten Sprache als lebendiger Bestandteil des Denkens und Fühlens wirklich geistiges, seelisches Gemeingut des Volkes geworden ist, konnte es seine Erzieheraufgabe so hervorragend erfüllen. Es ist der Mentor, der gute Genius des jüdischen Volkes geworden, und hat auch der Jude manchen Fehler, manche Schwäche, so hat er den großen Vorzug: Er hütet sich vor Chiilul haschem — und alle ausnahmslos verurteilen ihn. eines mächtigen Bibliothekzimmers. Die roten Lederbände der Gesamtausgaben französischer Klassiker, einst in Ludwig Bambergers Bibliothek, die schlicht gebundenen Werke der englischen Nationalökonomen, die umfangreiche Sammlung französischer Literatur, der gesamte Satz der Wochenschrift „Nation", in denen Theodor Barth und Paul Nathan mit einem Kranz ausgezeichneter Mitarbeiter Mustergültiges an politischer, literarischer und künstlerischer Publizistik niedergelegt hatten, zierten es; griechische Vasen, merkwürdig keck gestaltete antike Köpfe, hier ein Holzgeschirr aus Island, dort ein orientalischer Reiseschreibtisch, wurden bei der Fülle der Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die jedes freie Plätzchen bedeckten, leicht übersehen. Zahlreiche Photographien füllten Wände und Tische. Neben den sich stets mehrenden Bildern von Angehörigen und treuesten Freunden wiesen andere die vielen und festen Fäden auf, die Paul Nathan mit maßgebenden Männern und Frauen des letzten halben Jahrhunderts verbanden. Virchow und Mommsen hängen da. Karl Schräder, Heinrich Rickert, Karl Aldenhoven, wiederholt Theodor Barth. Jakob Schiff, der verstorbene amerikanische großzügige Förderer jüdischer Hilfsarbeit, und noch viele andere. Einige Photographien aufpeitschender russischer Pogromschrecknisse wollte der Hausherr nicht entfernen lassen. — Ein kalter Schauer weht heute durch die hohen Räume. Der ihnen Leben und Sinn gab, der sie mit seinem Geist erfüllte, schlummert nebenan friedlich in die Unendlichkeit. Das ist das Heim eines Grandseigneurs, eines weitgereisten Diplomaten der alten Schule, schloß der kluge Besucher, auch wenn er den Bewohner noch nicht kannte. So war es. Ritterlichkeit, aufrichtige Liebenswürdigkeit, unbedingte Zuverlässigkeit, vollendete Akkuratesse, Eleganz des Wortes, Feingeschliffenheit der Unterhaltung, großzügige Gastlichkeit anderen gegenüber, für sich selbst aber von einer schlichten, fast kargen Lebensführung. In Lagen, wo es hart auf hart zu gehen drohte, — in solche Lagen geriet er auf dem Balkan, in Kleinasien, in Palästina — war er von stärkster Kaltblütigkeit und unerschütterlichem Gleichmut. Und dann diese uns Jüngere beschämende Kenntnis des nationalökonomischen, geschichtlichen, politischen führenden deutschen und ausländischen Schrifttums, nicht minder der schönen Literatur; stets bereit, seine Rede mit Zitaten aus erster Hand — französische liebte er bezeichnenderweise — zu beleben. Er war ein Diplomat, er war ein echter Politiker. Keiner der viel zu vielen, die große Reden losließen. Einer der seltenen jüdischen Deutschen, der musterhaft die Taktik des politischen Kampfes beherrschte, der, um sein Ziel zu erreichen, alle die Kleinkampfmittel der Politik glänzend einzusetzen verstand, bis das Ziel erreicht war, Bei allem entschiedenen Auftreten besaß er ein verbindliches Entgegenkommen, eine Ruhe und Sachlichkeit, die ihn bei seinen vielen Unterhandlungen mit Herrschern, Ministern und Politikern Erfolge bescherten. Nur einmal bebte sein Zorn durch eine Unterredung. Das war, als im Jahre 1913 die gefährliche Entwicklung der jüdisch-palästinensischen Schulen ihn im Kern traf und ein Werk, dem er viele heiße Stunden seiner Lebensarbeit bestimmt hatte, leicht-