Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 13 (25.3.1927)
- Date
- 1927-03-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 illlH DIE WAHRHEIT \ hätten wie die Superklugen unserer Tage, wenn sie die Welt nicht darüber aufgeklärt hätten, daß die Juden keine Brunnen vergiften, keine Christenkinder schlachten, keine Hostien schänden, keine Meineide von 'Religions wegen leisten, und zwar deshalb nicht aufgeklärt hätten, weil man ja doch keinen Erfolg sehen könne, wären wir heute bestimmt noch viel weiter zurück, als es der Fall ist. Und wenn einer den Einwand macht, daß das Verschwinden vieler dieser Anschuldigungen keineswegs auf die jüdische Arbeit, sondern auf den allgemeinen Fortschritt humanitärer Ideen zurückzuführen sei, so vergißt er, daß solcher Fortschritt nicht von allein kommt, und daß das jüdische Mühen eben ein zwrar kleines, aber immerhin sehr wirksames Glied der vorwärts und aufwärts weisenden Kulturbestrebungen war. Die Aufklärungsarbeit unserer Tage muß gleiche Selbstlosigkeit beweisen. Das Antlitz der Zeit ist ein anderes geworden. Es sind heute nicht mehr die religiösen Fragen allein, die im Mittelpunkt der Interessen stehen, und so ist auch der Antisemitismus mehr ein politischer und ein wirtschaftlicher geworden. Und jetzt gilt es, Aufklärung zu verbreiten über die Rolle der Juden inderPolitikundinderWirtschaft. Und wie es einst sich wehren galt gegen den Vorwurf der fiostienschändung, muß man sich heute dagegen wenden, daß die Juden ein „zersetzendes" Element im politischen Leben seien, daß sie internationale Verschwörungen gegen ihre Heimatstaaten anzetteln, daß sie das Kapital beherrschen und ihre Macht zum Schaden der Andersgläubigen mißbrauchen, daß sie die Presse in ihrer Hand haben und was der Vorwürfe mehr sind. Gewiß wird mancher bei solcher Abwehr ein unbehagliches Gefühl verspüren. Die Anschuldigungen sind teilweise so töricht, daß man seiner Würde etwas zu vergeben meint, wenn man Feuilleton „ Chillul haschem." Von Dr. V. Kurrein. „Ich heilige meinen großen Namen, den entweihten, unter den Völkern, den ihr in ihrer Mitte entweiht habt . . ." Ez. 35, 23 Der alte Brauch, daß derjenige, der durch die Berührung mit Totem unrein geworden ist, durch die Besprechung mit dem Entsündigungswasser wieder rein wurde, ist ebenso wie das ganze Rituale mit der roten Kuh längst geschwunden, aber die Erinnerung daran wird von der Synagoge mit besonderer Absicht für den „Para" benannten Sabbat festgehalten. Wie einst der Israelite nur im Zustand levitisoher Reinheit, d. h. frei von Götzendienst, Heidentum und allem, was dem Geiste der Religion des Lebens widerspricht, die Wallfahrt nach Jerusalem, zum heiligen Tempel antreten durfte, so sollte sich auch in späterer Zeit, ohne Opfer und Tempel, der Israelite stets einer geistigen, seelischen Reinheit befleißen. Daß der Sabbat und seine Lehre tatsächlich so aufgefaßt wurde, bekundet deutlich der Prophetenabschnitt, den die Synagoge für ihn bestimmt hat Die Rede, die Ezechiel Israel verkündet hatte, und die seither Jahr für Jahr an diesem Sabbate in allen Gotteshäusern verlesen wird, ist das Schönste und Herrlichste, was über wahre Religion des Geistes und Herzens der Menschheit gesagt wurde, ist aber gleichzeitig eine gewaltige, erschütternde Anklage gegen alle jene, welche sich ohne Gott und Religion nur dem irdischen, selbstsüchtigen Wandel hingeben. Es ist ein furchtbarer Vorwurf, dan der Prophet im oft niedrig und albern denkende Gegner bekämpft. Feiner organisierte Seelen fühlen auch ein deutliches Mißbehagen, wenn sie im Eifer des Abwehrkampfes jüdische Verdienste etwas zu deutlich betonen müssen. Und dieses unangenehme Empfinden steigert sich noch, wenn man sich beispielsweise der Zahl der im Weltkriege gefallenen jüdilschen Soldaten rühmt und dadurch reines Heldentum zu einem politischen Kampfmittel macht. Es hilft aber nichts! Wer siegen will, muß dem Feinde folgen, er muß ihn auch in übel duftenden Sümpfen bekämpfen. Und er wird — so sehr er es bedauert — oft den Gegner mit denselben Waffen angreifen müssen, die er selber benutzt. Aufklärungmußganzsystematisch verbreitet werden! Wirkliche Arbeit muß geleistet werden, und sie bedingt, daß ein möglichst umfassender Kreis von Menschen möglichst oft und möglichst regelmäßig bedacht wird. Diese Arbeit können die wenigen Männer, die an führendem Platze stehen, nicht allein leisten, sondern dabei muß jeder Mann, jede Frau und jeder Jugendliche nach seinen Kräften und inseinemKreisemit wirken. Die unbedingt erforderliche Konsequenz der Bemühungen bringt es übrigens mit sich, daß in der Aufklärungstätigkeit das gedruckte Wort, das jeden erreicht, eine weit größere Rolle spielt als das gesprochene, das nur von einem kleinen Kreise in Versammlungen vernommen werden kann. Wie hier vorgegangen werden muß, soll man vom Gegner lernen. Es dürfte keinen deutschen Beamten und Richter, keinen Lehrer gegeben haben, der nicht während der Glanzzeit der völkischen Bewegung allwöchentlich antisemitische Aufklärungsschriften erhalten hätte. Die Judenfeinde spekulierten ganz richtig, wenn sie nach dem Grundsatze, daß steter Tropfen den Stein höhlt, damit rechneten, daß die stete Wiederholung auch der Namen Gottes ausspricht: „Mein großer Namen ist unter den Völkern entweiht, und ihr habt ihn bei ihnen entweiht." Chillul haschem, Entweihung des göttlichen Namens wird Israel rückhalts- und rücksichtslos entgegengeschleudert, und geschehen ist dieser Frevel durch Götzendienst, Wandel und Handlungen, in dessen Gefolge, die gleichsam den heiligen Boden verunreinigten, und mehr noch als das, auch draußen in der Zerstreuung unter den Völkern. Man muß in jüdisches Denken und Fühlen eingelebt sein, um den vollen Umfang des Wortes Chiälul haschem zu erfassen, und nicht leicht wird sich bei anderen Nationen oder Religionen eine Auffassung finden, die diesem jüdischen Begriffe vollkommen entspricht Denn der Jude haftet gewissermaßen mit seilnem Denken und Fühlen, mit seinem Tun und Wandel für seine Religion und seinen Gott, und wenn die Tora sagt: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich", so hat das Judentum für die Erfüllung dieser Forderung seine eigene Existenz geradezu eingesetzt. Die Gedankenwelt des Juden bewegt sich stets in einer gewissen Nähe zu seinem Gotte, und weil die Lehre dieses seines Gottes den Juden alle Wege des Lebens wies, ihn über gut und böse und alles, was er tun oder lassen sollte, belehrte, und weil eine vertraute Beziehung zwischen Gott und L'eben des Juden bestand, gerade darum trägt auch die Religion eine gewisse Verantwortung für die Taten ihrer Bekenner. Wie ein Lehrer für seine Schüler, ein Vater für seiine Kinder, deren Tun und Treiben Verantwortung trägt, so ist es auch bei der Religion Israels der Fall für die Taten Israels. Anderseits lastet aber auch auf Schülern und Kindern die große, heilige Pflicht, ihrem Lehrer oder ihren Eltern Ehre zu machen und ebenso verhält es sich mit Israel und seinem Gotte und seiner Religion. Damit ist der Gedanke und die Auffassung, durch die das Wort vom „Chillul haschem", von der Entweihung des göttlichen Namens so tiefe Bedeutung, so großen Umfang hn Leben des Juden