Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 12 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064311--15282-3088057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Riffln^ IDillllllllii Seite 13 In einem der ältesten und angesehensten österreichischen Verlagsunternehmen, im Universitätsverlag Wagner in Innsbruck, sind u. a. folgende empfehlenswerte Bücher erschienen: Ursprung und Herkunft der Reformideen Kaiser Josefs II. auf kirchlichem Gebiete. Von Dr. Georgine Holzknecht (Heft 11 der Forschungen zur inneren Geschichte Oesterreichs, herausgegeben von Prof. Dr. A. Dopsch). 108 S., 1914. Die Autorin trägt viel neues Material zusammen: Staatsratsakte, die josefinische Flugschriftenliteratur u. a. m., und löst die aufgeworfene Frage trotz Mannigfaltigkeit der sie bestimmenden Faktoren vollständig. Das Toleranzpatent kann in dieser Arbeit natürlich nur gestreift werden und trotzdem sehen wir es in neuem Licht. Die Advokatur in der Türkei. Von Dr. Wladimir Pappajawa. 38 S., 1908. Die Broschüre ist nicht nur dem Fachmann interessant; sie zeigt die Entwicklung der Gesetzgebung und der Advokatur in der Türkei auf, die Gerichtsorganisation, das Verfahren und den Instanzenweg u. a. m. Vieles ist noch heute gültig. Usama ibn Munkidh: Die Memoiren eines syrischen Emirs aus der Zeit der Kreuzzüge — vom Pfarrer Schumann aus dem Arabischen übersetzt —, waren ursprünglich „Buch belehrender Beispiele" betitelt, denn sie sollten einer religiösen Jugend einer fernen Zeit, dem damals kriegerischen Volke der Araber Beispiele für die Heldentaten ihrer Väter im 11. Jahrhundert geben. Wir haben keine zusammenhängende Geschichtsdarstellung vor uns, sondern vielfach weitschweifige, doch bunte Kulturbilder, Kriegs- und Jagdgeschichten, Heldensagen und religiöse Erzählungen. Stellenweise scheint es uns, in den Märchen aus 1001 Nacht zu lesen. Wer den Orient kennt, wird dies Buch doppelt lieben, denn auf Schritt und Tritt begegnen ihm bekannte Namen, Orte, Bilder. Wir glauben Novellen zu lesen — und lesen Geschichte. Geschichte der Staatstheorie. Von Ludwig Gumplowicz. 564 S., 1926. Wer Gumplowicz ist und zu welcher Bedeutung seine Ideen in aller Welt gelangt sind, braucht nicht erst gesagt zu werden. Das vorliegende Buch ist nicht veraltet und nicht durch Besseres ersetzt; es enthält die Geschichte der Staatswissenschaft: das vorchristliche Altertum, das christliche Europa, das Zeitalter der Revolutionen werden dargestellt, die einzelnen Staaten, führenden Persönlichkeiten und Ideen, bis in die letzte Zeit. Interesse mag u. a. das Kapitel über „Israel" erwecken. Gumplowicz sieht im Gegensatz zwischen Kirche und Staat im alten Palästina das Vorbild für die Geschichte der christlichen Staaten Europas und für die Auslassungen der Kirchenväter und Päpste gegen Kaiser und Könige. Auch der Laie vertieft sich gerne in die von Professor Salomon herausgegebene Neuausgabe dieses Standardwerkes. Grundlehre des Sollens. Von Professor Dr. Karl Wolff. 214 S., 1924. Das Buch bringt zugleich eine Theorie der Rechtserkenntnis, wendet sich also gleichermaßen an Juristen und Philosophen und bildet das Fundament der allgemeinen „Normwissenschaft": der Begriff des „Sollens" wird hier zu einer selbständig dastehenden „normativen Disziplin" (wie etwa Rechtswissenschaft, Grammatik) entwickelt. Nach gründlicher Abgrenzung der Bedeutung des Wortes „Soll" wird ein System aller Begriffe und Urteile gegeben, die das Wesen der normativen Wissenschaften ausmachen; schließlich wird der Versuch unternommen, die einzelnen hierhergehörigen Disziplinen abzugrenzen, wobei (und das ist höchst bedeutsam!) bisher strittige Frage aus dem Gebiet der Jurisprudenz einer eindeutigen, endlichen Lösung zugeführt werden. Das System bildet nicht nur „logisch" ein geschlossenes Ganzes, sondern wird auf „letzten Tatsachen" aufgebaut. Es ist eine wissenschaftliche Leistung, die uns vorliegt, und jedem Wissenschaftler, der auch ein vielleicht (durch das zu behandelnde Thema bedingtes) „trockenes", weil streng sachliches Buch lesen kann, zu empfehlen. Er wird daraus reichen Nutzen ziehen. Die „Welt des Sollens" ersteht vor uns in klarster Form; Professor Wolff legte in seiner „Grundlehre" das Fundament für sie. r. s. Methode Mertner: „Französisch für Deutsche." Psychotechnischer Spracherwerb auf mechanisch-suggestiver Grundlage. Verlag für zeitgemäße Sprachmethode, München. 58. Auflage. Ebenso wie das in diesen Blättern bereits rezensierte Werk „Englisch für Deutsche" (außerdem ist Italienisch und Spanisch erschienen), sind die vorliegenden Hefte wärmstens jedem Sprachlernenden zu empfehlen. Für mich steht fest, daß die Methode Mertner die beste, leichteste und billigste unter allen existierenden ist! —f—n. Von Wo&e %u WoAc^M ...........niiHmiMiniu.....................................••••mm..........*'^ \mf \ Dr. Paul Nathan | Unmittelbar vor Redaktionsschluß trifft uns die erschütternde Nachricht vom Ableben eines Vorkämpfers für die Rechte der Juden in Deutschland, eines der intellektuellen und politischen Führer des deutschen Judentums, unseres geschätzten Freundes und Mitarbeiters, Dr. Paul Nathan, der Dienstag, den 15. d. M., kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres einem Schlaganfalle erlegen ist. Wir werden in der nächsten Nummer unseres Blattes eine Würdigung der hervorragenden Persönlichkeit Dr. Paul Nathans, einer Zierde des deutschen Judentums, bringen und wollen heute, in der Stunde des Abschiedes unserem Freunde nur den aufrichtigsten Dank sagen: Dr. Paul Nathan, wir danken Dir für das,* was Du uns und unserem Blatte gewesen bist. Der Gedanke an Dich und Dein Werk wird uns die Kraft geben, auszuharren im Kampfe gegen eine Welt von Feinden, im Kampfe für Recht, Freiheit und Gerechtigkeit, welchen Idealen Du Deine ganze Liebe und die unermüdliche und aufopfernde Arbeit Deines so reichen, vorbildlichen und edlen Lebens gewidmet hast! Hugo Sonnenfeld gestorben. Das deutsche Judentum hat einen großen Verlust erlitten. Einer seiner geistigen und politischen Führer, Hugo Sonnenfeld, ist Dienstag, den 1. März 1927, verschieden. Seit Jahrzehnten gehörte er dem Vorstand des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an, seit vielen Jahren als der Stellvertreter des Vorsitzenden. In den Zeiten der berüchtigten Prozesse, welche mit dem Namen der Stadt Könitz in Verbindung stehen, war das deutsche Judentum durch gewissenlose Vergiftung der öffentlichen Meinung in schlimme Gefahr geraten. Damals stand Hugo Sonnenfeld in heiliger Begeisterung für Wahrheit und Recht seiner so bitter bedrohten Gemeinschaft in aufopferungsvollster Weise bei. Tag und Nacht, Wochen und Monate hat er als echter Vertreter seines Standes, als treuer Jude und guter Deutscher im Dienste der von ihm als gerecht erkannten Sache gewirkt und geschafft. Klugheit und Charakterstärke. Rechtschaffenheit und Selbstlosigkeit fanden sich in seiner Person in einem Maße vereinigt, daß diese als die Idealgestalt des deutschen Juden bezeichnet werden kann. Hugo Sonnenfeld war ein Kämpfer, ein ehrlicher Streiter für Recht und Gerechtigkeit, für seine Ueberzeugung und für die Ehre des deutschen Judentums. Uneigennützigkeit und Treue waren die Gedanken, von denen er sich in diesem Kampfe leiten ließ. Das österreichische Judentum weiß den schweren Verlust seiner reichsdeutschen Glaubensbrüder zu schätzen und entbietet diesen den Ausdruck wärmsten Mitgefühls und innigster Teilnahme. — Mittwoch, den 2. März, mittags 1 Uhr, fand die üeberfiihrung der sterblichen Reste Hugo Sonnenfelds von seiner Wohnung in der Klopstockstraße nach Weißensee statt. Vorher hatte sich eine stattliche Trauergemeinde um die tiefgebeugte Gattin Hugo Sonnenfelds versammelt, um Abschied zu nehmen. Unter Führung des ersten Vorsitzenden des Centraivereins, Justizrats Dr. Julius B r o d n i t z, war eine große Anzahl Mitglieder des Hauptvorstandes erschienen. Eingeleitet wurde die Trauerfeier durch eine Predigt des Leiters der Chewra Kadischa, Rabbiners Dr. L i n k. Alsdann nahm Justizrat Brodnitz, innerlich tief bewegt, das Wort, um den Verstorbenen als Führer des Centraivereins in seinem Leben und Streben, das durch den kategorischen Imperativ der Pflichterfüllung beherrscht worden sei, zu würdigen. Dann sprach Justizrat Chodziesner im Namen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und der Jüdisch-liberalen Vereinigung. Für die liberale Fraktion der Berliner Repräsentantenversammlung rief Emil P i n k u s dem Verstorbenen Abschiedsgrüße nach. Eine Strecke Weges folgte die Trauerversammlung dem Sarge. Die Beisetzung fand Sonntag, den