Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 12 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 «liil«^ DIE WAHRHEIT und trat erst während seiner Studienzeit zum Christentum über. Eine antisemitische Partei in England. Vor kurzem wurde in England eine neue politische Partei gegründet, welche sich Verteilerpartei nennt und den Schutz des Kleinbauern, Handwerkers und Kaufmannes zur Aufgabe gestellt hat. Die Gründer dieser Partei, welche einen ausgesprochenen antisemitischen Charakter besitzt, sind die nicht unbekannten Schriftsteller Chesterton und Be 11 oc, die auf diesem Wege sowohl den Sozialismus als auch den Kapitalismus bekämpfen und dem „kleinen Mann" auf die Beine helfen wollen. Die Parteigründer huldigen einer j ü d ividualistisch - demokratisch kathalischantisemitischen usw. Weltanschauung, und sind—selbstverständlich — heftige Gegner des Parlamentarismus, offenbar deshalb, weil sie auf diesem Wege kaum'zu irgendwelchem politischen Einfluß gelangen können. Doch England ist kein Boden für antisemitische Hetzereien und auch der bei uns soviel genannte „kleine Mann" spielt in diesem klassischen Land der Demokratie und des Parlamentarismus eine viel geringere Rolle als in den kontinentalen Staaten. Pontius soll er heißen. In einem kleinen Städtchen Westfalens hat sich folgende wahre Geschichte abgespielt. Ein dort ansässiger Jude bekam einen Sohn und ging sogleich auf das Standesamt, um den neuen Erdenbürger anzumelden, und zwar wollte er ihn mit dem altjüdischen Namen B e n z i o n in das Register eintragen lassen. Der Standesbeamte verweigerte jedoch die Eintragung unter diesem Namen und trug statt diesem den neugeborenen Judenknaben eigenmächtig unter dem Namen Pontius in das Register ein. Dem über diese merkwürdige Namensgebung einigermaßen erstaunten Vater wurde folgender Grund für diese Eintragung angegeben: In Deutschland müsse jedes Kind einen deutschen Vornamen haben und könne daher nur mit einem deutschen Namen in das Register eingetragen werden. Benzionaber heiße auf deutsch Pontius! Daß Pontius auch kein deutscher, sondern ein lateinischer Name ist, darüber glaubte sich wohl der philologisch gebildete Standesbeamte hinwegsetzen zu können; er diktierte ganz einfach aus eigener Machtvollkommenheit: das Kind müsse Pontius genannt werden! Wir wissen nicht, ob er hierbei an den einstigen römischen Landespfleger in Palästina gedacht hat, dessen Vorname Pontius war und der sich ebenfalls eine ganze Reihe von Eigenmächtigkeiten gegenüber den Juden erlaubt hat, oder ob es ihm nur darum zu tun war, den derzeitigen römischen Machthaber zu imitieren, der durch eines seiner Dekrete nicht nur die Vorsondern auch die Familiennamen seiner Untertanen festgesetzt hat Jedenfalls mußte der „glückliche" Vater von Pontius bis zu Pilatus laufen, bis es ihm gelang, sein Knäblein von dem ihm aufgezwungenen Vornamen zu befreien. Staatliche Anerkennung des jüdischen Eherechtes in England. Das Londoner Ehegericht unter dem Vorsitz von Lord M e r r i v a 1 e erklärte eine Ehe für ungültig, da der Gatte Kohen sei und die Gattin vor Schließung der Ehe eine geschiedene Frau war. Begründet wurde die Entscheidung damit, daß nach dem jüdischen Gesetz die Ehe zwischen einem Kohen und einer geschiedenen Frau ungültig sei. Der Dajan F e 1 draann war als Zeuge geladen, um auszusagen, daß der Gatte ein Kohen sei Plan einer Gesamtorganisation der jüdischen Vereinigungen Frankreichs. Der bekannte Gelehrte Dr. Victor Bäsch, Professor an der Sorbonne und Vorkämpfer für den Schutz der Menschenrechte, der sich schon seit längerer Zeit um die Schaffung einer Gesamtorganisation der jüdischen Vereinigungen Frankreichs eifrig bemüht, hat das Präsidium des vorbereitenden Komitees der „F6d6ration des S o c i 61 e s juives de France" übernommen, als deren nächstes Ziel er die Errichtung eines Jüdischen Hauses in Paris bezeichnet Dieses soll ein repräsentatives Zentrum für alle jüdischen Organisationen und Institutionen bilden. Der Gelehrte richtet nun auch einen Appell an alle jüdischen Organisationen in ganz Frankreich, sich zu einem einheitlichen Verband zusammenzuschließen, beziehungsweise der schon bestehenden „Föderation" beizutreten. Prof. Bäsch bezeichnet als Aufgabe der von ihm geplanten ,Gesamtorganisat i o n, alle jüdischen Kräfte, die sich auf religiösem, sozialem und kulturellem Gebiete betätigen, zusammenzufassen und zu vereinheitlichen. Bisher haben sich 60 jüdische Organisationen bereit erklärt, einer solchen Gesamtorganisation beizutreten. Jß*»* >/»»»M»l»HIHIMMH»««»MH»»MMIMIHI»»»MMIHIIMMH«IMMM*»lfH»#M#iaM«M^ J***% (ftkeatev, Mimst u. Xiteratuv >l **••...................................................,............................... W. St. Reymont: Die Empörung. (Rhein-Verlag, Basel.) Eine Apotheose der Freiheit, der Revolution, aber nicht der Revolution des Wortes und nicht der Parteipolitik. Groß, gewaltig, den Elementen gleich ist die Erhebung der Tiere gegen den Menschen. Der Fesseln der Zensur ledig, kann Reymont den Gefühlen freien Lauf lassen, nun, da er sich ins Reich der Tierwelt geflüchtet hat und hierher alles überträgt, was ihm, den Menschen zu sagen, am Herzen lag. Der Hofhund Rex, einst der Liebling des Herrn, wird nach dessen Tod verjagt, ans Gesinde verschenkt, mißhandelt, geprügelt, soll von seinen früheren Kameraden, den Jagdhunden aufgespürt werden, und er weiß genau, daß ihm eine Kugel zugedacht ist. Da flieht er in die Wildnis und ein Vertriebener, Heimatloser trägt er den Gedanken der Empörung unter die Tiere des Waldes und dann auch unter die Haustiere. Der Kampf gegen den Erbfeind Mensch beginnt und nach langem Ringen bleiben die Tiere Sieger. Aber sie haben entsetzliche Verluste erlitten. Rex führt sie alle ins Land der Verheißung, in dem es keine Unterdrücker, keinen Menschen gibt. Schwer und dornig ist der Weg dahin, die Hindernisse und Gefahren der Umwelt, die Mißgunst und Intrigue im eigenen Lager machen ihn zum Leidensweg für die kaum der Knechtschaft Entronnenen. Die „freigeborenen" Wölfe dünken sich mehr und besser als die anderen Tiere und ihr Gehaben gibt den ersten Anstoß zum Zweifel. Entbehrungen ausgesetzt, sehnen sie sich wieder zurück zum Trog, zum Menschen. Alle Qualen der Vergangenheit, alle Ideale der Zukunft sind vergessen, der Magen spricht. Sie töten Rex, der sich ihnen entgegenstellt und sie an feiger Rückkehr hindern will. Sie brauchen einen Herrn, sie suchen den Menschen, sind aber auch glücklich, nur einen Gorilla zu finden und fühlen sich wohl, wieder Untertanen sein zu dürfen. Feinste Tierpsychologie liegt in all diesen Handlungen und doch fühlt man oft erschauernd nah hinter diesem und jenem Tier dessen menschliches Ebenbild. Dieses Werk krönt Reymonts Schaffen dauernder und erhabener, als der ihm verliehene Nobelpreis. Dr. Hans Kronengold. „Das neue Europa". Herausgeber und Chefredakteur Dr. Paul Hohenau. Das eben erschienene zweite Heft des XIII. Jahrganges dieser in internationalen, politischen und Wirtschaftskreisen gut akkreditierten Revue, deren ausgedehnter Leserkreis sich ständig vermehrt, bringt eine Reihe von Artikeln prominenter Staatsmänner, Diplomaten und Politiker. Von ganz besonderem Interesse für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, sind namentlich die Ausführungen des Direktors im Handelsamte von Washington, Dr. Julius Klein, der sich scharf gegen die Monopolisierung der Rohstoff Produktion wendet; über die politische Lage in Frankreich spricht S. Ferdinand Lop, Paris, mit Verständnis; über die innere Zersetzung des Bolschewismus, der bekannte politische Schriftsteller Dr. M. S z t e r n in klarblickender Weise. Bedeutende Aufmerksamkeit werden die hochinteressanten Ausführungen des ehemaligen Unterstaatssekretärs Arthur P o s o n b y, Mitglied des englischen Unterhauses, bei allen Pazifisten finden, ebenso die Erklärungen des chinesischen Delegierten Tschao-Hsin-Tschu, die durchaus friedlich und entgegenkommend gehalten sind Der Artikel über das neue P e r s i e n und seine Bündnisse von „D a r i u s", Pseudonym eines angesehenen persischen Staatsmannes, spricht von der neuen Dynastie und dem großen Aufschwünge dieses heute viel umworbenen Staates. Die staatsmännischen Aeußerungen des Grafen B e t h 1 e n dürften weitreichende Beachtung finden, zumal die Königsfrage in entschieden klarer Weise erörtert wird. Im Artikel des Kapitäns z. S. L. P e r s i u s sind chronologisch interessante Feststellungen wegen der Abrüstungsfrage und Haltung Coolidges aneinandergereiht. Die mitteleuropäischen Wirtschaftskreise werden mit lebhaftem Interesse die Ausführungen des Präsidenten der Prager Messe V. B o h a c, lesen. Von außerordentlicher Bedeutung sind die Friedensworte Aristide B r i a n d s, wie sie in dieser Klarheit und Offenheit bisher von einem französischen Staatsmann überhaupt noch nicht gesprochen wurden. Der Artikel, der des Grafen V o 1 p i glänzenden Aufstieg und seine Finanzpolitik behandelt, schließt die Reihe der Aufsätze. Auslieferung: Wien IX., Türkenstraße 9.