Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 12 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT wmmmmmmmmmmsmm Den Rektor, welcher auf die Nachricht von den Krawallen sofort in die Aula kam, um Ruhe zu stiften, herrschte ein Hakenkreuzler an: „Wer sind Sie den eigentlich?" Er wollte offenbar damit sagen, daß Hofrat Gruntzel an der Hochschule, deren Rektorat er bekleide, nichts zu reden habe, wenigstens nichts, was den hakenkreuzlerischen Unruhestiftern nicht gefällt. Der also — wir hätten beinahe gesagt — gemaßregelte Rektor sah sich gezwungen, vor den Nachstellungen der Hakenkreuzler in die Oeffentlichkeit zu flüchten, um seine Verfolger vor aller Welt zu brandmarken. Hofrat Gruntzel teilt mit, daß diejenigen, welche die letzten Ueberfälle auf die Hochschule für Welthandel veranstaltet haben, derselben Truppe angehören, welche auch die jüngsten Krawalle an der Universität und Technik hervorgerufen habe. Es ist dies eine hakenkreuzlerische Garde, die sich Ehrenlegion nennt und auf einem der Gemeinde Wien gehörigen Platze Exerzierübungen veranstaltet. Wahrscheinlich werden daselbst auch die Sturmangriffe auf die einzelnen Hochschulen sowie die Ueberfälle auf wehrlose Studenten und Studentinnen geprobt. Wir fragen, ob es in einem Rechtsstaate möglich ist, daß ein Student oder gar ein Diplom-Kaufmann alltäglich Sturmangriffe auf Hochschulen und Hochschüler veranstaltet und diese Sturmangriffe unter den Augen der Behörden vorbereitet und auf einem öffentlichen Platze eingeübt werden. Wann endlich werden gegen den Haupturheber der Krawalle, gegen Robert K ö r b e r, diejenigen Maßregeln ergriffen werden, die ihn zur Respektierung der österreichischen Gesetze veranlassen sollen? Mit der Erteilung einer „Rüge" seitens der akademischen Behörden oder der Erlassung eines „Hausverbotes" gegen diesen Herrn dürfte kaum der akademischen Räuberromantik ein Ende bereitet werden können. Auch mit einer Disziplinaruntersuchung dürfte in diesem Falle nicht viel getan sein. Da müssen wohl wirksamere Maßregeln ergriffen werden. Eine merkwürdige Begebenheit. Verschiedene ausländische Blätter bringen einen Bericht der Wiener „Arbeiter-Zeitung" folgenden Inhalts: Eines Tages wurde der Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde von Salzburg von der Sicherheitsbehörde verständigt, daß sich im Leichenhause eine unbekannte j üd i s c h e Leiche befinde, und zwar handle es sich, soweit man aus dem äußeren Habitus des Verstorbenen und aus den vorgefundenen Papieren schließen könne, um einen während einer Reise plötzlich verschiedenen Juden. Der Kultusvorsteher begab sich sofort in das Leichenhaus und besichtigte dort den Toten, der tatsächlich den Habitus eines Juden hatte und auch beschnitten war. Unter den bei dem Leichnam gefundenen Papieren war ein auf Leon Zucker lautender Paß, einiges Bargeld in fremden Valuten und eine Fahrkarte zweiter Klasse. Auf Grund dieser Tatsachen erklärte der Vorsteher der Kultusgemeinde, die Leiche zu übernehmen, und sicherte sich in einem aufgenommenen Protokoll für alle Eventualitäten, daß der Verstorbene etwa doch gegen den äußeren Anschein nicht der jüdischen Religion angehöre. Die Leiche wurde im jüdischen Friedhofe von Aigen, das eine Gehstunde von Salzburg entfernt liegt, beerdigt. Einige Wochen nach dieser Begebenheit hält vor dem Hause des Kultusvorstehers ein stattlicher Wagen und ihm entsteigt zum allgemeinen Staunen ein katholischer Missionsbischof. Er war ein Engländer namens I s a c s o n, und erklärte, daß er der Neffe des verstorbenen Leon Zucker sei. Er überrascht den Kultusvorsteher mit der allerdings verblüffenden Mitteilung, daß der auf dem jüdischen Friedhofe in A i g e n begrabene Leon Zucker geweihterPriester der katholischen Kirche sei, und erzählt zur Erklärung seiner Mitteilung folgende Geschichte: Leon Zucker sei in der Tat als Jude geboren worden, jedoch in England zu einer katholischen Sekte übergetreten, welche sich besonders mit der Bekehrung von Juden beschäftigt. So habe er auch ihn, den nunmehrigen Bischof, zum Christentum überführt. Nachdem nun der Bischof das Geld und die Dokumente des Verstorbenen in Empfang genommen hatte, wurde beraten, was in diesem Falle zu geschehen habe. Der Kultusvorsteher war sowohl mit dem Weiterverbleiben der sterblichen Reste des katholischen Priesters auf dem Judenfriedhofe, als auch mit deren Exhumierung einverstanden, konnte aber begreiflicherweise die Aufstellung eines christlichen Leichensteines auf dem jüdischen Friedhofe nicht dulden. Die Verhandlungen zwischen dem Kultusvorsteher und dem englischen Bischof, welche in jüdischem Jargon geführt wurden, führten zu keiner Einigung und so fuhr der Bischof unverrichteter Dinge wieder davon. — Soweit der Bericht der „Arbeiter-Zeitung". Wir haben über diese gewiß sehr sonderbare Angelegenheit an zuständiger Stelle eingehende Informationen eingeholt und können nunmehr HijnnniiimnuinHimniunHmmitinnmnuHiniiHHiinüniannuimTimuHnHnHumniMnifi^ Seite 11 auf Grund der uns gemachten Mitteilungen die Angaben der „Arbeiter-Zeitung" vollauf bestätigen. Der Obmannstellvertreter der Chewra-Kadischah kann sich noch ganz genau an jenen, immerhin schon viele Jahre zurückliegenden Vorfall erinnern. Merkwürdigerweise ist Leon Zucker, der, wie aus dem Gräberplan des Friedhofes hervorgeht, im Grab 6 der Gruppe A beigesetzt wurde, nicht in die Sterbematrik der Salzburger Kultusgemeinde eingetragen. Die polnischen Legionen gegen den Antisemitismus. In K i e 1 c e fand vor einiger Zeit im Beisein des Marschalls und Oberstkommandierenden Pilsudski ein Kongreß der polnischen Legionäre statt, zu dem etwa 5000 Delegierte aus allen Teilen Polens erschienen waren. In einer seiner Entschließungen sprach sich der Kongreß in feierlicher Form gegen die antisemitische Bewegung in Polen aus. Der Hauptreferent sprach mit großer Entrüstung über die Untaten der polnischen Antisemiten und warf der polnischen sozialdemokratischen Partei vor, daß sie sich vom Antisemitismus nicht rein zu erhalten versteht. Während der unter der Leitung Pilsudskis abgehaltenen militärischen Parade näherte sich der Marschall einem jüdischen jungen Mann in Zivilkleidem, der in den ersten Kämpfen der Legionen so schwer verwundet worden war, daß ihm ein Bein amputiert werden mußte. Pilsudski erkannte seinen ehemaligen Legionär und küßte ihn. Der jüdische Invalide brach vor Rührung in Tränen aus. Der Vorgang machte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck. Der hohe sittliche Ernst des Judentums. Zwei wertvolle unbekannte Briefe Rudolf E u c k e n s des vor kurzem verschiedenen hervorragenden Philosophen und ausgezeichneten Menschen veröffentlichte der Frankfurter „Israelit". Wir geben aus den Briefen die folgende kennzeichnende Stelle wieder: .....Seien Sie überzeugt, daß ich das Judentum mit seinem hohen sittlichen Ernst und seiner bewunderungswürdigen Lebensenergie aufrichtigst schätze, ja verehre, daß mir namentlich die Propheten und die Psalmen bei meiner Lebensarbeit stets gegenwärtig sind. Auch habe ich von Jugend auf freundschaftlichen Verkehr mit Bekennern des Judentums gehabt (ich wurde als Knabe immer gelegentlich des Laubhüttenfestes eingeladen) und unter meinen jetzigen Freunden und Gesinnungsgenossen habe ich ihrer eine stattliche Zahl. (Wissen Sie übrigens, daß Bergson in Paris, wohl der bedeutendste philosophische Systematiker der Gegenwart Jude ist? Ich werde ein Vorwort zur deutschen Ausgabe seines Hauptwerkes, der Evolution oneatride, schreiben.) So betrachte ich die geistige Bewegung im Judentum nicht als etwas mir Fremdes, sondern ich freue mich ihrer von Herzen. Freilich ist ja, wie Sie wissen, meine Ueberzeugung, daß wir über die geschichtlichen Religionen hinaus zu einer Menschlichkeitsreligion zu streben haben Aber ich verstehe das nicht so, daß die geschichtlichen Religionen in ein vages Allgemeine verschwimmen sollten, sondern so, daß jede der Religionen ihren Ewigkeitsgehalt möglichst energisch herausarbeiten und für das ganze der Menschheit zur Wirkung bringen sollte . . ." Dazu bemerkt der „Israelit": „Wenn wir solchen Größen, die durch ihr Wirken an erhabener Stelle berufen sind, die edelsten Gedanken des reinen Menschentums zu verbreiten, im Leben begegnen, sollten wir es nicht verabsäumen, ihnen Blüten jüdischen Geistesschaffens zu überreichen. Auf dem Wege der allgemeinen Literatur dringen diese nicht zu ihnen. In wissenschaftlichen Werken, am wenigsten in denen der sogenannten Bibelwissenschaft, steht ihr Name nicht verzeichnet. Zu allseitigem Schaden erscheinen jüdische Schriften nur unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, selbst der jüdischen. Da muß man die Gelegenheit wahrnehmen, edlen Geistesfürsten zu zeigen, daß die Weltanschauung, die sie sich selbst errungen, der Weg ist, den die göttliche Wahrheit uns weist . . ." Gegen den polnischen Gesandten in Wien. Verschiedene Hakenkreuzblätter veröffentlichten vor einiger Zeit Schmäh- und Schimpfartikel gegen den polnischen Gesandten für Oesterreich, Karl Bader. Diese Zeitungen melden, Bader sei ein getaufter Jude und habe früher Chaim geheißem Es sei, sagen die Blätter, ein Schimpf für Oesterreich, daß man einen getauften Juden als Gesandten nach Wien gehen lasse. In Wiener christlichen Kreisen, auch in der polnischchristlichen Kolonie herrscht Empörung darüber. In Wiener Regierungskreisen ist man über diese Angriffe gegen den akkreditierten Diplomaten einer befreundeten Macht sehr unangenehm berührt und bemüht sich, die völkischen Organe von weiteren Angriffen abzuhalten. In der Tat ist Karl Bader, ehemals Chaim, in Lemberg von jüdischen Eltern geboren