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Die Wahrheit · 1927-03-18 · Heft 12 (18.3.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 12 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 inißllM^ D1E WAHRHEI1 heilig ist, soll und muß auch uns heilig sein, und deshalb habe ich hohen geistlichen Herren gegenüber meiner Meinung Ausdruck verliehen, daß die Friedhöfe nicht Gegenstand einer Spekulation sein sollen." Bezirksrat Dr. Koloman Freuder sprach in tiefgründiger, historischer Weise über das Thema „Demokratie und Judentum"; seine abseits aller Tagespolitik stehenden gediegenen Ausführungen, denen lebhafter Beifall folgte, veröffentlichen wir ab nächster Nummer fortsetzungsweise. Sie wurden ergänzt durch einige Bemerkungen des Vorsitzenden der Versammlung, Med.-Rat Dr. Heinrich H a a s e, der klassische Beispiele für die demokratische Gesinnung der Juden aus deren Geschichte erbrachte. An der Diskussion beteiligte sich ferner noch der Präsident der „Union", Herr Dr. Jakob Ornstein, der zunächst das den beiden Referaten Gemeinsame hervorhob: die Schätze unserer Bibel und heiligen Bücher. In diesen schon ist das Pietätgefühl, das uns Juden eigen ist, verankert, und dieses macht es uns auch zur Pflicht, die Gräber unserer Vorfahren zu erhalten. Der Redner erwähnte den ältesten Friedhof in Wien, der sich in der Gegend zwischen Wipplingerstraße und Oper befunden hat und bis zum 16. Jahrhundert in Gebrauch stand. Auch diese Gegend also, die unser Fuß so oft im profanen Leben betritt, ist uns heiliger Boden, dort standen einstens die Gräber unserer Vorväter. Und gleiche Grabstätten finden sich, erhalten durch die Fürsorge der Kultusgemeinde, in der Seegasse. Dort neben diesem Ort der Toten befindet sich aber auch das Haus der Lebenden, das Versorgungshaus, in dem alte Männer und Frauen, darunter sogar sehr alte — Redner verwies auf die jüngst verschiedene 104jährige Deborah Löwenthal — ausruhen wollen nach den Stürmen des Lebens. Es hat sich als unumgänglich notwendig erwiesen, daß bald eine Erweiterung des Versorgungshauses, dem eine größere Aufnahme von Personen — derzeit befinden sich dort 330 — nur zum Schaden der Gesamtheit gereichen würde, erfolgt und die Mitglieder der Kultusgemeinde müssen auch hier mitsorgen. An Dr. Lueger anknüpfend, erwähnte Dr. Ornstein, daß seine Nachfahren im Wiener Rathaus leider nicht so einsichtsvoll sind wie er und noch heute trotz wiederholter Vorsprachen und Versprechungen unbillige Forderungen aus dem alten Friedhofsvertrag an die Kultusgemeinde stellen, der wohl juristisch, praktisch aber gar nicht mehr in Kraft steht. Als Präsident der „Union", einer jüdisch-politischen Vereinigung, nahm Dr. Ornstein, ausgehend von dem eines Historikers würdigen Referate Dr. Freuders, auch zu den bevorstehenden Neuwahlen Stellung. Wie immer bei österreichischen Wahlen, tauchen auch heute wieder Schlagworte auf. Es soll nicht schwarz noch rot, sondern aus wirtschaftlichen Gründen lediglich entscheidend sein: Bürgertum und Sozialdemokratie. Die Juden, die zum überwiegenden Großteile bürgerlich wählen, sollen deshalb auch in die große bürgerliche Einheitsfront einbezogen werden. In dieser befinden sich bereits die Christlichsozialen, die Großdeutschen und (zur Zeit der Versammlung! D. Red.) die Nationalsozialisten. Deren neuestes Blatt ist der „Volkskampf", der die „Deutsche Arbeiterpresse" weit in den Schatten gestellt hat, wie überhaupt auch bei dieser arischen Konkurrenz der Erfolg den Sieg entscheidet. Dr. Ornstein verlas unter lebhafter Entrüstung der Zuhörer auszugs weise aus der letzten Nummer dieses Sudelblattes einen Artikel „Handel mit Menschenblut", in dem wegen einer Mazzoth-Annonce und auf Grund eines Buches von Doktor M o m m e r t niederträchtig erlogene Behauptungen aufgestellt werden. In diesem Buche von Dr. Mommert werden 159 Ritualmorde aufgezählt, deren Nachforschung schon auf Grund der völlig vagen Behauptungen unmöglich ist. Die Kultusgemeinde wird in den nächsten Tagen bei Dr. Seipel vorsprechen, um wegen der Haltung des Staatsanwaltes Vorstellungen zu erheben. So tut sie auch hier ihre Pflicht. Die Juden aber seien vor diesen unnatürlichen Weggenossen gewarnt. Möge die große Stunde kein kleines Geschlecht finden! (Stürmischer Applaus.) s9 o Wafkwtkeiten vom (fa^e^ Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei 2K60—, Polen ZI. 11.—, Schweiz Fr. 7.-, Amerikal7»Doll.,Italien Lire 40.—.England Schilling — 15.—.Rumänien Lei 300.—Jugoslawien Dinar 100.— m Ausschreitungen eines Rechtsanwaltes im Gerichtssaal. Eine beispiellose Szene hat sich letzten Samstag während einer Verhandlung des Bezirksgerichtes Favoriten abgespielt, ein Ereignis, welches die Verwilderung der Sitten, welche die antisemitische Hetze im Gefolge hat, in geradezu erschreckendem Maße beleuchtet. In einem Streit zwischen sozialdemokratischen Mietern und christlichsozialen Vertrauensleuten geriet der christlichsoziale Vertreter, Rechtsanwalt Dr. Robert Klimosch (I., Stephansplatz 4) in solche Erregung, daß er eine Aeußerung des gegnerischen Anwaltes als eine „jüdische Provokation" bezeichnete. Der Angefallene ließ die Aeußerung protokollieren und verlangte die Abtretung des Aktes an die Anwaltkammer, wobei er einige im Saal ananwesende Rechtsanwälte als Zeugen namhaft machte. Darauf rief Klimosch: „Sind noch ein paar Juden hier?" Als der Richter das ungehörige Benehmen des antisemitischen Rechtsanwaltes vor Gericht rügte, rief Dr. Klimosch: „Wien gehört den Christen und nicht den Juden!" Die Verhandlung wurde hierauf abgebrochen. Die Rechtsanwaltskammer wird sich nun mit der Frage zu beschäftigen haben, ob antisemitische Exzesse, wie sie sich Herr Dr. Klimosch einem Berufskollegen gegenüber geleistet hat, mit der Standesehre eines Rechtsanwaltes vereinbar sind, und die Antwort, die sie darauf erteilen wird, dürfte auch außerhalb des Kreises der Rechtsanwälte der vollsten Beachtung teilhaft werden. Denn weder das rechtsuchende Publikum, noch auch seine rechtskundigen Beistände können das Einreißen von Zuständen im Gerichtssaale wünschen, durch welche Anwälte gezwungen werden, außer den Interessen ihrer Klienten, auch ihre eigene Ehre gegen antisemitische Invektiven zu verteidigen. Hochschulkrawalle. In der letzten Nummer haben wir uns mit den Ausschreitungen der hakenkreuzlerischen Hochschüler an der Hochschule für Welthandel, die sich vor allem gegen den Rektor dieser Hochschule, Hofrat Prof. Dr. Gruntzel, richteten, beschäftigt und unseren diesbezüglichen Bericht mit folgender Bemerkung geschlossen: „Sollte der Rektor Gruntzel sich nicht doch veranlaßt sehen, dem Beispiele seines Kollegen von der Universität zu folgen und sich dem Terrorismus der hakenkreuzlerischen Studentenschaft zu fügen, dann lehnen diese schon jetzt die Verantwortung für alle Folgen, die sich aus dieser seiner Haltung, ergeben könnten, ab." Diese offene Drohung der Hakenkreuzler ließ für die nächstfolgende Zeit nichts Gutes vorausahnen und schuf an der Welthandelshochschule eine gewitterschwüle Atmosphäre. Denn ein kleines Häuflein hakenkreuzlerischer Hochschüler unter Führung des bekannten Robert Körb er terrorisiert andauernd diese Hochschule. Als nun im Anschlagekasten der sozialdemokratischen Hochschüler Herr Körber als „Bummelstudent" bezeichnet wurde, verlangte dieser vom Rektorat die sofortige Entfernung der betreffenden Schrift, doch hatten seine Gesinnungsgenossen noch vor der Intervention des Rektorats aus eigenem Antrieb den Anschlagzettel entfernt. Dies benützte Körb er, dem Rektorat mangelnde Wahrung der Interessen des deutschen Christentums vorzuwerfen. Er behauptete, daß in der Hochschule für Welthandel „der Marxismus und das Judentum großgezogen werden". Hierauf riefen die Demonstranten im Chor: „Juden hinaus!" und „Schlagt die Juden!" und drängten andersgesinnte Hochschüler aus der Aula. Vorher waren einzelne Ruhestörer in Hörsäle eingedrungen, in denen Vorlesungen stattfanden, und sprengten diese Vorlesungen. Dann entfernten sie die Anschlagtafel der jüdischen und sozialistischen Hochschüler aus der Aula und beförderten sie in den ersten Stock. Die Demonstranten, welche nur zum geringen Teil aus Hörern der Welthandelshochschule bestanden, zum überwiegenden Teil jedoch der Hochschule für Bodenkultur und der Technik angehörten, versuchten nun den Studienbetrieb gänzlich zu unterbinden. Inzwischen war Polizei angerückt und sah sich veranlaßt, die Exportakademiestraße zu räumen. Sieben Studenten wurden festgenommen, zur nächsten Wachstube gebracht und werden sich wegen öffentlicher Ruhestörung zu verantworten haben.

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