Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 12 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT 1 Seite 9 Veröffentlichungen der „Union deuf diösf erreidiisdier Juden" Wien IX. £$erggosse % &os*siMurlfcassen- J^ontfo JQTv. 0%<M» fiel. 10-2-77 „ Union"-Versammlung. Mittwoch, den 9. d., fand im Bezirksratsaale des zweiten Bezirkes eine zahlreich besuchte Versammlung der Mitgliedschaft Leopoldstadt der „Union" statt, zu der u. a. viele Mitglieder des Kultusvorstandes unter Führung des Herrn Präsidenten Professor Dr. Alois Pick und zahlreiche Herren des Zentralvorstandes der „Union" mit dem Präsidenten derselben Dr. Jakob 0 r n s t e i n an der Spitze erschienen waren. Der Obmann der Mitgliedschaft Leopoldstadt der „Union" Medizinalrat Dr. Heinrich Haase begrüßte die Anwesenden und hob hervor, daß zu dem schönen Gelingen der Versammlung insbesondere Herr Vorsteher Siegmund Ernst durch seine unermüdliche Werbekraft beigetragen hat. Baurat Wilhelm Kempler ergriff, lebhaft begrüßt, das Wort zu seinem Referat über die neuen Friedhofanlagen der Kultusgemeinde, welches Kapitel eine lange Reihe von Jahren den Kultusvorstand beschäftigt hat, zumal es eine der wichtigsten Angelegenheiten desselben darstellt und nun zur Erledigung kommen soll. Redner erging sich zunächst in allgemeinen Bemerkungen über das Bestattungswesen und betonte, daß die Fürsorge für die Toten seit den ältesten Zeiten eine Angelegenheit von solcher Bedeutung gewesen sei, daß ihr gegenüber andere Angelegenheiten in den Hintergrund getreten seien. Schon das Altertum bietet uns klassische Beispiele für die Richtigkeit dieser Behauptung, wobei Pietät oder Religion die Ursache des fürsorglichen Totenkultus gewesen sind. Redner erwähnte als Beispiel den Totenkult der Aegypter, deren Könige schon am Tage ihres Regierungsantrittes Vorbereitungen für ihre Grabstätten begonnen haben, den der Syrier, Babylonier, Indier, Parsen, Griechen, Römer, Germanen und vieler anderer Völkerschaften. Auch bei den Juden im alten Palästina waren die Maßnahmen für die Toten außerordentlich wichtig. In dieser Zeit schon waren alle Bestattungsarten üblich, die auch heute noch gebräuchlich sind, die Luft-, Feuer- und Erdbestattung, so daß man auch hier sagen kann, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt; lediglich die Erdbestattung vollzog sich bei manchen Völkern in anderer Weise wie bei uns, so gab man bei den Indiern den Verblichenen alle ihnen nahestehenden Lieblingsgegenstände ins Grab mit. Seit dem Auftreten des Christentums im alten Rom wurde die Erdbestattung in erster Reihe bevorzugt, da die Kleriker aller Konfessionen sich gegen die Feuerbestattung wandten. Von dieser Zeit an haben wir auch die ersten Friedhofsanlagen, deren Ausgestaltung sich im Mittelalter, insbesondere zur Zeit der Renaissance, vollzog. Aus dieser Periode finden sich an vielen Orten Prachtanlagen in ästhetischer und künstlerischer Hinsicht, so ist der Friedhof in Genua ein wahrhaftes Freilichtmuseum der hervorragendsten Kunstwerke, auch in Florenz, München und Paris finden sich gleich herrliche Anlagen. Die Juden des Mittelalters haben dieser Entwicklung schon aus religiösen Gründen nicht Folge geleistet, trotzdem sind einzelne der ältesten Friedhöfe, so der in Prag, direkt bewundernswert. Auch in Wien haben wir in der Seegasse einen solchen schönen alten Friedhof, zu dessen Erhaltung die Kultusgemeinde noch heute viel beiträgt. Er dürfte aus dem 16. Jahrhundert stammen und zu einem der ältesten jüdischen Friedhöfe überhaupt gehören; aus dem 16. und 17. Jahrhundert finden sich die ersten Nachrichten von seiner Existenz. Als im Jahre 1671 die Juden aus Wien vertrieben wurden, haben sie aus Pietät für die Gräber ihrer Vorfahren eine Bewachung für den Friedhof erwirkt und für diesen Zweck einen Betrag hinterlegt, aus dessen Erträgnissen die angestellten Wächter bezahlt wurden. Als sie dann später zurückgekehrt sind, wurde auch weiter der Friedhof in Währing benützt, ja sogar noch zweimal erweitert und stand lange Zeit in Verwendung, bis der Belagraum endgültig erschöpft war. Nun galt es, einen anderen Friedhof zu bekommen, und da kam ein Beschluß der Stadtgemeinde Wien zu Hilfe, demzufolge weitere Friedhofanlagen aus sanitären Gründen außerhalb Wiens verlegt werden sollten. Im Jahre 1871 trat die jüdische Gemeinde mit der Wiener Gemeinde in Verhandlungen, deren Erfolg ein Abkommen aus dem Jahre 1872 darstellt, wonach ein Teil des Zentralfriedhofes der Kultusgemeinde überlassen wurde, wohl nicht ins Eigentum, sondern sie hatte lediglich ein Benutzungsrecht für immerwährende Zeiten. Es wurde nach den Plänen des Baurats Stiaßny ein Zeremoniengebäude errichtet, und nunmehr ausschließlich der neue Friedhof verwendet, der jetzt nach fünfzig Jahren vollständig belegt erscheint, so daß nur noch wenige Grabstätten frei sind. Interessant sind diesbezüglich folgende Ziffern: Während es im Jahre 1916 noch 3392, im Jahre 1917 sogar noch 3425 Bestattungen auf dem Zentralfriedhofe I. Tor gab, ist die Zahl derselben im Jahre 1925 auf 843 gesunken. Es setzten nun Versuche ein. neue Friedhofanlagen zu erhalten — diese datieren seit 25 Jahren her —, überall wurde gesucht, so in Aspern und in Ebersdorf, doch stets mit dem gleichen negativen Ergebnis, da sich alle gebotenen Projekte als viel zu klein erwiesen. Endlich gelang es, im Jahre 1911 von dem Besitzer des Hauses Dreher um den Betrag von rund einer Million Kronen die neuen Friedhofanlagen im Ausmaße von einer Viertelmillion Quadratmeter ins Eigentum zu erwerben. Es wurde hierauf die Studienreise einer Kommission zum Besuche der modernen jüdischen Friedhofanlagen anderer Länder unternommen, eine Plankonkurrenz ausgeschrieben, deren Ergebnis war, daß das Projekt des Architekten Oberländer den ersten Preis erzielte, und nach einem Provisorium der neue Friedhof in Verwendung genommen. Der Krieg unterbrach seine weitere Ausgestaltung, später aber wurde eine Plankonkurrenz für das Zeremoniengebäude ausgeschrieben, deren Jury hervorragende christliche Künstler angehörten. Der erste Preis wurde dem beliebten jüdischen Architekten Reiser (lebhafter Beifall) zugesprochen, der Bau selbst an die bekannte jüdische Baufirma Melcher vergeben; seine Kosten belaufen sich auf 1,830.000 Schilling. Tiefen Eindruck machten auf die Zuhörer die Mitteilungen des Herrn Baurats Wilhelm Kempler betreffend tfie pietätvolle Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde für die unglücklichen jüdischen Heldenopfer des Krieges. Zu ihrer Ehrung wird ein D e n k m a 1 in nächster Zeit zur Ausführung gelangen, dessen Entwurf eine Plankonkurrenz unter den Vorsitz des berühmten Professors Holzmeister gebilligt hat. Es folgte hierauf eine instruktive Schilderung der geplanten neuen Friedhofanlagen, welche durch den Hinweis auf das im Saale neben dem Rednerpult aufgestellte anschauliche Modell besonders wirkte. Der Redner selbst schloß seine ausgezeichneten Ausführungen mit folgenden Bemerkungen: Die Errichtung der neuen Friedhofanlagen hat sich als eine unumgängliche Notwendigkeit erwiesen, denn jedem Friedhofbesucher ist es augenfällig aufgeschienen, daß der derzeitige Zustand nicht besonders entsprechend wirkt auf das empfindliche jüdische Gemüt und die jüdische Pietät. Beim Aufsuchen der Gräber muß es einem eindringlich werden, daß diese unantastbar nicht nur in physischem, sondern auch in psychischem Sinne sein müssen. Und wenn uns Mitgliedern der Mehrheit von einem Redner der Zionisten gelegentlich der letzten Budgetdebatte der Vorwurf gemacht wurde, daß wir konservativ im schlechten Sinne sind, so nehmen wir den Vorwurf des Konservativismus insofern auf uns, als es uns Pflicht erscheint, die Tradition zu pflegen und einer Dankesschuld gegenüber unseren Vorfahren Rechnung zu tragen. Wir glauben, daß wir uns auf diese Weise den Dank der gesamten jüdischen Bevölkerung verdient haben. Baurat Kempler endete sein mit stürmischem Beifall aufgenommenes Referat mit folgendem Zitat Luegers: „Ich erkenne es in vollkommen ehrender Weise an und habe es stets offen anerkannt, daß die Kultusgemeinde die Gräber ihrer Vorfahren schützt; was den Juden