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Die Wahrheit · 1927-03-18 · Heft 12 (18.3.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 12 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nicht anders hätte ein neuzeitlicher Antisemit in der gleichen Lage gesprochen, es sind dies die typischen Vorwürfe, die auch heute gegen uns Juden erhoben werden. Und der König gab Haman unbeschränkte Vollmacht, „das zu tun, was ihm gefalle." (Esther 3, 11.) Die Juden in Persien befanden sich also in der größten Gefahr. Das Verhängnis wurde aber im letzten Moment von ihnen abgewendet und der „Fall Haman" fand damit seine Erledigung, daß dieser als Lügner und Verleumder gebrandmarkt und der verdienten Strafe zugeführt wurde. Die Wahrheit siegte über Lüge und die Gerechtigkeit über die Niedertracht. Es stellte sich nämlich heraus, daß die persischen Juden nicht nur ihre Pflichten als Staatsbürger erfüllten und den übrigen Landesbewohnern in der Treue zur Dynastie nicht nachstanden, sondern auch, daß gerade jener Jude, welcher den Anlaß zur Aufrollung der ganzen Affäre gegeben hatte, nämlich Mordechai, seinerzeit dem König das Leben gerettet hatte. Der objektive und nüchterne Bericht der Me^illa, die nichts von dem gewaltigen Schwünge der Propheten, von der liebevollen Strenge der Gesetzesbücher und der hingebungsvollen Andacht der Psalmen aufweist, sondern nur Tatsachen und den Ablauf der Geschehnisse wiedergibt, ist eben wegen ihres Realismus ein Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus von unschätzbarem Werte und verdient es, immer wieder aufs neue eingehend studiert zu werden; zeigt sie doch das Allgemeine im Besonderen und das Typische im Wechsel der Erscheinungen, denn immer wieder traten Männer gegen uns auf, die wie Haman darauf ausgehen, dem Judentum den Garaus zu machen, und immer wieder entgeht dieses durch eine wunderbare göttliche Fügung dem Verhängnis, das so oft über seinem Haupte schwebt. Purim. Die Nacht ist still, der Mondenschein hüllt Schuschan, Stadt des Königs ein. Und durch die frühlingswarme Luft zieht weicher, süßer Blütenduft. Doch in des Herrschers Marmorschloß liegt schlummerlos Achaschveros. „Und will der Schlaf den Müden meiden, das Buch bringt der Denkwürdigkeiten." Und wahllos schlägt auf seine Hand, die Stelle wo geschrieben stand: „Durch Mordechais des Juden Mund ward mörderischer Anschlag kund Auf des erhabenen Königs Leben." „Doch der deckt auf der Frevler Streben, Empfing, Beweis er meiner Huld?" „Die Sünder büßten ihre Schuld. Dem Wackern ward nicht Dank erteilet. „Bei meinem Königsworte eilet t. Und ruft den Haman mir herein, er soll mir hier Berater sein.' „Der Mann, des Treue sich bewährt, -sprich wie ihn hoch der König ehrt, Mich selbst, denkt er, Achaschveros, wohl auszuzeichnen nun beschloß." Und ganz erfüllt von diesem Wahn, er tief verneigend sich, begann: „Gehüllt in seines Königs Kleide, geschmückt mit kostbarem Geschmeide, Auf seinem Haupt des Herrschers Krone, so sein Verdienst Erhabener lohne. Man setz ihn auf Dein eignes Roß und führ ihn vor des Königs Schloß." Ein Edler ruf laut vor ihm aus: „Gesegnet sei er und sein Haus." „Dein Spruch ist gut, du selbst Haman, schreite dem Mordechai voran. Vollbring alles nach deinem Rat, so ehrt der König wackre Tat. Erschallen soll'n Fanfarenklänge um zu erhöhen das Gepränge Dies war dein erster Fall Haman und nimmer eiltest du bergan. Hobst nimmermehr dich auf vom Staub, dein Leichnam ward des Geiers Raub. Ihn hast du großer Gott gerichtet, des Bösen Anschlag ganz vernichtet, Aus tiefster Not dein Volk befreit, gelobt seist du in Ewigkeit. Beate Baumgarten. §<... Feuilleton Kochkunst. Von Dr. V. Kurrein. Nach der Ansicht des Talmuds gab es im Judentum vier berühmte, hervorragende weibliche Schönheiten: Sara, Rahab, Abigail und Esther. Schöne Frauen haben seit jeher in die Geschicke der Weltgeschichte eingegriffen, was ja das weltbekannte „cherchez Ia femme" besagt und beweist. Aber ebenso wichtig wie die Schönheit der Frau ist eine andere weibliche Fertigkeit — die edle Kochkunst. Das beweist die Purimgeschichte. Sie beginnt mit einem Mahle des Königs und der Königin, das er für die Männer, sie für die Frauen gab. Als Esther Königin wurde, gab es wieder ein Mahl für die Fürsten und Diener, das „Mahl Esthers". Die erste Bitte, die sie dem Könige vortrug, lautete: „Der König und Haman komme zu dem Mahle, das ich ihm bereitet habe." Die zweite Bitte lautete: „Der König und Haman komme zu dem Mahle, das ich ihnen bereiten werde." Und am anderen Tage beim Mahle brachte Esther ihre Bitte vor, rettete das Leben der Juden, und beim Mahle vollzog sich das Verhängnis Hamans. Als Mordechai zum Minister eingesetzt ward, gab es Gastmahl und Freude bei den Juden; als Ruhe und Frieden eingezogen war, feierte man einen Tag des Mahls und der Freude und als Susa zu Ruhe und Sicherheit kam, gab es wieder einen Tag des Mahls und der Freude, ja zum Gesetze erhoben wurde es, daß sei der 14. Adar für alle Zeit ein „Tag des Mahls und der Freude". Wie man sieht, spielt tatsächlich in dieser Geschichte das Essen eine große Rolle, aber nicht nur das, sondern das Kochen auch, ohne das es doch keine Mahlzeit gibt. Denn die Erzählung betont viermal ausdrücklich, daß Esther die Mahlzeit bereitet habe, und zweimal davon versichert Esther, daß sie das- Mehl bereitet, ein drittes Mal hören wir es von Haman und ein viertes Mal von den Dienern, die auch schon wissen, daß Esther das Mahl bereitet habe. Die Liebe geht durch den Magen, aber auch die Politik, Trauer und Freude. Des Lebens Um und Auf hängt von der edlen Kochkunst und der Köchin ab. Wie trivial, aber wie wahr! Vielleicht war Esther nicht nur das schönste Mädchen, sondern auch die beste Köchin, gehen ihre Triumphe und Erfolge nur darauf zurück, und liegt darin die Erklärung für die ganze wunderbare Fügung dieser Geschichte. Jedenfalls ergibt sich eine unbestreitbare Wahrheit: Ob König oder Diener — alle wollen gut essen; ob Königin oder Magd — allen sollen sie gut kochen! Diese Weisheit haben offenbar die vier gefeierten Schönheiten Israels genau gekannt und befolgt. Denn die Stammutter Sara buk Kuchen — und sie müssen gut gewesen sein, denn die Engel fragten gleich: „Wo ist Sara, dein Weib?" Rahab war Wirtin von Beruf und Abigail, die Gattin Nabais, brachte den Leuten Davids Brote, Wein, zubereitete Schafe, Rosinen- und Feigenkuchen und versöhnte mit Klugheit, Schönheit und gutem Essen die Zürnenden, und sagt ja die Schrift ausdrücklich, daß Nabal in seinem Hause das Mahl „wie das eines Königs" hatte. Es ist überflüssig zu sagen, daß jede der vier Schönheiten und Kochkünstlerinnen ihren schönen Lohn erhalten hat, aber nicht überflüssig zu sagen ist es, daß auch die Liebe zum Judentum bei vielen durch den Magen geht und unbestreitbar öfter und gewissenhafter als Ta'anith Esther die Purimsude gehalten wird; ja vielleicht dankt das Purimfest mehr als Porimrolle den Kochkünsten der jüdischen Frauen, daß es sich in so angenehmer Erinnerung hält. Zugeben muß man, daß die Frauen von der Küche aus eine hervorragende und wirksame Werbearbeit

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