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Die Wahrheit · 1927-03-18 · Heft 12 (18.3.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 12 (18.3.1927)
Date
1927-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£rscfkeintf Jeden 5FreMa6 &reis dieser JQfummer: SO ffrosdien D/E WAHRHEIT Cestexweidkisdke Wo&cnsdkwift für jüdiscne Jnferessem Veröffentfiifkungen der „Union, deutsdhösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien IL, 3€emestwaße Jtr. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 18. März 1927 Nummer 12 Der Fa// Hamern. Eine Purimbetrachtung. In einer Zeit, in welcher sogenannte „Fälle" die öffentliche Meinung immer wieder aufs neue in Erregung versetzen und von den politischen Parteien leidenschaftlich ausgebeutet werden, erscheint es nicht zwecklos eines Falles zu gedenken, der als der Fall der Fälle, als der Typus all seiner zahlreicher Nachfolger bezeichnet werden kann, nämlich des Falles des königlich persischen Hofwürdenträgers und Geheimen Rates Haman. Was versteht man überhaupt unter einem „Fall"? Irgendeine individuelle Handlung, irgendein Ereignis, mag es an und für sich bedeutungsvoll sein oder nicht, mag es wahr sein oder falsch, wird dann zu einem „Fall", wenn es aus irgendwelchen Gründen aus der Sphäre des Persönlichen und Einzigartigen heraustritt, wenn es zu einem Politikum gemacht wird und als solches allgemeine und symbolische Bedeutung gewinnt. Es zieht dann immer weitere Kreise in Mitleidenschaft und die Entscheidung, die darüber gefällt wird, gestaltet sich nicht bloß zu einer Entscheidung über Sein und Nichtsein der an dem Ereignisse unmittelbar Beteiligten, sondern einer Klasse, Gesellschaftsschichte, ja unter Umständen sogar des ganzen Volkes, dem die Beteiligten angehören. Also Exzellenz Haman war ein Antisemit, und zwar dürfte er ein Rassenantisemit gewesen sein, da es sich ihm weder um die religiöse Bekehrung noch um die wirtschaftliche Unterjochung der Juden zu tun war, „sondern er trachtete alle Juden, die im ganzen Königreich Ahasveros waren, zu vertilgen" (Esther 3, 6). Die politische Macht, deren sich Haman erfreute, war dank des uneingeschränkten Vertrauens, das der König in ihn setzte, eine solche, daß man von einer Diktatur wohl zu sprechen berechtigt ist. Denn der „König Ahasveros machte Haman groß und erhöhte ihn und setzte seinen Stuhl über alle Fürsten, die bei ihm waren." (Esther 3, 1.) Es ist begreiflich, daß sich viele um die Gunst oder, wie der schöne, aus unserem heutigen Leben leider nicht mehr wegzudenkende Ausdruck lautet, um die „Protektion" dieses Mannes bewarben und daß er auch die größten äußeren Ehrenbezeugungen genoß. „Und alle Knechte des Königs beugten die Knie und beteten Haman an." (Esther 3, 2.) Nur einer war da, welcher sich nicht vor der Macht beugen wollte, der keine Opportunitätspolitik betrieb und, um mit Schiller zu sprechen, „dem Geßler-Hut keine Reverenz beweisen wollte." „Aber Mordechai beugte das Knie nicht und betete ihn nicht an." (Esther 3, 2.) Und nun beginnt das Typische an der Angelegenheit, das, was die an und für sich bewundernswerte Tat dieses aufrechten und stolzen Mannes aus dem Rahmen des Einmaligen und Alltäglichen hinaushebt. Mordechai war Jude. Wäre er ein xbeliebiger Perser gewesen, dann hätte sich Haman entweder nicht weiter um ihn gekümmert oder sich mit seiner Disziplinierung, bzw. einer geringfügigen Ordnungsstrafe zufrieden gegeben. Da er aber ein Hebräer war, wurde die Sache sofort zu einer Haupt- und Staatsaktion gemacht. Wäre Kapitän Dreyfus kein Jude gewesen, nie hätte es einen „Dreyfus-Fall" gegeben, ebensowenig wie ein „Fall Haas", ein Fall „Steiger", ein „Fall B e 11 a u e r" u. v. a. entstanden wären, wenn die Betreffenden nicht Juden oder Judenstämmlinge wären. Und noch etwas anderes ist typisch am „Fall H a a s", ein „Fall Steige r", ein „Fall Mißfallen eines Antisemiten erregt, dann spricht er nicht über diesen allein, sondern gleich über alle Juden das Verdammungsurteil aus. Niemals heißt es dann „der Jude", sondern immer gleich „die Juden". Mag nun ein Jude wirklich eine verabscheuungswürdige Handlung begangen haben oder mag er sich nur zu den bestehenden Anschauungen in Wort oder Tat in Widerspruch gesetzt haben, immer werden die Juden in ihrer Gesamtheit für seine Handlung oder Unterlassung verantwortlich gemacht. Auch in diesem Falle war es so- Mordechai ist für Haman nur ein Anlaß, eine Gelegenheit, um seinem fanatischen Hasse, seiner niederen Mißgunst gegen das Judentum Ausdruck zu verleihen. „Und er verachtet es, daß er an Mordechai allein sollte die Hand anlegen, denn man hatte ihm das Volk Mordechais angesagt." (Esther 3, 6.) So ist Haman die Abstraktion aller Judenfeinde, das „Ideal der Antisemiten". Haman ging bekanntlich sogleich zu König Ahasveros und erhob nicht etwa gegen Mordechai, durch dessen Verhalten er sich verletzt fühlte, sondern gegen alle Juden die schwersten Vorwürfe: „Die Juden mißachten die Gesetze des Staates, sie widersetzen sich den Anordnungen der Regierung, sie bilden eine Gefahr für das ganze Land, mit einem Worte, sie müssen vertilgt, mit Stumpf und Stil ausgerottet werden."

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